Kommentar: Ein Regenbogen für den Fußball

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Mit Regenbogenfarben: Manuel Neuer und seine Kapitänsbinde bei der Euro 2020 (Bild: REUTERS/Matthias Schrader)
Mit Regenbogenfarben: Manuel Neuer und seine Kapitänsbinde bei der Euro 2020 (Bild: REUTERS/Matthias Schrader)

Mannschaftskapitän Manuel Neuer trägt eine Binde in Regenbogenfarben – aus Solidarität mit der LGBTQ-Gemeinschaft. Das ist schon mal ein Anfang. Und mehr kann folgen.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Plötzlich sind die Farben eines Regenbogens politisch. Die UEFA bildete sich tatsächlich ein, an ein Ermittlungsverfahren gegen Manuel Neuer denken zu können: Weil der Kapitän der deutschen Fußballnationalmannschaft in den ersten beiden EM-Spielen eine Binde mit Regenbogenfarben am Arm trug – eben der Bewegung jener, die sich damit nicht einverstanden erklären, dass lesbische, schwule, bisexuelle, trans und queere Menschen schlechter behandelt werden, weil sie sind, was sie sind. Die ihnen gleiche Rechte und Freiheiten nicht absprechen wollen, weil dies schlicht gemein wäre.

Gerade im Fußball ist es mit den Freiheiten nicht sehr weit her. Auf einen schwulen Profifußballer, der sich während seiner Laufbahn offen zu seiner Sexualität erklärt, warten wir immer noch. Denn die Mentalitäten der Kicker und des sie umringenden Apparats hat in den vergangenen Jahren zwar enorm viel dazugelernt. Aber er hat sich aus Abgründen heraus auf den Weg gemacht, und dieser Marsch ist nicht kurz. Noch immer wabert im Männerfußball eine komische und natürlich lächerliche Auffassung von „Männlichkeit“, zu der angeblich eine Homosexualität nicht „passen“ würde. Dabei passt diese andere Menschen runtermachende Sichtweise nicht zur Menschlichkeit und nicht andersrum.

Geschichte wird gemacht, es geht voran!

Dass Neuer nun solch eine Binde trägt, ist ein Fortschritt. Es ist auch ein Sprung nach vorn, dass die Stadt München plant, das Olympiastadion für das Mittwochspiel gegen Ungarn in den Regenbogenfarben anzustrahlen. Da gab es auch die erste Aufregung, und dies zeigt, wie wichtig solch ein Unterfangen ist. Denn am vergangenen Dienstag hatte das ungarische Parlament ein Gesetz gebilligt, das die Informationsrechte von Jugendlichen im Hinblick auf Homosexualität und Transsexualität einschränkt. Und wir leben alle in einem Europa. Die ungarische Regierung mag sich in ihrer nationalen Souveränität manchen Kram ausdenken – aber ihr Motiv ist klar: Es geht ihr nicht um Sexualität, nicht um Kinder, nicht um Jugendliche, sondern um das Abfangen von Stimmen älterer Wähler, vornehmlich Männer, die gerne Ressentiments pflegen und herumhassen anstatt mehr Positives in ihr Leben zu lassen. Es ist ein billiger Populistentrick. Und da darf man dann, unter guten Nachbarn, auch ein Regenbogenlicht draufstrahlen lassen.

Denn: Der Einsatz für Rechte anderer ist ein Engagement für Menschenrechte. Das ist zwar politisch, aber nicht politisch „einseitig“ oder „parteiisch“. Menschenrechte sind universell. Sie gelten uneingeschränkt. Und wer sie einschränkt, dem gehört das zumindest auch entsprechend mitgeteilt. Um nichts anderes geht es bei diesen Farbenmanövern.

Und die Ungarn sind notwendige Adressaten. Immerhin hat IHR Ministerpräsident es schon als Provokation angesehen, dass Spieler vor einem Match in Budapest aus Solidarität mit dem Kampf gegen Rassismus kurz niederknieten. Das ist auch so eine Sache mit dem Menschenrecht. Ziemlich universell. Aber seinen Rassismus und seinen Sexismus will sich Viktor Orbán nicht nehmen lassen. Also alle Lichter an.

Jetzt keinen Schwips kriegen

Gleichwohl sollten wir uns dafür nicht wohlfeil beklatschen. Eine Binde und ein buntes Stadion ersetzen nicht, dass es Spieler aus der LGBTQ-Gemeinschaft schwer haben, sich frei in das Fußballleben einzubringen. Hier ist ein Kampf zu führen, der weit über Regenbogensymbolik hinausgeht. Die Fußballwelt hat einen langen Weg in Richtung Respekt zurückgelegt – aber sie hat auch noch ein gutes Stück an Strecke zu bewältigen.

Daher wäre es gut, wenn jemand wie Neuer mal konkret darüber spricht, warum, wenn überhaupt, Fußballer erst nach ihrem Karriereende über ihre vom „Mainstream“ abweichende Sexualität sprechen. Er könnte davon sprechen, was und wie in der Kabine geredet wird, über Hierarchien und über die wohl meist unüberlegte Tendenz, sich auf Kosten anderer zu erheben oder lustig zu machen oder wasweißich.

Es ist leicht, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Auf uns selbst können wir dann indes auch mal schauen.

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