Kommentar: Endlich mal Cancel Culture bei Olympia

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Darf man alles sagen? Ja, aber bei einem Sportfest, das angeblich die Völker verbindet, gibt es dann auch Konsequenzen. (Bild: Tom Weller/DeFodi Images via Getty Images)
Darf man alles sagen? Ja, aber bei einem Sportfest, das angeblich die Völker verbindet, gibt es dann auch Konsequenzen. (Bild: Tom Weller/DeFodi Images via Getty Images)

Der Radrenn-Sportdirektor Patrick Moster muss Tokio verlassen – wegen rassistischer Äußerungen. Darf man alles sagen? Ja, aber bei einem Sportfest, das angeblich die Völker verbindet, gibt es dann auch Konsequenzen.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Als ich zuerst las, dass bei den Olympischen Spielen jemand nachhause muss, dachte ich: Vielleicht ist er in einem Wettbewerb ausgeschieden oder hat sich verletzt. Dann erfuhr ich: Patrick Moster, Sportdirektor der Bahnradfahrer, wurde wegen seiner Wortwahl weggeschickt. „Hol die Kameltreiber! Hol die Kameltreiber! Komm!“, rief er am Straßenrand seinem Schützling Nikias Arndt zu. Doch das Rätsel lüftete sich mir immer noch nicht.

Was sollte der Fahrer holen? Ist „Kameltreiber“ ein Fachbegriff im Radrennsport? Manche Fahrer strampeln ja für andere, um sie anzutreiben oder ihnen Windschatten zu geben. Es ergab für mich erstmal keinen Sinn.

Schließlich kam heraus: Vor Arndt fuhren zwei Athleten aus Algerien und Eritrea. Und da fiel mir ein: Was in Algerien durchaus kein Schimpfwort, sondern die Bezeichnung für einen ehrenwerten Beruf ist, existiert in Deutschland als Beleidigung für Menschen südlich des eigenen Horizonts im Allgemeinen und aus dem Nahen Osten im Speziellen.

Kamele sind edle Tiere. Für Touristen ist es ein Highlight, wenn sie auf den anmutenden Tieren sitzen dürfen und sie dann gegenüber den Nachbarn im Schrebergarten in Gastrop-Rauxel, die nur einen Rauhaardackel und zwei Kanarienvögel aufweisen, mit den Fotos kräftig in Vorhand gehen können. Trotzdem fungierte „Kameltreiber“ im Westdeutschland der Siebziger und Achtziger als Diffamierung wie „Kümmeltürke“ oder „Kanake“. Hauptsache, man sitzt oben im Sattel und schaut auf andere herab.

Es kommt raus, was drinsteckt

Was steckt da in einem, wenn man sowas am Straßenrand aus sich herausbrüllt, um jemand anderen anzufeuern? Sollte Radsportler Arndt es so verstehen, dass es unter seiner arischen Würde sein sollte, wenn zwei Wettbewerber aus Afrika ihm davonfahren? Sollte er verstehen: Das sind doch nur XY, die kriegst du schon…

…Arndt verstand es dann so: Er zeigte sich „entsetzt über die Vorfälle“ beim Zeitfahren und distanzierte sich von „nicht akzeptablen Aussagen“.

Klar, es war plumper Rassismus.

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Nicht so eindeutig zeigte sich die Riege der Radsportmanager. Da war zuerst von „Entgleisung“ die Rede, wobei ich mich frage, welch ein Lokführer bei sowas in der Kabine sitzt. Alles nach Plan, aber dann gab es eine kleine Entgleisung. Mein Onkel war übrigens Lokführer. Für den galt eine Entgleisung bestimmt als der schlimmste seiner Alpträume. So haben die Funktionäre ungewollt das Richtige gesagt, jedenfalls treffender formuliert als Alfons Hörmann. Der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), also der Vereinigung der Großhappen-am-Büfett-Wegesser, sprach in einer ersten Reaktion auf Mosters Beleidigungen lediglich von „einer solchen Aussage“ – er nannte das Kind nicht beim Namen. Dann erklärte er, die Delegationsleitung habe aus Gesprächen mit Moster „ein gutes und sicheres Gefühl mitgenommen“. Konsequenzen jedenfalls sollte es keine geben.

Welch ein Gefühl meinte Hörmann? Dass Moster es mit dem „Kameltreiber“ nicht so gemeint habe, dass ihm da nur ein Kamel durchgegangen sei? Letzteres würde dokumentieren, wie er tickt. Und ist Hörmann jemals rassistisch beleidigt worden, rief man ihm als Kind auf der Straße „Kanake“ hinterher, so dass sein Gefühl in dieser Angelegenheit irgendetwas zählte?

Hörmann sollte seine Gefühle besser für sich behalten.

Rassismus goes home

Mittlerweile hatte die Sportwelt verstanden, was da passiert war; Kameras hatten ja den Moment am Straßenrand festgehalten. Es gab Druck von allerorten, übrigens zuerst von den Sportlern selbst, von anderen Sportverbänden, und erst dann von der Politik. Da fuhren dann die deutschen Radfunktionäre an den Rand, stiegen ab und sagten Moster leise Ciao.

Der ist also nun auf dem Weg nach Deutschland.

Ein Fall von Diskriminierung? Von „Cancel Culture“? Darf man jetzt nicht einmal…

…Kameltreiber sagen?

Also, wenn es darum geht, jemanden wegen seiner Herkunft zu beleidigen, dann darf man es sagen, strafbar ist es ja nicht. Aber dann darf man auch die Konsequenzen entgegennehmen: dass Andere dies als rassistische Äußerung aufklären und benennen. Und wenn jemand sowas sagt bei der Ausübung eines offiziellen Amtes, das übrigens aus Bundesmitteln bezahlt wird und somit eine Vorbildrolle einzunehmen hat, dann: Ciao.

Endlich gibt es einmal eine Cancel Culture bei den Olympischen Spielen. Bleibt nur noch eine Frage: Wenn Kamelrennen olympische Disziplin werden sollten – welche rassistische Beleidigung lassen wir Mosters uns dann einfallen?

Im Video: Olympische Spiele: Radsportdirektor sorgt für Rassismus-Eklat

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