Kommentar: Falscher Pazifismus bringt erst recht nichts

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Zerstörungen im ukrainischen Mariupol. (Bild: REUTERS/Alexander Ermochenko)
Zerstörungen im ukrainischen Mariupol. (Bild: REUTERS/Alexander Ermochenko)

Friedfertigkeit bedeutet nicht Wehrlosigkeit. Wer gegen Waffenlieferungen an die umkämpfte Ukraine ist, sollte sich was einfallen lassen – sonst endet man wie die AfD. Bisher jedenfalls kam nichts Brauchbares dabei heraus.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Für die AfD ist die Angelegenheit einfach. Schließlich ist sie ja die Partei der Antworten und nicht der Fragen. Der Krieg in der Ukraine ist schlicht nicht ihre Baustelle, damit hat sie nichts zu tun. Das funktioniert, weil man es mit Moral und Mitgefühl auf politischer Ebene nicht so hat. Klar, wer sich aus den Kämpfen um die Ukraine raushält, spart Kosten und riskiert nicht unmittelbar haftbar gemacht zu werden – der typische Pontius-Pilatus-Reflex.

Für andere aber, Friedensbewegte, die auf einer weit von der AfD entfernten Scholle stehen, bleibt diese Option eigentlich nicht. Es ist ja Kerngerüst linker Überzeugungen, sich für Freiheit und Demokratie einzusetzen. Das Selbstbestimmungsrecht der Völker hochzuhalten und sich an die Seite der Schwächeren und Entrechteten zu stellen. Es ist also typisch rechts, einen Diktator wie Wladimir Putin machen lassen zu wollen und typisch links, sich mit den Ukrainern zu solidarisieren; egal wie viele Nazis dort rumlaufen, ein Grund zum Angriff und zur Kolonisierung ist dies nicht.

Wer also heute fordert, dass Frieden ohne Waffen geschaffen werden soll, muss weiterdenken und sagen, wie das möglich wäre. Momentan sprechen ja die Waffen.

Nur mal so phantasiert

Was ich bisher vernommen habe, ging über die Forderung, jetzt dringend zu verhandeln, nicht hinaus. Ich glaube, diese Option gilt derzeit als ausgereizt, obwohl natürlich immer weitergeredet werden muss, schon allein um eine weitere Eskalation zu vermeiden.

Wer also Olaf Scholz ausbuht, weil der Kanzler nun doch schwere Waffen in die Ukraine schickt, sollte wissen: Was soll denn sonst gemacht werden?

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Nur zur Veranschaulichung: Stellen wir uns vor, in Dänemark würde ein grausamer König herrschen. Er hat die Freiheiten in seinem Land beschnitten, herrscht diktatorisch und lässt Kritiker vergiften. Dann meint er, dass im benachbarten Deutschland eine dänische Minderheit lebt, und die seien natürlich seine Untertanen, denn er liebt Untertanen, wenn sie seine Untertanen sind, von wegen Macht und so. Der König sucht also einen Vorwand und schickt dann seine Soldaten nach Schleswig-Holstein. Überhaupt denkt er, dass diese komischen Deutschen eigentlich verkappte Dänen sind und endlich ins Reich einverleibt werden sollten. Also stoppen seine Panzer nicht in Kiel, sondern rollen weiter und weiter.

Was würden Ostermärschler machen? Würden sie immer noch denken, die Bundeswehr sollte in der Kaserne bleiben und zusehen, wie dänische Soldaten kommen, die Mähdrescher von den Bauernhöfen klauen und Frauen vergewaltigen?

Nein, das ist keine moralische Entrüstung, keine Überhöhung, kein sich Besserstellen über Andere durch gezielte Emotionalisierung statt eines Strebens nach Vernunft. Es ist Realität. Russlands Krieg ist imperialistisch und kolonialistisch.

Alle Gefahren im Blick

Wer den Ukrainern nun nicht mit militärischer Ausstattung beisteht, lässt sie allein in diesem Krieg, den sie nicht gewollt haben. Liefert sie dem grausamen, Giftmorde befehlenden König aus.

Bleibt die Gefahr, dass alles noch schlimmer kommt. Aber die Mahner vor einem Atomkrieg, die deswegen die Ukrainer praktisch im Stich lassen, fallen genau jener Logik zum Opfer, die sie bekämpfen. Frieden schaffen ohne Waffen – das machte im Kalten Krieg Sinn. Es war richtig, sich gegen das Aufstellen von Atomraketen in Westdeutschland zu engagieren – um die Spirale der atomaren „Abschreckung“ nicht endlos in die Höhe zu treiben. Es ging darum, einen Krieg zu verhindern. Heute aber ist der Krieg da. Und natürlich wedelt ein Lügenverbrecher wie Putin mit seinen Atomraketen, um damit den Westen von einer Hilfe der bedrängten Ukrainer abzuschrecken.

Es ist nicht an uns, den Ukrainern paternalistisch zu sagen, wann ihr Leiden im Krieg nun genug sei und sie besser aufgeben und sich „säubern“ lassen. Es ist an uns, keine Soldaten zu schicken, keinen Luftraum mit militärischen Drohungen zu sichern und nicht Kriegsteilnehmer zu werden. Das tut man nicht, indem man 40 Jahre alte Panzer aus dem Museum verschenkt. Aber mit hehren Worten ist es nicht getan. Mehr ist zu bieten. Und da versagen die Friedensbewegten, die nicht liefern lassen wollen. Sie liefern nicht.

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