Kommentar: Fordern die Grünen ein Flugverbot?

·Reporter
·Lesedauer: 4 Min.
Ist das die Zukunft des Flugtourismus? Prinz William und Herzogin Kate in Neuseeland (Bild: REUTERS/Anthony Devlin)
Ist das die Zukunft des Flugtourismus? Prinz William und Herzogin Kate in Neuseeland (Bild: REUTERS/Anthony Devlin)

Die Kanzlerkandidatin der Ökopartei kritisiert Billigflüge. Das kann sie Beliebtheit kosten. Aber sie eröffnet damit ein notwendiges Gespräch.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Dass über Annalena Baerbock endlich auch inhaltlich berichtet wird, ist ein Fortschritt. Über die Kanzlerkandidatin der Grünen wurde in letzter Zeit der übliche sexistische Mist geschrieben: Eine Menge Fakenews über angebliche Nacktbilder, einen angeblichen Hundehass und einen angeblich fehlenden Studienabschluss, nicht wenig davon von russischen Trolls gesteuert und von den rechten Lautsprechern gern weitergeleitet.

Damit muss der Wahlkampf in Deutschland leben. Und sich bewusst machen, dass es diese Kampfansage zur Destabilisierung unserer Demokratie gibt.

Nun aber kommen nach dem ersten Hype und den darauf folgenden ersten Cyberattacken endlich inhaltliche Debatten in Gang. Klar ist, dass der Höhenflug der Grünen bald geerdet wird, wenn sie Farbe bekennen müssen. Regieren wollen heißt, konkret zu werden; es sei denn, man versucht sich mit rechtspopulistischen Parolen durchzumogeln, aber man mag den Grünen vieles vorwerfen – dies indes nicht.

Lesen Sie auch: Studie: Klimawandel macht neue Nutzpflanzen-Sorten notwendig

In ihrer Parteigeschichte kennt man manche Säue, die durchs Dorf getrieben wurden. Da war mal ein Gedankenspiel rund um fünf DM pro Liter Benzin, das von den politischen Wettbewerbern zum Autoverbotsakt hochgejazzt wurde, oder der Vorschlag eines „Veggidays“, der zum allgemeinen Fleischverbot posaunt wurde. Merke: Wenn deine eigene Partei zu gelangweilt von dir ist, inszeniere eine Aufregung und destilliere irgendein Detail. Nach diesem Rezept wird die Union in diesem Wahlkampf in ihrer Verzweiflung erst recht verfahren.

Von Perspektiven und von Verboten

Nun hat also Baerbock in einem Interview solch eine Steilvorlage geliefert. Kurzstreckenflüge solle es „perspektivisch nicht mehr geben“, sagte sie. Auch Billigpreise wie Mallorca-Flüge für 29 Euro sollen nicht mehr angeboten werden. "Jeder kann Urlaub machen, wo er will. Aber eine klimagerechte Besteuerung von Flügen würde solche Dumpingpreise stoppen."

Das ist reichlich Munition. Und schon klagt die FDP über die vermeintliche Regelwut und mangelndes liberales Feeling bei den Grünen, und die CDU sieht darin reichlich Übertriebenes, während Olaf Scholz von der SPD im Grunde das gleiche sagt wie Baerbock – aber ihm hört gerade kaum jemand zu.

Dass es Kurzstreckenflüge „perspektivisch“ nicht mehr geben soll, ist alles andere als ein Dekret par ordre du mufti. Reisen soll nicht verhindert werden, sondern anders gestaltet werden. Die Alternative: die Bahn. Ja, zugegeben, über die Bahn wird zurecht gelästert. Oft zu spät, zu geringe Taktung und überhaupt. Aber es nützt ja nichts. Diese einstündigen Flüge plus hin zu einem weit entfernten Flughafen und zurück von einem anderen machen so viel Sinn wie ein Burger ohne Ketchup. Es kann mir keine Geschäftsperson sagen, es ließe sich perspektivisch nicht gut arbeiten, wenn…

…gewisse Bedingungen erfüllt sind: Echte Ruhe in den Abteilen für Arbeitende, funktionierendes Internet, bessere Taktung und mehr Pünktlichkeit. Dies zu erreichen, ist keine Hexerei. Also hat Baerbock im Interview nicht vom Mond geredet, sondern sinnvolle Perspektiven skizziert, wenn man Klimaschutz ein bisschen ernst nehmen will.

Wer was beschlossen hat

Auch der Aufschrei wegen der „Mallorcaflüge für 29 Euro“ klingt wohlfeil. Zum einen sollten CDU und CSU in das von ihnen verabschiedete Klimaschutzprogramm der Bundesregierung schauen. Dort steht auf Seite 67: „Im Zuge der Änderung des Luftverkehrssteuergesetzes werden Dumpingpreise bei Flugtickets verhindert…“ Aber wen kümmern schon die eigenen Unterschriften, in Zeiten des Präwahlkampfes? Zumal die Union ja noch kein eigenes Wahlprogramm vorgelegt hat, tut für den Wähler eine Orientierung entlang der selbst gesteckten Regierungsziele not.

Lesen Sie auch: Baerbock will Aus für Kurzstreckenflüge - Union dagegen

Perspektivisch heißt dies, dass Urlaubsflüge für wenig Wohlhabende schwieriger bis unmöglich werden. Ist das hinnehmbar oder eben eine Luxusforderung jener Grünen, die eh immer genügend in der Tasche haben? Vielleicht muss es hinnehmbar sein. Es gab schließlich Urlaubszeiten ohne Billigflugangebote, die gar nicht lange her sind. Und es lassen sich viele Urlaubsziele in Europa finden, die mit der Bahn erreichbar wären.

Am wichtigsten wird also sein, dass Bahnfahren deutlich billiger wird. Das bisherige Preissystem der Bahn ist nicht zukunftsfähig, weil es Fernreisen in andere Länder und kurzfristiges Buchen für viele unmöglich macht – so teuer sind dann die Tickets.

Hier eröffnet sich eine wirkliche Chance, Marktwirtschaft mit Umweltschutz zu kombinieren: Die Flugpreise waren auch deshalb so billig, weil der Flugzeugtreibstoff Kerosin ungemein subventioniert wird, sozusagen von einem planwirtschaftlichen Eingriff lebt, den die Bahn gern hätte. Und den die Bahn nun braucht, um all die oben genannten Bedingungen zu erfüllen und preislich attraktiv zu werden. Das ist sie nämlich noch nicht.

Baerbock werden all diese Aussagen schaden, denn sie lassen sich zerfleddern. Aber sie stößt damit eine wichtige Debatte an. Und aus einem grünen Wolkenkuckucksheim heraus wird ein Kanzlerinnenamt bestimmt nicht erobert. Also her mit dem inhaltlichen Streit. Das ist allemal besser als jede Fakenews aus Moskau.

Im Video: Schwimmende Iglus gegen den Klimawandel: Forscher wollen Kaiserpinguine retten