Kommentar: Großbritannien wählt den Clown

Vollmundige Versprechen sind sein Markenzeichen: Der britische Wahlsieger Boris Johnson (Bild: REUTERS/Dylan Martinez)

Mit Lügen an die Macht: Boris Johnson hat es geschafft – er bleibt nach den Parlamentswahlen Premierminister. Die Lachnummer geht in die nächste Runde.

Ein Kommentar von Jan Rübel

„Get the Brexit done“, das war der Wahlslogan der regierenden Tories in Großbritannien, der konservativen Partei. Und die Briten wollten wohl endlich etwas getan sehen, bloß ein Ende finden in diesem unsäglichen Drama rund um den EU-Austritt ihres Landes, der seit einer gefühlten Eiszeit Europa nervt und Großbritanniens Politik lähmt. Endlich einen Strich ziehen, egal unter was.

Den Pinsel darf nun Boris Johnson führen. Seine Partei hat die Wahlen gewonnen. Das ist ein Witz, oder wie der Berliner „Tagesspiegel“ den Journalisten Mark Espiner zitierte: „These clowns are beyond parody.“

Nicht zu vergessen ist, dass Johnsons Verhalten mit dem eines Clowns am besten zu beschreiben ist. Ein durchaus lockerer und humorvoller Typ, der nett lächeln kann und sich wie selbstverständlich überall dazusetzen kann – ob ins Pub oder in den Teesalon eines Elitenclubs; das nötige Selbstbewusstsein besitzt der Sohn einer seit Generationen privilegierten Familie. Andere nennen es Snobismus. Aber der kann ja wirklich humorvoll wirken.

Die Briten vertrauen also ihr weiteres Schicksal einem Mann an, der sein Charisma nutzte, um als Jüngling aus einem Praktikum bei der Zeitung „Times“ geschmissen zu werden, weil er ein Zitat verfälscht hatte. Er schien Gefallen daran zu finden: Beim „Daily Telegraph“ schaffte er es tatsächlich zum Europakorrespondenten und erfand reihenweise Lügengeschichten über EU-Regulierungen. Er wusste: Das kommt an. Bürokratie und so. Sein damaliger Chefredakteur hat übrigens vor einiger Zeit ihm Untauglichkeit für das Amt des Premiers bescheinigt. Aber den Briten ist auch ein lügender Clown recht.

Immer weiter an der Schraube drehen

Johnson log auch als Politiker weiter. Im Wahlkampf rund ums Brexit-Referendum log er mit gefälschten Zahlen und wollte nur seinen parteiinternen Rivalen David Cameron als Premier schädigen; um den realen Brexit ging es ihm nicht. Als das Ergebnis feststand, war er baff. Und dann drehte er weiter an der Schraube. Camerons Nachfolgerin im Amt ließ er mit der EU über die bittere Suppe des Austritts verhandeln, spuckte ihr regelmäßig hinein, und als Thereza May endlich entnervt aufgab, griff er zu; als erstes verhandelte er mit der EU ein Abkommen, das sich von den früheren ausgehandelten Mays nicht wirklich unterscheidet, aber Johnson geht es nur um eines: um Macht.

Schon interessant, dass es bei politisch Rechts stehenden Leuten eine ausgeprägte Abneigung gegen ein „Establishment“ und eine „Bürokratie“ von „da oben“ gibt, welche keine Werte mehr besitze und nur an Macht denke – und gleichzeitig wählen diese Leute regelmäßig genau solche Paradevertreter dessen, was sie zu hassen vorgeben. Das kriegt die Linke längst nicht so gut hin.

Ein weiterer Ziegelstein der Clownokratie

Johnson ist eine Marke. Sein Wuschelhaar ist unverwechselbar wie der orangefarbene Dingsdascheitel von Donald Trump. Lügen machen bei ihm Purzelbäume wie bei Trump. Werte kennt er so wenige wie Trump. Kein Wunder, dass die beiden Buddys sind.

Nun haben die Briten, und Europa hat es mit ihnen, ein Ende mit Schrecken. Klar, alles ist besser als die Lähmung der vergangenen Jahre. Und zu lachen wird man mit Boris auch haben. An alles weitere, an den aktuellen Siegeszug der Clowns, denken wir für einen Moment besser nicht. Denn diese Kopfschmerzen kommen bestimmt.