Kommentar: "Hurensohn", Trump und der Beißreflex

Tobias Huch
Journalist und Englandkorrespondent
Donald Trump bei seinem Wahlkampfauftritt in Milwaukee (Bild: Reuters/Kevin Lamarque)

“Verbal-Ausfall”, “Schimpf-Tirade”, “Attacke”: Im deutschen Blätterwald herrscht wieder einmal große Aufregung über Donald Trump, weil er den durch die USA gezielt liqidierten “General” Qassem Suleimani - einen der übelsten Kriegsverbrecher, Kriegstreiber und Massenmörder unserer Zeit - in einer Rede als “Son of a bitch” bezeichnet hatte.

In Deutschland wird dieser in den USA weit verbreitete Kraftausdruck gerne wörtlich mit “Hurensohn” übersetzt (einem Wort, das hierzulande zum alltäglichen Sprachgebrauch auf deutschen Schulhöfen gehört und im Duden als “stark abwertendes Schimpfwort” eingetragen ist). Es scheint also vor allem für viele so, als hätte der Führer der freien Welt wieder einmal jede Contenance verloren und seine primitive Ader gezeigt.

Man mag über Trumps Manieren geteilter Meinung sein – doch die Verwendung des Ausdrucks “Son of a bitch” taugt gerade nicht zum Beweis für die scheinbare präsidiale Grobschlächtigkeit. Befasst man sich nämlich eher politikwissenschaftlich mit dem Gebrauch dieser Formulierung und taucht ein wenig in die US-Geschichte ein, so stößt man recht schnell auf einen prominenten Demokraten: Es war nämlich angeblich kein Geringerer als Franklin D. Roosevelt, 32. Präsident der Vereinigten Staaten, der den Begriff “Son of a bitch” in den politischen Sprachgebrauch eingeführt haben soll.

Ob Roosevelt diese Worte tatsächlich in den Mund genommen hat, ist dabei umstritten. Gemünzt waren sie auf den ab den 1930ern von den USA gestützten Diktator von Nicaragua, Anastasio Somoza García, über den “FDR” der Überlieferung nach sagte: “He may be a son of a bitch, but he’s our son of a bitch” (“Er mag ein Hurensohn sein, aber er ist unser Hurensohn”). Ungeachtet der Diskussion über seine Authentizität, wurde das selbstkritische Bekenntnis zum festen Terminus in der Politikwissenschaft: Bis heute spricht man von der “Hurensohnpolitik” der USA.

Der Begriff bezieht sich auf fragwürdige Verbündete der USA, Diktatoren und sogar Menschenrechtsverbrecher, die für die US-Politik dennoch ihren Nutzen hatten und deshalb von ihnen geduldet wurden. Bis heute ist dieser Opportunismus ein Wesenswerkmal der US-Außenpolitik, denn nach wie vor unterstützen die USA ihnen nützliche Regimes. Trump selbst bekannte sich zu dieser Linie, als er unumwunden zugab, dass man auch dann am saudischen Kronprinzen Bin Salman festhalten würde, wenn er des Mordes an Jamal Khashoggi überführt wäre.

An der IS-Front im Irak: Auch Suleimani war für die USA eine Zeitlang von Nutzen (Bild: Reuters/Stringer)

Die zynische Offenheit jedoch, mit der Roosevelts angebliche Wortwahl von Medien und Öffentlichkeit wohlwollend bis zustimmend aufgenommen wurde, lässt man bei Trump natürlich nicht gelten: Geflissentlich wird übersehen, dass die Titulierung Suleimanis als “Hurensohn” von ihm vielleicht gar nicht als menschenunwürdige Beleidigung gemeint war, sondern sich auf die Rolle bezogen haben könnte, die der iranische Terrorfürst jahrelang für die USA spielte.

Tatsächlich hatten die USA Suleimani, seine Netzwerke und Milizen indirekt unterstützt, solange er etwa den IS bekämpfte und selbst seine Kriegsverbrechen für Washington und den Westen von Nutzen waren. Suleimani war für die USA tatsächlich ein willkommener “Son of a bitch” - und zwar solange, bis er seinen Zweck erfüllt hatte.

Sobald er dann für die ihm zugedachten Aufgaben nicht mehr benötigt wurde, ließ man ihn fallen und "neutralisierte" ihn - indem man ihn wieder auf das reduzierte, was er immer gewesen war: Einer der schlimmsten Terroristen unserer Zeit. Der Drohnenangriff auf Suleimani mag völkerrechtlich illegal gewesen sein, doch er wurde in den USA und im Nahen und Mittleren Osten von vielen Menschen begrüßt. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Suleimani zuvor Amerikas nützlicher “Hurensohn” gewesen war.

Entweder wollte Trump genau darauf hinweisen, als er den Ausdruck gebrauchte – oder seine Ehrlichkeit war unbeabsichtigt, was aber am Wahrheitsgehalt seiner Aussage nichts ändert.