Kommentar: Ist die CDU modern genug für einen schwulen Kanzler?

Jens Spahn, einer der gehandelten Kandidaten für die Kanzlerkandidatur bei der CDU (Bild: Getty Images)

Deutschlands größte Boulevardzeitung macht Jens Spahns sexuelle Orientierung zum Thema. Oder: Man kann auch nach Problemen suchen, wo keine sind.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Die „Bild“-Zeitung kann nicht nur schreien, sondern auch manchmal ganz schön besorgt sein. Heute zum Beispiel fragt sie in dicken Lettern: „Ist die CDU modern genug für einen schwulen Kanzler?“

Kann man ja mal fragen. Diese Frage steht im Raum wie etwa:

„Wird auch 2020 die Sonne scheinen?“

„Wird der Vorrat an Lakritzeis niemals enden?“

Oder: „Ist Deutschland modern genug für Wind- und Solarkraft?“

Oder oder: Wann sind wir klug genug nicht solche Fragen zu stellen?

Ich frage mich, inwiefern die sexuelle Orientierung einen Kanzler in der Ausübung seines Jobs beeinflusst. War vielleicht Helmut Kohl mit den Gedanken woanders, als er mit Margaret Thatcher über die deutsche Wiedervereinigung verhandelte? Lag die Abneigung von Außenminister Guido Westerwelle gegenüber einem Militäreinsatz in Libyen 2011 an anderen Neigungen? Tatsächlich: All diese Fragen klingen so lächerlich wie sie sind.

Ein Blick in die Geschichte

Überhaupt ist die Frage nach der Modernität komisch. Immerhin gab es in der Menschheitsgeschichte schwule Herrscher – wie eben die antiken Griechen und Römer die Unterscheidungen nach hetero- oder homosexuellen Neigungen kaum kannten. Okay, dann gab es das Mittelalter, eine schwierige Zeit fürs Schwulsein, aber die CDU sollte das hinter sich gelassen haben. Selbst beim berühmten Preußenkönig Friedrich II. sind Zweifel ob seiner Liebe für Männer kaum vorhanden.

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Die „Bild“-Zeitung fragt natürlich in diesen Tagen trotzdem, weil es mit Jens Spahn einen CDU-Politiker gibt, der für Kanzlerkandidatur und Parteivorsitz gehandelt wird. Und er wird seinen Hut in den Ring werfen, irgendwie, ansonsten bliebe er der Prinz Charles der CDU, wie die „Süddeutsche“ feststellte. Dass Spahn mit einem Mann verheiratet ist, wird seine Politik nicht negativ beeinflussen. Vielleicht eher, dass er meint, als vermeintlicher Konservativer ab und zu gegen andere Gruppen zu lästern oder als Gesundheitsminister zuweilen verrückte Sachen anstellt wie zum Beispiel den Entwurf zum so genannten Reha- und Intensivpflegegesetz (RISG), welches Menschen mit Behinderung dazu verdammen könnte, zuhause ausziehen zu müssen und in Krankenhäusern oder Pflegeheimen unterzukommen. Über all dies lässt sich trefflich streiten. Aber über Spahns Sexualität?

Reine Rückzugsgefechte

Ja, Menschen werden auch im Deutschland des 21. Jahrhunderts für ihre sexuelle Orientierung diskriminiert. Aber offiziell sind wir weiter, mittlerweile „modern“ genug, was man besser mit „klug“, „zivilisiert“ oder „humanistisch“ übersetzt. Die Kabale in der CDU über eine Ehe für Alle sind in Wirklichkeit reine Rückzugsgefechte von einer kleinen Minderheit, die längst weiß, dass sie falsch liegt, es sich aber nicht eingestehen mag. Dann sagen CDU-Politiker komische Dinge wie der Bundestagsabgeordnete Ulrich Petzold, welcher meinte: „Eine Beistandsgemeinschaft besteht auch zwischen einem Blindenhund und dem Hilfsbedürftigen.“

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Daher wird Spahn in der CDU sicherlich wegen seiner sexuellen Orientierung kein Stein in den Weg gelegt werden. Und die „Bild“-Zeitung könnte bei ihren Fragen weniger kreativ sein.

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