Kommentar: Jetzt sitzt Olaf Scholz im Schlafwagen

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Rollenwechsel bei SPD und Union: Armin Laschet kämpft nun für die Union, während Olaf Scholz im Schlafwagen seinen Platz einnimmt. Der Unterschied: Damit könnte der Sozialdemokrat zum Sieg fahren.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Zwei grüßen sich, da lacht der Dritte: Annalena Baerbock (links), Armin Laschet und Olaf Scholz beim Triell im Fernsehen (Bild: Michael Kappeler/Pool via REUTERS)
Zwei grüßen sich, da lacht der Dritte: Annalena Baerbock (links), Armin Laschet und Olaf Scholz beim Triell im Fernsehen (Bild: Michael Kappeler/Pool via REUTERS)

Beim Triell am vergangenen Sonntagabend sah die Umfrage unter Fernsehzuschauen einen klaren Sieger und einen klaren Verlierer. Olaf Scholz (SPD) schnitt im Gusto der Sofagucker am besten ab, während Armin Laschet (CDU) trotz erdenklicher Aktivität nicht punktete. Annalena Baerbock von den Grünen trat am agilsten, direktesten und konkretesten auf, und es tat ihr offensichtlich gut, nicht über geschönte Lebensläufe oder Copy&Paste bei Sachbüchern zu reden – nur reichte das offenbar nur, um sich in der Wählergunst zu stabilisieren, auch leicht nach vorn zu gehen; aber ein Durchbruch war das nicht.

Scholz entwickelt sich zum Phänomen. Was er anfasst, scheint sich ihm zuzuwenden, ein König Midas des Wahlkampfs. Denn mit genau der Taktik, für die Laschet heftigst kritisiert worden war, kommt er offenbar durch.

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Beim TV-Triell sah man einen Scholz, der unaufgeregt bis trocken sprach. Sich souverän und präsidial zurücknahm, oft ein „ich“ in die Sätze streute und vor allem keine inhaltlichen Visionen ausstrahlte. Stattdessen lässt sich die Scholzsche Botschaft des Sonntagabends in diese Worte pressen: Mit mir kriegt ihr einen guten Manager, vieles wird bleiben, wie es ist, also weiter so. Scholz machte derart auf Merkel, dass die Raute manchmal knirschte.

Damit setzt sich der Hamburger in den Schlafwagen. Nichts versprechen, nichts fordern. Es fehlte nur noch, dass er gesagt hätte: Sie kennen mich.

Damit ruht Scholz sich auf dem Trend aus. Nur jetzt keinen Fehler machen, scheint seine Devise zu sein.

Es kam anders

Das ist bitter für Laschet, denn eigentlich hatte er den Platz im Schlafwagen gebucht. Er wollte präsidial rüberkommen, als Merkels Erbverwalter. Doch dann kam, was Scholz bisher vermeidet: kleine Fehler. Und dann die Flut, Und dann und dann…

…mittlerweile muss Laschet kämpfen. So gestikulierte er beim Triell heftig, schaute grimmig, intonierte seine Stimme dramatisch. Aber in all diesen Momenten, die Energie vermitteln sollten, wirkte er fahrig bis unsympathisch: Wie er herablassend die Augen rollte, während Baerbock ihr Programm entfaltete und viele Seiner Statements mit einer Rückwärtsrolle begann: Geht nicht, klappt nicht, sollte nicht. Das kam onkelhaft rüber. Also eben nicht kanzlerhaft. Laschets Vorwärtsverteidigung ging an diesem Abend nicht auf. Eine Kostprobe: Als Scholz von der Einkommensteuer sprach, die bei sehr hohen Einkommen erhöht werden solle, grätschte Laschet dazwischen und konterte mit Unternehmenssteuern und Bäckermeistern, die dadurch geschröpft werden – und dass Unternehmen durch sowas gezwungen würden, ins Ausland zu gehen. Hallo: Laschet vermischte schlicht zwei Steuern miteinander. Und wenn seine Worte Sinn machen sollten, dann befürchtet er, dass kleine Bäckermeister dann drohen werden, ins Ausland zu gehen. Nun, die Wette dagegen würde ich stets eingehen.

Pack den Tiger in den Schrank

Anscheinend mögen die Deutschen eine Experimente scheuende Führungsfigur. Diesem Bild kommt Scholz am nächsten. Wie dieser Trend noch von Medien befeuert wird, zeigt der „Spiegel“: Tagelang, mit einer Armee von Artikel, stellte das Magazin die These auf, das wahre Streitgespräch sei jenes zwischen Robert Habeck und Markus Söder gewesen, das „Duell der Herzen“, eben die „einzig wahre Wahlkampfdebatte“. Die beiden würden sich schätzen (nicht dass ich wüsste). Das Hochjazzen dieses Gesprächs hat nur zwei Gründe. Zum einen war der „Spiegel“ Mitausrichter dieses Events (und ist nicht beteiligt an den TV-Triellen).

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Da macht das Magazin ungeniert Werbung in eigener Sache, nach dem Motto: Was wir mitmachen, muss ja gut sein. Und der zweite Grund ist, dass der „Spiegel“ schon immer testosterongesteuert agierte und auf Männer, die er als Alphatiere wahrnahm oder eben stilisierte, besonders abfuhr. Inhaltlich hob sich das Duell Habeck/Söder nicht vom Triell Baerbock/Laschet/Scholz ab. Aber die drei sind weniger kernig, das interessiert die Patriarchatsfans vom „Spiegel“ weniger. Dennoch: Es wird eine oder einer von den dreien. Für mich hatte deren Abwesenheit von Tigertrip etwas Angenehmes. Sowas macht sich eben besser im Kanzleramt.

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