Kommentar: Jetzt wird der Lockdown am schwersten

Jan Rübel
·Reporter
·Lesedauer: 3 Min.
Wer sagt, es gebe keinen Reiseverkehr? Die ersten Touristen sind schon da (Bild: REUTERS/Fabrizio Bensch)
Wer sagt, es gebe keinen Reiseverkehr? Die ersten Touristen sind schon da (Bild: REUTERS/Fabrizio Bensch)

Ein gutes Ende in Sicht, aber noch lange nicht da: Die Corona-Maßnahmen zerren an den Nerven. Dabei haben wir schon viel erreicht. Halten wir uns daran fest.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Alle sind erschöpft. Im Fernsehen erscheint die Kanzlerin mit den Länderchefs, nach stundenlangen Verhandlungen, und man sieht ihnen an: Dieser ganze Corona-Mist laugt aus. Immer wieder Beteuern und Mahnen – und diese täglichen Horrorzahlen, auf die nicht zu schauen der Gesundheit hilft, gehen auch nicht rasant runter.

Man denkt: Es geht nicht weiter. Wir bleiben stecken.

Corona-Impfstoffe sind da, aber für die meisten nur in der „tagesschau“. Ab und zu flimmert bei Facebook ein freudiges Foto auf, die Eltern auf dem Weg zur Impfstation – aber im eigenen Alltag bleibt dieses Rettungszeug fern. Ja, es ist nur eine Frage der Zeit, bis auf der sicheren Seite sein wird, wer das will. Nur dauert das alles verdammt lang.

Eltern verzweifeln gemeinsam mit ihren Kindern am langsamen Internet, am digitalen Lernen, am Mittagessen, an den eigenen vier Wänden. Angestellte in den Betrieben fragen sich, ob es sie heute erwischen wird, im Bus zur Arbeit oder dort im Großraum, das Virus. Aber es nützt ja nichts. Es hätte noch schlimmer kommen können.

Der Schrecken hat sich eingenistet

Immerhin ist der Gau in den Krankenhäusern ausgeblieben. In Großbritannien sprengt das Virus gerade das Gesundheitssystem, während in Deutschland nur einige Intensivstationen teilweise stark überlastet waren. Und langsam zeigt der Lockdown auch Erfolg, es sterben weniger Menschen, und weniger stecken sich an. Wir gewöhnen uns an diese bekloppte Situation.

Daher lohnt es sich vorauszuschauen. Über jeden, der geimpft ist, sollten wir uns freuen. Und ihm alle bürgerlichen Freiheiten wieder einräumen, die wir uns gerade nicht gönnen. Warum sollte jetzt eine Neiddebatte starten? Wir klagen über die Gastronomen, die es besonders hart trifft, aber wollen Geimpften nicht erlauben, von Restaurants willkommen geheißen zu werden? Jeden Tag geht es einen Schritt heraus aus dieser Pandemie. Dieses Licht am Ende des Tunnels flackert schwach, aber es wird stärker.

Wir können also für einen Moment innehalten. Bis hierher haben wir es geschafft, da sollte diese letzte Wegstrecke, die leider nicht kurz sein wird, auch noch zu absolvieren sein. Muss ja, würde der Nordling sagen.

Interessanterweise zeigt sich eine große Mehrheit in allen Umfragen konsequent mit dem Regierungskurs in Sachen Corona einverstanden. Zwar drängt sich mir der Eindruck auf, dass es einen gewissen Gegensatz zwischen dem verbalen Kopfnicken zu den Einschränkungsmaßnahmen und dem tatsächlichen Verhalten draußen gibt. Aber wir Menschen sind halt menschlich, eben auch egoistisch.

Gemeinwohl gibt es schon

Vom Kopf her wissen also die meisten, was richtig ist. Behalten wir ihn halt auf den Schultern. Verlieren nicht die Nerven auf diesen letzten Kilometern.

Die Zustimmungswerte zeigen, dass wir mit unserer Demokratie nicht schlecht unterwegs sind. Unser politisches System ist verwundbar, weil es offen ist. Jeder Fehler, jedes Scheitern wird breit diskutiert. Und jede weit reichende Maßnahme bedarf eines Einverständnisses vieler, vieler Menschen. Letztlich sind wir damit besser bedient als in autoritären Staaten. Denn wir haben in diesem bald einem Jahr eine Menge Widerstandsfähigkeit herausgebildet. Wir sind eigentlich robuster geworden.

Die Pandemie hat viel Gutes hervorgebracht. Das klingt ironisch oder beschönigend, aber an Solidarität hat unsere Gesellschaft in dieser Zeit mehr hervorgekramt als in den Jahren zuvor. Viele leisten Unglaubliches, versehen ihren Dienst. Und andere reißen sich zusammen, obwohl da dieses Geldloch sich auftut, eine Schuldengrube, dazu die Einsamkeit oder der Familienstress. Diese Krise hat uns noch nicht umgehauen. Da wird sie es nun auch nicht tun.

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