Kommentar: "Judenkritische Einstellung" – was soll das eigentlich heißen?

Auf einer Demonstration in Berlin (Bild: Getty Images)

Eine Umfrage offenbart unter Deutschen eine “negative Einstellung” gegenüber Juden. Da kann man ja mal nach den Gründen fragen.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Jetzt werden einem schon kritische Einstellungen um die Ohren gehauen, höre ich es gleich jammern. Eine Version des “Das wird man ja doch noch sagen dürfen” offenbart sich in der jüngsten Studie es US-Forschungsinstituts PEW, da kriegen einige Minderheiten in Deutschland auf den Kopf.

"Juden gegenüber sind demnach 12 Prozent der Befragten im Osten negativ eingestellt, im Westen sind es 5 Prozent”, zitiert die “FAZ” die Studie.

Ost oder West interessiert mich an dieser Stelle nicht. Ich würde gern wissen, wie das geht: negativ sein gegenüber Juden, weil sie Juden sind. Es muss da doch Anhaltspunkte geben. Worauf stützt sich sowas?

Für Hinweise wäre ich dankbar. Aber bittschön keine Raunereien, man habe mal von jemandem gehört, der habe … denn es muss doch fassbar sein, wenn eine durchaus nicht kleine Anzahl von Menschen das meint. Juden leben in Deutschland, manche von ihnen bilden Gemeinden, wie Christen und Muslime. Kann mir jemand von einem Vorfall erzählen, bei dem er eine negative Erfahrung mit Juden oder Jüdischem gemacht hat, weil sie Juden waren oder es jüdisch war? Ich möchte nur meinen Verdacht kritisch überprüfen, die ablehnende Haltung gegenüber Juden habe weniger etwas mit Juden zu tun als mit der Versuchung, andere für Umstände heranzuziehen, die einem nicht gefallen, sei es das Regenwetter oder die Tristesse des Alltags. Mein Argwohn wäre ja, Juden eignen sich als Minderheit zum Gepicktwerden.

Wo ist der Einfluss?

Apropos kritisch: Auch der Attentäter von Halle sagte aus, er habe eine “judenkritische Einstellung”. Sowas muss sich doch entwickelt haben, fragte ich mich, hat der Kerl etwa schlechte Erfahrungen gesammelt? In seinem Bekennerschreiben dann faselt er nur von einem “Zionist Occupied Government” (ZOG), also von Regierungen, die von Zionisten kontrolliert würden. Hm. Ich hätte gern die Adresse vom ZOG, um konkreter zu fragen – aber halt, es ist ja angeblich alles geheim; welch ein Glück für die Anhänger dieser ZOG-”Idee”, dass sie nicht konkret werden müssen.

Dennoch bitte ich um Auskunft, welche Regierungen, Medien, Finanzinstitutionen, Schulen oder Universitäten “jüdisch kontrolliert” wären und wenn ja, wie; und komme mir keiner bitte mit der Regierung Israels, der Tel Aviv University oder “Haaretz”. Woran macht sich dieser angebliche Einfluss fest, wie bemerkt man ihn? Auch die “Protokolle der Weisen von Zion” als “Beweistext” eignen sich nicht, wurden sie doch seit Jahrzehnten als plumpe Fälschung entlarvt.

Ich glaube, hinter einer “kritischen Einstellung” verbirgt sich eine Ablehnung, weil irgendetwas abgelehnt werden soll. Auch mit dem Wort “Israelkritik” kann ich nichts anfangen. Bisher ist es mir nicht gelungen, kritisch gegenüber einem Land an sich zu sein. Ich bin auch nicht dänemarkkritisch und verspüre keinen Drang nach Islandkritik, obwohl ich gehört habe, dass die dort Fisch vergraben und verfaulen lassen, bevor sie ihn essen. Also, sowas kommt mir nicht ins Müsli. Aber er es werden nicht “die” Isländer sein, vielleicht ein paar, und wen juckt es? Am Ende schmeckt der Kram vielleicht noch.

“Israelkritik” bedeutet lediglich, dass ein Land an sich in Frage gestellt wird, und das ist komisch bei einem Staat, so lebendig, selbstverständlich und alltäglich wie es Israel ist – es erscheint schon lächerlich überhaupt darüber zu schreiben.

Bitte um Aufklärung

Okay, es gibt vieles an der Politik in Israel, das kritisch gesehen werden kann. Aber sowas ist nicht das Land an sich. Unheimlich scharfe Kritiker, um beim Wort zu bleiben, sind selbst Israelis, so ist das in einer Demokratie. Ich hatte bisher auch nicht den Eindruck in meiner Kritik an rassistischen Politiken in Israel gegenüber Palästinensern, dieses Verweigern von Respekt und Freiheit, behindert zu werden. Und überhaupt habe ich nie verstanden, warum die wichtigen Fragen des Zusammenlebens von Israelis und Palästinensern in Deutschland bevorzugt Juden gestellt werden, als wären sie bezahlte Diplomaten – dabei sind sie Deutsche. Ich frage einen Juden in Deutschland ja auch nicht beim ersten Handschlag, was er von der Wehrpflicht in Israel hält, vom Umweltschutz am Toten Meer oder von der Sozialreformdebatte zur Stärkung von Arbeitslosen in Beerscheba; sowas ist nicht gerade ein Kassenschlager beim Kennenlernen.

Jetzt also Butter bei die Fische. Worum geht es hier? Verzeihen wir Juden nicht den tödlichen Rassismus unserer Großeltern? Haben wir Allergien gegen Gefilte Fisch? Was wäre eine Begründung für eine “negative Einstellung” oder eine “judenkritische Einstellung”? Ich bitte um sachdienliche Hinweise.