Kommentar: Lieber Herr Maaßen, bitte klären Sie mich auch auf!

Hans-Georg Maaßen, früher Verfassungsschutzchef, nun Twitterer (Bild: Jörg Carstensen/dpa)

Der Ex-Verfassungsschutzchef sehnt sich nach dem guten alten Westfernsehen. Klar, er hat ja den Durchblick. Im Schatten seiner Größe ist die deutsche Journaille echt klein.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Im Nachhinein bleibt es einer der deutschen Mythen, wie es einer wie Hans-Georg Maaßen in höchste Staatsämter schaffte, übrigens ein ziemlich westdeutscher Mythos – denn Maaßen ist ein Westprodukt reinster Güte. Da verwundert es nicht, dass er sich aufklärerische Qualität zurückwünscht, wie das „Westfernsehen“.

Maaßen twitterte kürzlich: „Für mich ist die NZZ so etwas wie ,Westfernsehen‘.“ Grundlage seiner These war ein Artikel der „Neuen Zürcher Zeitung“ über den Anteil von Bürgern in Städten wie Frankfurt/Main und Offenbach, welche in ihren Familien einen Migrationshintergrund haben.

Dieser wächst, Deutschland wird halt internationaler – und zwar ist dieser Anteil in Zürich größer als in Frankfurt, aber was soll’s. Darüber wird auch viel berichtet, ich kenne kein einziges Medium in Deutschland, welches vor diesem Trend die Augen verschließt und ihn nicht kommentiert – mal in die eine, mal in die andere Richtung. Darüber kann ja man streiten.

Maaßen aber, mit seinem scharfen Durchblick, erkennt eine vermeintliche Schieflage: Der deutsche Journalismus versagt in seinen Augen, wegen einer Schere im Kopf – angeblich würden Dinge verschwiegen. Natürlich nennt er nicht Ross und Reiter, kann er auch nicht. So bleibt es hübsch nebulös.

Echt mutig, dieser Maaßen

Die NZZ veröffentlicht also einen normalen, unaufgeregten Artikel, wie er in deutschen Medien regelmäßig erscheint, und Maaßen nutzt dies zur Medienschelte kraft Absetzbewegung. Er behauptet mit seinem Tweet ohne Worte, was die NZZ unternehme, habe einen derartigen Seltenheitswert, dass es aufklärerisch sei. Und die Schweizer würden übernehmen, wo deutsche Journalisten versagten: also die Rolle einnehmen, welche das Westfernsehen für die Bürger der DDR hatte.

Der Journalismus in der DDR war tatsächlich in einem beklagenswerten Zustand. Er wurde von oben gesteuert und zensiert. Es existierte keine kritische Berichterstattung zu Themen, für die die Partei verantwortlich war, und das waren ziemlich viele. Wenn Maaßen sich also mental in der DDR wähnt, dann sollte er endgültig darüber nachdenken, den Optiker zu wechseln. Oder sich endlich einen moralischen Kompass zu besorgen.

Denn seine Behauptung ist doppelt falsch. Zum einen wird über Ausländeranteile in deutschen Städten sehr wohl viel berichtet. Und zum anderen: Selbst wenn dem nicht so wäre, gäbe es einen riesigen Unterschied zwischen einer selbst auferlegten Schere im Kopf („darüber berichte ich lieber nicht, weil es mir nicht passt“) und einer von oben durchgedrückten Zensur. Dass einer aus der Behördenwelt diese Differenz nicht erkennt, lässt gruseln.

Natürlich donnerte es auf Grund seines Tweets gewaltig. Wie er das denn meine, wurde Maaßen gefragt. Dann begann das klassische Rückzugsgefecht. Es gebe „zu viele Relotiusse“, schrieb Maaßen. Damit meint er Claas Relotius, einen Spiegel-Reporter, der massenhaft in seinen Reportagen erfunden und gefälscht hatte. Was die Geschichten von Relotius aus den Ecken der Welt mit der Berichterstattung über Ausländeranteile in deutschen Städten zu tun hat, erklärte Maaßen nicht. Natürlich nicht. So ist das mit Nebelkerzen.

Für seinen Blick ist Maaßen selbst verantwortlich

Welche Meinung hat Maaßen eigentlich von der freiheitlichen Grundordnung? Sieht er die gefährdet? Oder suchte er nach einer galanteren Möglichkeit der Diffamierung, anstatt plump „Lügenpresse“ zu rufen? Ich könnte es verstehen. In den Medien ist Maaßen zur Witzfigur geworden. Über ihn wird überwiegend negativ berichtet. Dafür aber ist nur er verantwortlich.

Ich persönlich zumindest kann nichts dafür, wenn er Unsinn quatscht oder meint, anderen Journalisten erklären zu müssen, was eine Hetzjagd war und was nicht – allein damals, in der Kommentierung der Jagdszenen auf Geflüchtete in Chemnitz, offenbarte er eine Sicht auf Journalismus, die eindeutig mehr an die DDR als an die BRD erinnerte.

Das Schlusswort gebührt den Kollegen von der NZZ. Die antwortete Maaßen prompt: „Wir sind kein Westfernsehen. Dieser Vergleich ist unpassend und Geschichtsklitterung. Wir bitten Sie, in Zukunft davon abzulassen. Auch bei deutschen Medien arbeiten ausgezeichnete Journalisten und Journalistinnen.“