Kommentar: Mehr Gelassenheit beim Weglassen des N-Worts!

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Annalena Baerbock bei einer Pressekonferenz in Berlin (Bild: Stefanie Loos/Pool via REUTERS)
Annalena Baerbock bei einer Pressekonferenz in Berlin (Bild: Stefanie Loos/Pool via REUTERS)

Annalena Baerbock nutzte das N-Wort bei einer Talkshow, entschuldigte sich – und steht dennoch im Shitstorm. Wie wäre es mit weniger Übertreibung?

Ein Kommentar von Jan Rübel

Die Kanzlerkandidatin der Grünen hat es nicht leicht. Ihre Patzer im Wahlkampf werden langsam legendär, auch wenn sie nie echtes inhaltliches Gewicht erhielten. Aber man will Annalena Baerbock gern angreifen – weil sie eine Frau ist und weil man einen Vorwand braucht, nicht die Grünen zu wählen. Da wird wirklich jeder Hund durchs Dorf getrieben, der ausfindig gemacht wird.

Neustes Kapitel: Die Debatte um das N-Wort, welches Baerbock in einer Talkshow benutzt hatte. Was war passiert?

Sie war zu Gast beim Zentralrat der Juden, es ging um Antisemitismus und Rassismus, da erzählte sie eine Anekdote aus dem Schulunterricht des Sohnes einer Bekannten. Der wollte keine Geschichte zu einem Arbeitsblatt schreiben, auf dem das N-Wort stand. Daraufhin war er kritisiert worden, den Schulfrieden zu stören. Welcher Frieden das sein soll, möchte ich lieber nicht wissen. Kein guter, jedenfalls. Die grüne Kanzlerkandidatin erzählte diese Geschichte, um beleidigende Strukturen in der Schulbildung zu illustrieren. Dabei benutzte sie in der Nacherzählung dann das N-Wort, sprach es also im kritischen Zusammenhang aus.

Bevor dieses Interview ausgestrahlt wurde, ging Baerbock dann an die Öffentlichkeit und twitterte: „Leider habe ich in der Aufzeichnung des Interviews in der emotionalen Beschreibung dieses unsäglichen Vorfalls das N-Wort zitiert und damit selbst reproduziert. Das war falsch und das tut mir leid. Denn ich weiß ja um den rassistischen Ursprung dieses Wortes und die Verletzungen, die Schwarze Menschen unter anderem durch ihn erfahren.“

Wie sieht Achtsamkeit aus?

Nun könnte man sagen, das war’s. Es geht bei der Verwendung von Sprache um Achtsamkeit, und nichts ist aufmerksamer und lernender, als einen Fehler anzuerkennen. Doch natürlich gab es dann einen Shitstorm von Rechts, der ihr Selbstzensur und vorauseilenden Gehorsam vorwarf. Interessant dabei ist, dass es bei einigen Leuten nicht um die Freiheit geht, ein Wort zu verwenden oder nicht. Sie scheinen vom N-Wort besessen zu sein. Für sie hat dieses Wort keine Selbstverständlichkeit, es ist für sie nichts achtlos Hingeworfenes etwa zur Beschreibung eines Schokokusses. Sie wollen damit spitzen, treiben, schärfen, provozieren – beleidigen. Nach dem Motto: Meine Überheblichkeit gegenüber schwarzen Menschen, nur weil sie schwarz sind, lasse ich mir nicht nehmen.

Daher ist es gut, das N-Wort nicht mehr zu verwenden. Denn es meinte nie NUR „schwarz“, sondern stammte aus der Kolonial- und Versklavungssprache, um die Opfer der eigenen Bereicherungsmaßnahmen zu verhöhnen, das eigene Böse irgendwie zu rechtfertigen.

Das N-Wort beleidigt und diffamiert, es bemüht Andere in eine Schublade. Das haben viele vor einiger Zeit nicht gewusst oder haben es sich nicht bewusst gemacht; jetzt aber ist es Allgemeingut.

Auch der Kontext zählt

Doch ein bisschen mehr Leichtigkeit ist auch angesagt, denn manchmal erinnert mich die Debatte übers N-Wort an Lord Voldemort in den Harry-Potter-Büchern, dessen Name als tragender Bösewicht viele nicht aussprechen wollen. Klar, der Vergleich hinkt: Verunglimpfte wie beim N-Wort sind keine Bösewichte. Und es macht Sinn und ist notwendig, miese Wörter nicht zu verwenden und sie damit immer weiter zu verteilen. Aber Baerbock hatte den Zusammenhang klargemacht, indem sie das N-Wort als negativ beschrieb. Sie sagte es in Anführungszeichen, sie zitierte es. Sie ordnete es ein. Ihr da nun einen Rassismusvorwurf zu machen, erschiene mir zu gebastelt. Und umgekehrt hätte sie auf das N-Wort verzichten können; es geht ja auch ohne.

Vor einiger Zeit lauschte ich dem Gespräch einer Bekannten mit Kindern. Es ging darum, ihnen die Gefährlichkeit von Sexismus zu erläutern, und sie benutzte damit das N-Wort zum Vergleich, eben genauso kritisch und einordnend wie nun Baerbock. Die Kinder gingen an die Decke. Die Debatte über Sexismus war zu Ende, und nun ging es darum, wie falsch die Erwachsene gehandelt habe. Das kritische Bewusstsein der Kinder mag gut sein. Aber etwas übertrieben schien es mir schon – als hätte man sie zu einem Wutausbruch getriggert.

Was lernen wir daraus? Das N-Wort ist eines der Vergangenheit. Nur Rassisten brauchen es. Aber es müssen nicht gleich die Sirenen des Landes losgehen, wenn es kritisch eingeordnet zitiert wird.

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