Kommentar: Meine Bahn fährt in die nächste Coronawelle

Jan Rübel
·Reporter
·Lesedauer: 4 Min.
Bahnfahren in Zeiten von Corona kann sicher sein - aber mit dem entsprechenden Platz (Bild: REUTERS/Michaela Rehle)
Bahnfahren in Zeiten von Corona kann sicher sein - aber mit dem entsprechenden Platz (Bild: REUTERS/Michaela Rehle)

Die Deutsche Bahn leistet sich in Zeiten der Pandemie ein Totalversagen: Die Züge sind Superspreader aus schlichter Nachlässigkeit. Es besser zu machen, wäre aber sehr einfach.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Aus epidemiologischer Sicht ist die Deutsche Bahn eine Terrororganisation. Es ist gut, dass sie fährt, dass die Mobilität dieses wichtigen Verkehrsmittels gewährleistet wird. Doch bei allem anderen zeigt der Konzern eine Haltung, die mit Fahrlässigkeit noch recht höflich beschrieben ist.

Wer mit der Bahn aus dem Ausland deutschen Boden anfährt, kann sich nur die Augen reiben. Das sollten wir uns mal bewusst machen: Kürzlich bin ich aus Italien mit der Bahn nach Deutschland gefahren. Die Züge dort sind ganz anders organisiert als hier.

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In den Waggons hatten alle Passagiere eine Maske auf. Zwar gab es auch die Schlaumeier, die nach ausgiebigem Telefonieren vergaßen, den Atemschutz wieder aufzusetzen, aber dann wurden sie freundlich von den Mitreisenden daran erinnert. Überhaupt war der Ton miteinander entspannt. Zwischen den Reisenden gab es eine räumliche Distanz, weil jeder zweite Platz gesperrt war – wer keinen Platz fand, suchte in den Gängen zwischen den Wagen etwas, jedenfalls verteilten sich alle, so gut es ging. Auch gab es Türen, durch die man entweder nur ein- oder aussteigen konnte; man kam sich weniger in die Quere.

Chaos Made in Germany

Doch Wanderer, kommst du nach Deutschland, siehst du manche Sitten gegen die Wand gefahren.

Ab München war der Zug wieder voll. Sich fremde Leute saßen eng nebeneinander. Masken trugen schätzungsweise 80 Prozent der Reisenden, und von denen gab es eine nicht kleine Fraktion, die meinte, der Schutz betreffe nur den Mund und nicht ihre tollen Nasen. Die Schaffner machten niemals die maskenlosen Passagiere darauf aufmerksam ihrer Pflicht nachzukommen. Und in den vier Toiletten, die ich kontrollierte, gab es keine Desinfektion. In zweien von den vieren war selbst die Seife alle.

Muss das sein? Warum verfahren wir derart nachlässig? Mit der Eisenbahn zu fahren, ist in Zeiten von Corona für Manchen notwendig. Es muss möglich sein. Es sollte aber auch klappen, kleinste Binsen des Infektionsschutzes einzuhalten.

Der Corona-Schutz ist in den italienischen Zügen deutlich besser organisiert (Bild: Alessio Coser/Getty Images)
Der Corona-Schutz ist in den italienischen Zügen deutlich besser organisiert (Bild: Alessio Coser/Getty Images)

Und wenn wir Passagiere selbst dazu kognitiv nicht in der Lage sind, muss die Bahn dafür sorgen – wie in Italien.

Während ich diesen Text schreibe, sitze ich gerade beim Friseur und warte auf meinen Schnitt. Alle hier in Abständen, mit Maske, vorher die Hände desinfiziert, alle entspannt. Gute Musik läuft auch. In der Bahn aber sitzen Kinder neben Erwachsenen, die sie nicht kennen – vielleicht sind es die Lehrer, die sich im „Lockdown“ wochenlang nicht einmal telefonisch bei ihnen meldeten und nun den Unterricht mit dem Zollstock organisieren.

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Vielleicht ist ein Problem der Bahn, dass sie zwar dem Staat gehört, aber nicht so tun soll. Profite soll sie erwirtschaften. Dafür wurde sie vom Staat im Vergleich zu den Straßen stiefmütterlich behandelt. Doch wie sich die Konzernspitze nun aus den Hygienepflichten mauschelt, ist kaum zu ertragen.

Nix sehen, nix hören, nix sagen

Einen schwierigen Job zu erledigen hat da gerade Bahnsprecher Achim Stauß. Auf die Defizite angesprochen, sucht er beneidenswerte Ausflüchte: "Es ist nun mal so bei der Bahn, dass auch mal Fahrgäste spontan kommen“, sagte er der ARD. Sollen die ruhig. Aber dann haben sie zur Not zu stehen. Oder den Zug zu verlassen, wenn es zu voll wird.

Aber die Bahn sieht immer andere in der Verantwortung, nie sich selbst: Da sind die „spontanen“ Passagiere, dort sind es die Bundespolizisten, die für das Einhalten der Maskenpflicht sorgen sollen und nicht die eigenen Schaffner. Oder es werden gleich ganze Familien in Geiselhaft für diese Kopf-in-den-Sand-Politik genommen: "Wir möchten Familien, wir möchten Pärchen auch weiter ermöglichen, zusammen zu sitzen." Will Herr Stauß Verantwortungslosigkeit als Menschenfreundlichkeit verkaufen? Die Bahn, eine Mission auf Rädern für die Liebe?

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In Italien können Familien zusammensitzen, die dürfen sich dann auf die gesperrten Plätze setzen. Man muss eben „mal“ zu Ende denken. Und „es ist nun mal so“, dass sich eine Lösung finden lässt, wenn man sie sucht. Und und: Die Bahn sollte sich schämen.

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