Kommentar: Meuthens Abgang bedient eine Sehnsucht

·Reporter
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Da war es eine weniger: Frauke Petry verlässt im September 2017 die Bundespressekonferenz, bei der sie ihren Austritt aus der AfD-Fraktion verkündet. Rechts von ihr Jörg Meuthen, der später Bundesvorsitzender wurde und nun seinen eigenen Abgang verkündet hat (Bild: REUTERS/Fabrizio Bensch)
Da war es eine weniger: Frauke Petry verlässt im September 2017 die Bundespressekonferenz, bei der sie ihren Austritt aus der AfD-Fraktion verkündet. Rechts von ihr Jörg Meuthen, der später Bundesvorsitzender wurde und nun seinen eigenen Abgang verkündet hat (Bild: REUTERS/Fabrizio Bensch)

Jörg Meuthen tritt nicht mehr für den Chefposten bei der AfD an. Sein Rückzug ist folgerichtig – so machten es auch die Leute vor ihm. Denn der treibende Wind kommt nur aus einer Richtung.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Die AfD bedient in Deutschland eine Sehnsucht. Wie groß sie ist, bleibt schwer zu ermessen, aber sie ist da. Es ist der Impuls, Dinge nach einfachem Muster zu ordnen, sich allein wegen seiner Abstammung toll zu finden. Als sich die AfD zuerst 2013 als Partei von Eurokritikern und Marktradikalen gründete, atmete sie von Beginn an auch das Potenzial ein, sich immer weiter rechts zu verorten – hinein in das Areal, was linkerseits CDU/CSU und rechts die NPD absteckten, die Partei der Alt- und Neonazis. Dieses Feld ist riesig groß. Aber recht bald zeigte sich, dass es bei diesem Marsch nur einen Kompass gab, und der folgte einem Fixstern von Fernrechts.

Diesem Richtungsgeber fällt nun auch Jörg Meuthen zum Opfer. AfD-Chef gilt Betrachtern von außen als „gemäßigt“, weil er für ein weniger fauchig-bellendes Auftreten wirbt und unbedingt den Verfassungsschutz auf Distanz halten will. Daher faucht und bellt er intern gegen die Stammkräfte des „nationalen“ Flügels, also der Kurstreiber gen rechts. Diesen Kampf hat er nicht gewonnen, das räumt er nun ein – und vorhersehbar war es auch.

Meuthen erspart sich damit jenes Schicksal, das seine Vorgänger aus dem Amt getrieben hat: eine schmähliche Abstimmungsniederlage auf dem nächsten Bundesparteitag.

Die Partei frisst ihre Chefs

Erinnern wir uns: Parteimitgründer Bernd Lucke glaubte zu sehr an sich und an irgendeine Glanzkraft, die er von sich auszugehen ausmachte. Seine Idee, die AfD zu führen, erwies sich als Irrtum. Er war der Sehnsucht, die sich ab 2014 immer mehr regte, nicht nationalistisch genug, nicht antiislamisch genug, nicht rassistisch genug. Also wurde er in einer offenen Feldschlacht beiseite geschoben.

Seine Nachfolgerin Frauke Petry hatte zwar zu Beginn ihrer Amtsschaft 2015 noch beteuert, die AfD bleibe in erster Linie eine Anti-Euro-Partei, aber da waren die angeblichen „Honoratioren“ und „Professoren“ entweder schon weg oder legten gerade den Rückwärtsgang ein. Als Petry das merkte, fing sie auch, ganz opportunistisch, mit dem Bellen an. Es schien, als redete sie hastig ihrer eigenen Partei hinterher, die schon weiter war. Manchmal sprang sie rhetorisch voraus, sprach dann von Schusswaffengebrauch bei illegalem Grenzübertritt oder wie das Wort „völkisch“ wieder positiv gewendet werden könnte.

Es half alles nichts. Im Zweifel entscheidet man sich in der Politik für das Original. Und Petry war zwar original populistisch, aber eben nicht hundertprozentig rechtspopulistisch. Der Wind, der nach rechts weiterblies, schob 2017 auch sie beiseite.

Letztes pseudoliberales Aufbäumen

Während dieser Phase benötigte die AfD noch ein Feigenblatt an der Spitze. Eines, das konservative Wähler, welche die CDU einfach nicht mehr mögen, nicht verschreckt. Ein letzter „Professor“ wurde aus der Wundertüte gezogen – und die Ära Jorg Meuthen begann. Der agierte im Rechtsblinken und Geradeausfahren geschickter als Petry. Gegen Hobbyführer Björn Höcke unternahm er nichts. Dem rechten „Flügel“ diente er sich an. Überhaupt ist von ihm bekannt, dass er intern einer Menge Leuten eine Menge nach dem Mund redete. Noch immer träumte er davon, die AfD „anschlussfähig“ zu machen, irgendwann in einer Regierungslimousine chauffiert zu werden. Doch dann kam der Verfassungsschutz.

Mit der Lupe, welche der Inlandsgeheimdienst nun in die Hände nahm, merkte Meuthen: Mit seinen Leuten wird es nichts mit Limo. An verschiedenen Stellen, in mehreren Landesverbänden, zettelte Meuthen Ausschlusskämpfe gegen besonders exponiert rechte Parteikader an – er wollte Exempel statuieren, medienwirksam. Und nicht wenige West-Mitglieder, die einen Faschisten nun auch nicht vorne sehen wollen, folgten ihm. Aber die Windmaschine bläst und bläst. Meist konnte sich Meuthen nicht durchsetzen. Daher nun sein Abgang auf Raten. Die Zeit der Feigenblätter scheint vorbei.

Video: Jörg Meuthen zieht sich aus AfD-Spitze zurück - Sieg für die Hardliner?

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