Kommentar: Mit dem Herbst kriegen die "Querdenker" Auftrieb

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Da gab es noch keinen Impfstoff, wohl aber Stoff für Verschwörungskram: Ein Demonstrant im April 2020 (Bild: REUTERS/Christian Mang)
Da gab es noch keinen Impfstoff, wohl aber Stoff für Verschwörungskram: Ein Demonstrant im April 2020 (Bild: REUTERS/Christian Mang)

Privilegien für Geimpfte, Aussperrung von Nichtgetesteten? Darüber wird gerade diskutiert. Dies wird jene bestätigen, die verzweifelt immer noch davon träumen, so etwas wie die Che Guevaras der Antispritzen zu sein.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Dass Armin Laschet nichts von einer Impfpflicht hält, ist keine Überraschung. Der Kanzlerkandidat der Union möchte potenzielle Wähler nicht verschrecken, daher wird er allen Unannehmlichkeiten eine Absage erteilen – also auch einem Zwang zum Pieks, so lächerlich der auch sein mag.

Doch es gibt andere Gründe, die dafür sprechen, dass der Staat den Bürgern nicht per Dekret den Impfstoff gegen COVID-19 ins Blut fließen lässt. Zum einen steht das Versprechen zu Beginn der Pandemie, dies nicht zu tun. Und zum anderen gibt es das Recht auf Freiheit – damit auch das Recht auf Ignoranz, Neunmalklugheit und Unsolidarität. Leider. Ist aber besser so. Denn die Freiheit, die unsere Demokratie uns trotz allen Unkenrufen von so genannten Querdenkern nach wie vor vollumfänglich beschert, ist solch ein hohes Gut, dass sie durch Pieksverweigerer keinen Kratzer kriegen sollte.

Mit dem Herbst, wenn die Inzidenzzahlen wieder steigen werden, werden die "Querdenker" also auch wieder Aufwind bekommen. Derzeit sind sie ja in einer Versenkung verschwunden. Ihre Themen drangen nicht mehr durch: Bisher hat sich keine herbeigeredete Verschwörung verwirklicht, die Demokratie wankt nicht, von geheimen Kontrollen durch Politiker oder Konzerne oder what-who-ever besteht – höflich formuliert – keine Kenntnis und die positive Wirkung der Impfstoffe ist kaum zu leugnen, wenn eins und eins zwei bleiben sollen.

Immer gegen den Scheitel

Dennoch wird ein harter Kern von "Querdenkern" immer weiter bestehen. Da sind die einen, die sich zu weit aus dem Fenster gelehnt haben und nicht zurück "können" oder wollen. Und dann sind die anderen, die sich eh immer im Recht sehen. Weniger Leute sterben an Corona? Seht ihr, war doch nur eine Grippe! Es gab massenhaften Betrug bei den Tests? Seht ihr, war doch alles nur Abzocke zur Volksverdummung! So viele Leute lassen sich impfen oder beugen sich den Schutzmaßnahmen? Seht ihr, es ist ein Kult!

Wer sich darin gefällt, "gegen den Strom" zu schwimmen, wer Größe darin findet, anders als die anderen zu sein – der wird nach jedem Strohhalm greifen, der in diese Richtung treibt. Und der aktuellste Schlager lautet: Freiheitseinschränkung.

Ich bin mir sicher, dass die Impfkampagnen in Deutschland einen großen Erfolg darstellen werden. Viele, die geimpft werden wollen, sind auch noch nicht geimpft. Da klingt das Reden über Zwang ein wenig bemüht. Und immer mehr werden die Möglichkeit wahrnehmen, sich nebenbei, in der Mittagspause auf Arbeit zum Beispiel, den Pieks zu geben. Mehr ist es ja nicht. In Deutschland gab es immer eine kleine Gruppe von Skeptikern, die Impfungen aller Art skeptisch gegenüberstanden. Auf die Gründe kann aus Platzgründen hier nicht eingegangen werden, gern an anderer Stelle, nur so viel: Einen guten Grund haben die meiner Meinung nach nicht. Aber es gibt eben das Recht auf … genau: siehe oben.

Gelassenheit setzt sich durch

Es gibt auch das Recht, den eigens geschaffenen Kult als Normalität und als geöffnete Augen zu verkaufen. Der Auftrieb im Herbst für die "Querdenker" im Schatten eines Freiheitsgezeters wird nur von kurzer Dauer sein. Langfristig wird sich durchsetzen, dass Corona gefährlich ist, dass man dagegen etwas tun kann und soll, dass die Welt nicht aus den Angeln gehoben wird. Die "Querdenker" werden als Fußnote enden.

Daher sind ihre Haltungen und ihre Kommunikationen auszuhalten. Kein staatlicher Zwang wird ihnen kein Futter geben. Alles andere kann der Markt regeln.

Man will zu einem Konzert ohne Impfung? Der kann sich testen lassen. Man will sich nicht testen lassen? Der kann sich zuhause ein Lied trällern. Oder dorthin pilgern, wo sowas zugelassen wird – viel wird es nicht sein. Denn Gastronomen und Eventveranstalter fürchten im Zweifel das Virus mehr als einen wütenden "Querdenker". Letztere stehen auf verlorenem Posten. Also bleiben sie am besten dort.

Video: Impfpflicht in Frankreich beschlossen - Macron teilt gegen Impfgegner aus

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