Kommentar - Als bei Nagelsmann die Tränen purzeln, wird er endgültig zum Bundestrainer der Nation

Julian Nagelsmann: Erst feuchte Augen, dann ein flammender Appell<span class="copyright">dpa</span>
Julian Nagelsmann: Erst feuchte Augen, dann ein flammender Appelldpa

Deutschland ist im EM-Viertelfinale ausgeschieden. Ein Tag nach dem hochdramatischen 1:2 gegen Spanien spricht die DFB-Spitze um Bernd Neuendorf, Rudi Völler und Julian Nagelsmann ein letztes Mal über das Turnier. Letzterer kämpft mit den Tränen und wird dann endgültig zum Bundestrainer der gesamten Nation.

Als Pressesprecherin Franziska Wülle das Wort an Julian Nagelsmann richtet und ihn zu seiner Gefühlslage befragt, beißt sich der Bundestrainer leicht auf die Lippen. Schon bei seinem ersten Satz versagt ihm leicht die Stimme, er stockt kurz und hält inne.

„Man merkt, ich kämpfe mit den Tränen“, gibt er zu und kann es auch nicht mehr verbergen. Das blaue Hemd, das er noch bei Betreten des Podiums zur Abschluss-Pressekonferenz in Herzogenaurach trug, hatte er gleich zu Beginn ausgezogen. „Es war sehr emotional, sowohl mit der Mannschaft als auch mit den Fans“, sagt er dann mit brüchiger Stimme, räuspert sich, atmet tief durch.

Er spricht dann über die Fans, die Mannschaft, die Symbiose der beiden Seiten. Er spricht über die Veränderungen beim DFB, die Bilder der EM, Gemeinschaft. Sportdirektor Rudi Völler schaut ihn dabei von der Seite liebevoll an.

Plötzlich kann Nagelsmann die Tränen nicht mehr zurückhalten

Nagelsmann habe noch kein Turnier zuvor begleitet, sich aber sagen lassen, dass es nicht normal sei, dass jeder Spieler bei der Verabschiedung aus dem Camp Tränen in Augen habe, sagt er.

Die Tränen von Julian Nagelsmann<span class="copyright">dpa</span>
Die Tränen von Julian Nagelsmanndpa

Dann bricht der Bundestrainer wieder ab, blickt nach unten. Pressesprecherin Wülle übernimmt und gibt den anwesenden Journalisten die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Währenddessen wischt sich Nagelsmann eine Träne aus dem Augenwinkel, beißt sich wieder auf die Lippen. Nun hat er den Kampf verloren. Aber wie DFB-Präsident Bernd Neuendorf vorher das EM-Ausscheiden treffend analysierte: Verloren ja, gescheitert nein.

„Scheiße“, sagt Nagelsmann, als die erste Frage an ihn gerichtet wird

„Frage an Julian Nagelsmann“, heißt es dann erbarmungslos. Keine Pause für ihn. Während er sich eine weitere Träne von der Wange wischt, sagt er nur leise „Scheiße“, aber er sei „da“.

Der Bundestrainer zeigt sich von seiner menschlichsten Seite. Emotional, leidenschaftlich, verletzlich. Es zeigt, wie sehr ihn diese Niederlage schmerzt und persönlich mitnimmt. Was ihm dieses Turnier, diese Mannschaft und die Zuneigung der Fans bedeuten.

Die Nationalmannschaft hat die Fans bei dieser EM wieder erreicht, emotionalisiert, euphorisiert.

Nationalmannschaft hat sich wieder nahbar gezeigt

Zum einen mit erfolgreichem, mitreißendem Fußball, den sie auch bis zur letzten Sekunde im Viertelfinale gegen Spanien gezeigt haben. Wie die Mannschaft das Publikum im Stuttgarter Stadion elektrisierte, war spektakulär.

Nagelsmann wischt sich eine Träne aus dem Augenwinkel<span class="copyright">dpa</span>
Nagelsmann wischt sich eine Träne aus dem Augenwinkeldpa

Zum anderen konnte sich das Team wieder von einer nahbaren Seite zeigen. Der DFB veröffentlichte viele Eindrücke aus dem Camp, in dem die Spieler sichtlich Spaß hatten, zu einer Einheit wurden. Auf den Pressekonferenzen durfte sich jeder Akteur zeigen, wie er ist. Manchmal komisch, manchmal ernst, manchmal schlagfertig, manchmal ulkig. Immer authentisch.

Nagelsmann lebt es vor. Wer hätte das vor einem Dreivierteljahr gedacht? Die Mannschaft, der DFB, war am Boden. Der 36-Jährige übernahm, Zweifel waren da und angebracht.

Nagelsmann hat das DFB-Team gerettet

Er galt in der öffentlichen Wahrnehmung als taktisch versierter Trainer. Die Herzen der breiten Masse konnte er als Hoffenheim-, Leipzig- und Bayern-Trainer nicht wirklich gewinnen. Er eckte auch gerne einmal an. Kann Nagelsmann überhaupt der richtige für diese schwere Mission sein? Einen Verband retten, die Mannschaft reparieren, eine ganze Nation begeistern und die Heim-EM erfolgreich gestalten?

Nun das Viertelfinal-Aus. Sicherlich haben sich alle Beteiligten noch mehr erhofft, niemand wollte schon jetzt ausscheiden. Dass das Team überhaupt an diesen Punkt kam, ein ernsthafter Titelkandidat war und den großen Turnierfavoriten bis zum Äußersten trieb, war zu Jahresbeginn undenkbar.

Julian Nagelsmann hält einen flammenden Appell an die Gesellschaft<span class="copyright">dpa</span>
Julian Nagelsmann hält einen flammenden Appell an die Gesellschaftdpa

Im Land herrschen nach dem Aus große Trauer und ehrliches Bedauern. Das sind starke Gefühle. Diese können nur entfacht werden, wenn man die Menschen im Herzen erreicht hat. Dem DFB-Team ist das gelungen, Nagelsmann ist das gelungen. Seine Tränen erreichen uns alle.

Als diese dann getrocknet sind und sich die Stimme wieder gefangen hat, sehen wir wieder den Nagelsmann der vergangenen Wochen. Aufrecht, selbstbewusst, gestikulierend. Er hält einen flammenden Appell an die Gesellschaft.

„Ich versuche, es kurz zu fassen“, steigt er ein und hält dann einen fast vierminütigen Monolog. Eine bemerkenswerte Ansprache, die uns alle betrifft. In der Gemeinschaft geht es besser, wir müssen zusammenrücken. Hier wird er endgültig zum Bundestrainer der Nation.