Kommentar: Nancy Pelosis Flug in die Klarheit

·Reporter

Die Sprecherin des US-Abgeordnetenhauses fliegt nach Taiwan – und erntet helle Aufregung. Dabei hilft sie nur einer Verdeutlichung: Wer die Freiheit schlägt, ist selbst schnell beleidigt oder provoziert. Wir alle haben die Wahl, ob wir peinlich sein wollen oder nicht.

Nancy Pelosi, die Sprecherin des US-Abgeordnetenhauses, auf dem Weg zu einem Treffen mit ihrem Amtskollegen in Taipeh, Taiwan (Bild: Central News Agency/Pool via REUTERS)
Nancy Pelosi, die Sprecherin des US-Abgeordnetenhauses, auf dem Weg zu einem Treffen mit ihrem Amtskollegen in Taipeh, Taiwan. (Bild: Central News Agency/Pool via REUTERS)

Ein Kommentar von Jan Rübel

In der Pandemie gab es die etwas peinliche Zuspitzung zu "Team"-Zugehörigkeiten. Die einen wähnten sich großspurig im "Team Freiheit", die anderen im "Team Drosten". Das war ein wenig kindisch, einem Spieltrieb folgend. Doch manchmal dienen Vereinfachungen der Klarheit. Vielleicht ist es Zeit dafür.

In der Welt knallt es hier und da. Auf der einen Seite versuchen freiheitlich und demokratisch verfasste Staaten ihren Lebensstil zu erhalten (nicht anderen überzustülpen). Und auf der anderen bemühen sich autoritär herrschende Regime, auch ihren Status quo zu erhalten. Das führt zu Konflikten.

Und da lässt sich schon die Frage stellen, in welchem Team man gern wäre

Nancy Pelosi betreibt gerade ein solches Team-Building. Die Sprecherin des US-Abgeordnetenhauses hat eigentlich Normales getan: Sie hat ein Land besucht, das eine demokratische Entwicklung hingelegt hat. Würde man die Einwohner Taiwans fragen, ob sie souverän bleiben oder sich dem großen Nachbarn China anschließen wollen – die Antwort wäre eindeutig. Doch das Regime in Peking sieht in der Insel abtrünniges Territorium, daher hat die Diktatur wüste Drohungen ausgestoßen. Der Besuch sei ein "Spiel mit dem Feuer", eine Bedrohung der nationalen Souveränität, Militärflugzeuge stiegen auf, es gibt Manöver mit scharfer Munition an der Seegrenze. Und das alles wegen eines Besuches?

Die Aufregung in Peking ist die eines Jungen, dem man im Sandkasten jene Schaufel aus der Hand nimmt, die er selbst geklaut hat. Die Machthaber reagieren beleidigt. So leicht ist man aus der Fassung zu bringen? Wie peinlich ist das denn?

Eine Waagschale muss her

Ähnlich ungeniert agiert ein anderer Uncool-Staat. Zwischen den USA und Russland gibt es Verhandlungen über einen Gefangenenaustausch. In Russland ist eine bekannte amerikanische Basketballerin inhaftiert, ihr wird der Besitz eines Fläschchens Cannabis-Öl vorgeworfen – uiuiui, ganz schlimm, nicht wahr? Und ein Ex-Polizist wurde wegen Spionage verurteilt, die Umstände sind dubios; es geht jedenfalls um einen USB-Stick, auf dem offensichtlich nicht die Staatsgeheimnisse Eins bis Zehn standen.

Die beiden will die US-Regierung freihaben. Und Wladimir Putin? Der forderte dafür einen Austausch mit dem so genannten Tiergartenmörder – einem Auftragsmörder, der in Berlin einen georgischen Oppositionellen auf offener Straße erschoss, ein Agent des FSB, aus dem auch Putin kommt. Man könnte sagen: Pack und Pack gesellt sich gern. Und einen miesen Waffenhändler will der Kreml freikriegen, der selbst Muammar al-Gaddafi versorgte und dessen Biographie von Hollywood wegen seiner Boshaftigkeit verfilmt wurde.

Man hat also die Wahl: Entweder Team Basketball oder Team Straßenexekution.

Wer wird denn gleich in die Luft gehen?

Die Frage von "Peinlich oder nicht peinlich" müssen gerade auch die Serben im Kosovo beantworten. Die von Albanern dominierte Regierung hatte sich erdreistet, von den Serben im Norden kosovarische Autokennzeichen zu verlangen – wie es die Republik Serbien bei der Einreise für Kosovo-Albaner auch fordert. Dieses Gehampel um Autokennzeichentauscherei führte zu Straßenblockaden erzürnter Serben – siehe Sandkasten weiter oben. Man kann solch einen Kram sein lassen, oder schnell auf Hundertachtzig sein: wegen der Autos, wegen eines Besuchs. Man kann auch eiskalt sein und mit Mörderbuddys kuscheln. Oder man markiert die eigene Position und sorgt für Klarheit. Denn wer Probleme mit all dieser Symbolik zeigt, offenbart eine tieferliegende Krise. Es ist das Bewusstsein, etwas Falsches zu tun, andere Menschen zu verletzen, sie zu bevormunden, sie zu übervorteilen. Oder sie schlicht zu killen.

Wir haben die Wahl.

Im Video: Trotz Warnungen aus Peking - US-Politikerin Nancy Pelosi landet in Taiwan

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