Kommentar: Nazis raus – bloß wohin?

“Nazis raus”: Besucher des #wirsindmehr-Konzerts in Chemnitz (Bild: Matthias Rietschel/Getty Images)

Ein kurzer Tweet schlägt Wellen der Empörung – und dann der Unterstützung. Es gibt halt doch mehr zu sagen als zwei Worte vermögen. 

Ein Kommentar von Jan Rübel

Einen knappen Neujahrsgruß hat die ZDF-Korrespondentin Nicole Diekmann auf Twitter verschickt. „Nazis raus“, mehr nicht. Ist eine Aussage. Dann folgte der so genannte Sturm der so genannten besorgten Bürger, was mich erstaunte.

Was ist eigentlich negativ an „Nazis raus“? Wer fühlt sich dadurch diskriminiert oder direkt angegriffen?

Nazis waren die Menschen, die im Jahr 1933 in Deutschland an die Macht kamen und nur Schlimmes hinkriegten. Ihr eigenes Mittelmaß kaschierten sie mit einem Verhalten, dass jegliche humanistischen Erkenntnisse der bisherigen Zivilisationsgeschichte verhöhnte. Nazi will doch keiner sein, oder?

Nun, es gibt auch heute überzeugte Nationalsozialisten, wie es damals für die deutschen Faschisten hieß. Die wollen natürlich lieber rein statt raus. Ist ja wärmer. Die mögen solch einen Spruch sicherlich kaum. Aber viele sind sie nicht.

Warum also erhielt die Kollegin Unmengen an Drohungen übelster Art, was regt an diesen zwei Worten derart auf? In Gang gekommen war der Social-Media-Hass, als ein User sie fragte, wer denn ein Nazi sei und sie ironisch antwortete: „Jede/r, der/die nicht die Grünen wählt.“

Ironie ist eine süße Verführung, ich unterliege ihr oft. Nur hilft sie zuweilen nicht, besonders bei Menschen, die unbedingt falsch verstehen wollen. Und Ironie in den Sozialen Medien ist wie der Versuch, eine Kartoffelsuppe mit Safran aufzuhübschen. Muss nicht sein, kann nach hinten losgehen.

Man ist gern diskriminiert

Jedenfalls zeigten sich unglaublich viele Menschen, die sich über diesen zugegeben äußerst witzigen Satz aufregten, weil sie meinten ihn wörtlich nehmen zu können. Welch eine böse Ausschließeritis der twitternden Journalistin!

Auf die Welle der Empörung folgte eine noch größere der Solidarität. Dies dokumentiert, dass rechte Hater zwar ungemein aktiv und zum Teil auch organisiert vorgehen, aber eben nicht „das Volk“ sind, sondern ein kleinerer Teil dessen, als sie vorgeben zu sein. Mit Nazis will die große Mehrheit der Deutschen nichts mehr zu tun haben.

Fragt sich natürlich, was dann mit den Nazis geschehen soll, und da offenbart der Zwei-Worte-Slogan einige Schwächen – aber er ist ja auch nicht als Dissertation gemeint.

Auf dem Monitor einer Studiokamera ist ZDF-Hauptstadtkorrespondentin Nicole Diekmann zu sehen. Die Reporterin hat mit einer Kurznachricht auf Twitter zunächst eine Welle des Hasses – und dann eine der Solidarität ausgelöst. (Bild: Andreas Arnold/dpa)

Wohin sollen nun die Nazis? Unsere Nachbarländer zumindest haben einmal keine netten Erfahrungen damit gemacht, als sich eine große Menge von Nazis zu ihnen aufmachte. Die will auch dort keiner. Wir müssen also mit Nazis leben. Wegdenken funktioniert nicht. Der Spruch „Nazis raus“ war in den Achtzigern des vorigen Jahrhunderts die Entgegnung auf „Ausländer raus“, er wurde vor allem bei Demonstrationen gerufen, wo es sehr gegensätzlich wurde. „Nazis raus“ polarisiert, schließlich wird nicht gesagt, wovon die denn raus sollen. Aus den Parlamenten, den Behörden und Schulen?

Problematisch ist an dieser Nicht-Dissertation, dass auch nicht gesagt wird, was ein Nazi genau ist. Ab wann fängt faschistisches Bewusstsein an? „Nazi“ sollte kein Label für alles mögliche Rechte werden, denn Nazis sind nur ein Teil der an Bandbreite nicht bescheidenen politischen Rechten. Die fangen natürlich an nun zu heulen, man behandle sie mit der „Nazi-Keule“, und man kann sich durchaus fragen, ob man ihnen tatsächlich diesen Gefallen tun sollte oder vielleicht seltener das Wort „Nazi“ in den Mund nehmen könnte.

Das Imperium schlägt zurück

„Nazis raus“ trifft einen Zeitgeist, ein Bedürfnis nach Klarheit. Es ist der Wunsch der Bevölkerungsmehrheit, sich den Diskursen von rechts stärker entgegenzustellen, auch in der Lautstärke. Denn die Erkenntnis seit 2015 ist, dass man sich von den sogenannten besorgten oder Wut-Bürgern ein wenig hatte einschüchtern lassen, ob ihres selbstbewussten Auftritts. 2019 könnte das Jahr sein, in dem sich die Entzauberung vollzieht.

„Nazis raus“ greift also zu kurz, wünscht sich Genauigkeit und ist selbst ungenau. Es polarisiert und verwechselt vielleicht zuweilen Haltung mit Härte. Ein bisschen Salon-Antifaschismus ist auch mit dabei, nach dem Motto: Das Hauchen der zwei magischen Worte gleicht einem heroischen Akt. Aber am Ende bleibt es eine imperfekte Selbstverständlichkeit. Also, von „Nazis raus“ fühlte ich mich nicht negativ angesprochen. Wer es tut, hat vielleicht mit seinen Wertvorstellungen ein Problem.

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