Kommentar: Robert Habeck ist schon in Endzeitstimmung

Ein Wahlkampfvideo zu Thüringen wurde dem Grünen-Chef Robert Habeck zum Verhängnis. (Bild: Hendrik Schmidt/ZB/dpa)

Der Grünen-Chef vergaloppiert sich bei einem Wahlaufruf. Übermüdung, Adrenalin oder zu viel Selbstbewusstsein? Seine Partei jedenfalls reagiert wenig souverän.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Das Jahr hat gerade erst angefangen, aber Robert Habeck sieht bereits die Apokalypse am Horizont. In einer Videobotschaft wandte er sich ans Volk und verkündete: „Wir versuchen, alles zu machen, damit Thüringen ein offenes, freies, liberales, demokratisches Land wird, ein ökologisches Land.“

Ich schaute rasch im Atlas nach, ob es ein anderes Thüringen als jenes ostdeutsche gibt, etwa zwischen Schleswig und Holstein oder zwischen Turkmenistan und Kasachstan, fand aber keines. Der Grünen-Chef nimmt offenbar die anstehende Landtagswahl in Thüringen recht ernst. Sie findet zwar erst Ende Oktober statt, in einer Zeit also, in der es nachmittags wieder arg dunkelt, und bis dahin muss es bei uns ja erstmal wieder hell werden – aber ein Habeck ist auf der Hut.

Offen, frei, liberal, demokratisch und ökologisch sind natürlich nach oben hin offene Werte, da geht immer was. Aber dass Thüringen in dieser Hinsicht besonderen Nachholbedarf hätte, wäre etwas zu viel an Wessigemecker. Interessant indes ist schon, was Habeck bisher nicht über Bremen sagt, immerhin stehen dort schon im Mai Wahlen an.

That’s it

Vielleicht hat er sich schlicht versprochen und dachte den Elativ mit. Womöglich wollte er sagen, dass er sich Thüringen als offeneres, freieres, liberaleres, demokratischeres und ökologischeres Bundesland wünscht, was ich jederzeit unterschriebe. Aber die Reaktion der Grünen erschien mir zu schnoddrig, um Habecks Videoausfall einfach in die Hirnhinterkammer zu verbannen. Habecks Kurzfilmchen wurde von den Grünen kurzerhand gelöscht, was verständlich ist, denn im Netz steht genügend Unsinn. Die Begründung aber liest sich giftgrün:

Da wird also ein Aufruf gelöscht, weil viele ihn angeblich falsch verstanden haben – sprich: Sie waren wohl zu blöd. Leider gab es, wenn Sprache genau genommen wird, nichts falsch zu verstehen. Wenn etwas werden soll, zum Beispiel dick oder dünn, dann ist es dies zum Zeitpunkt des Aufrufs noch nicht. Fehler darf man machen, aber zu diesen stehen, das muss man. Habecks Sprachirrtum erscheint durch diese Reaktion tatsächlich in einem schalen Licht. Und am Ende wird ein „That’s it“ hinterhergeworfen, was eine Mischung aus Ungeduld und Hochnäsigkeit in sich trägt, lässig klingen soll, aber leider so sad ist. Big loser.

Hochmut kommt vor den Fall

Findige Analytiker werden sicherlich die These vertreten, dass nichts aus Versehen gesagt wird und jeder Lapsus im Grunde eine ernste Botschaft transportiert. Und da die Pressestelle nach Besserwisserart agierte, bin ich mal so fies und versuche Habecks Worte nach dieser Lesart zu deuten: Dann sieht er das Land, die Welt, in Endzeitstimmung. Was die Ökologie angeht, hat er ja recht. Uns stehen dramatische Umwälzungen bevor. Der Planet zeigt die Grenzen des Wirkens unserer Lebensform auf.

Aber mit Blick auf Freiheit und Demokratie lassen sich durchaus Fortschritte vermelden, global wie national. Natürlich geht es voran. Da verwundert Habecks dramatische Wortwahl des „Wir versuchen, alles zu machen“. Wirklich alles? Oder versteckt sich dort ein zweiter Lapsus? Aus Habecks Sätzen quillt Selbstbewusstsein, ein gewisser Heilandsanspruch. Immerhin wird er als möglicher Kanzler gehandelt. Aber daraus gleich eine apokalyptische Wichtigkeit abzuleiten, wäre „falsch verstanden“, wie es die Grünen-Pressestelle formulieren würde. Das nächste Mal also bitte etwas mehr Demut und Courage zum Fehlerbekenntnis. Dann ist alles halb so schlimm.

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