Kommentar: Schneeballschlacht mit Impfgegnern

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Eine Szene zu Beginn der Pandemie im April 2020: Aus dem überlasteten Frankreich landet ein Flieger in Dresden, um an Corona Erkrankte aufzunehmen. Heute werden Covid-Patienten aus Dresden ausgeflogen (Bild: REUTERS/Matthias Rietschel)
Eine Szene zu Beginn der Pandemie im April 2020: Aus dem überlasteten Frankreich landet ein Flieger in Dresden, um an Corona Erkrankte aufzunehmen. Heute werden Covid-Patienten aus Dresden ausgeflogen (Bild: REUTERS/Matthias Rietschel)

Die Proteste gegen jegliche Maßnahmen bei Corona nehmen zu, es wird zu immer mehr Clashs kommen. Halten wir sie aus. Wo Hass und Spaltung verortet sind, ist doch eh schon entschieden.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Meines Wissens gibt es keine Fackelzüge vor den Häusern von Ungeimpften. Über Hassmails und Drohungen gegenüber Wissenschaftlern, Lehrern und Politikern ist viel bekannt, eben Repräsentanten eines ausgemachten „Systems“ – aber Ähnliches gegenüber Impfgegnern? Auch laufen keine Demos durchs Land, um das Impfmuffeltum irgendwie anzuprangern. Wer also gerade vor Spaltungen in der Gesellschaft warnt, sollte all jene adressieren, die sich für „Querdenker“ halten.

Nicht einmal Witze kursieren über sie, wie über Ostfriesen oder „Blondinen“ – dabei lädt das Wort Querdenken förmlich zum Spott ein. Wie wäre es mit sowas: Warum gehen Querdenker im Dezember immer durchs Fenster ins Haus? Weil Weihnachten vor der Tür steht…

Oder warum stecken sich Querdenker Streichhölzer zwischen die Augenlider? Damit sie weiter schön aufgewacht sind…

Einen hab ich noch: Warum sind heute die Autobahnen so leer? Die ganzen Querdenker sind abgebogen.

Okaaay, zugegeben: noch recht schlecht, diese Witze. Aber aller Anfang ist schwer.

Und nun zur Tagesordnung

Die Lage ist vielleicht auch nicht zum Scherzen. In Sachsen erklärt die Staatsregierung die epidemische Notlage, weil die Bundeswehr Coronaerkrankte nach Köln ausfliegen muss; währenddessen erklären das Protestierende für „Fake“, wie eben alles zu einem großen Ganzen fabuliert werden kann, wenn man es will. Nicht jeder ist in diesen Zeiten selbstreflektierend unterwegs, wie zum Beispiel der sächsische AfD-Landtagsabgeordnete Ivo Teichmann, der sich trotz Lungenschwäche nicht impfen ließ, sich mit Corona ansteckte und in der Dresdener Uniklinik mit Sauerstoff und Antikörper-Therapie gerettet wurde. Der sagt heute: „Wir sind alle Lernende in der Pandemie.“ Er kann ja wieder reden, im Gegensatz zu jenem österreichischen Impfgegner, der sich lieber mit dem Trumpschen Chlorzeug selbst behandelte und dann verstarb.

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Die Gründe fürs Verweigern einer Coronaimpfung bleiben vielschichtig, nicht wenige von ihnen befürchten das Ungewisse möglicher Nebenfolgen einer Spritze. Die gehen aber nicht auf die Straße. Die werden sich früher oder später überzeugen lassen, so wie an jedem Tag die Sonne aufgeht.

Wer indes im Protestcamp eingecheckt hat, der verlässt diese Wagenburg nicht so leicht. Zwar verharren die Möchtegern-Robin Hoods in einer winzigen Minderheit, aber das machen sie durch Lautstärke wett. Man findet also zueinander, im Scholzwood Forest, um sich hübsch verfolgt zu fühlen. In solcher Gemeinschaft lässt es sich dann auch gut phantasieren, dass die Entscheidung gegen eine Spritze eine für die Freiheit sei; als wäre der Impfstoff aus dem Reich des Bösen, anders sollte kein „Querdenker“ argumentieren, denn wenn die Spritzen schlimmstenfalls nichts bringen würden, dürfte dies solchen Protest dagegen nicht rechtfertigen.

Währenddessen organisieren also jene, die sich als Verfolgte sehen, als Insassen der Konzentrationslager der Zukunft, Fackelzüge vor Privathäusern. Diese Freiheit nehmen sie sich, diesen Budenzauber muss man sich nicht gefallen lassen. Daher braucht es mehr Widerspruch gegen die Pseudo-Che Guevaras von heute, und zwar unaufgeregten, natürlich nicht hassenden. Eine mentale Schneeballschlacht täte uns allen ganz gut – eine echte wäre verlockend, liefe indes Gefahr, aus dem Ruder zu laufen. Daher also bitte mehr verbale Schneebälle rein in die Wagenburg, keine großen und nicht fies geworfenen, Einseifen geht natürlich auch nicht.

Fragen hilft

Die Freiheitshelden sollten nur täglich den Spiegel ihres Verhaltens vorgehalten kriegen: den Irrsinn ihres Herumrebellierens, die Realität einer Abwesenheit von obigen Verschwörungen und jeden Tag diese Frage: Wenn das alles Humbug ist, wenn Corona sowas wie eine Grippe ist und der ganze Aufwand fakebetrieben, mit Manipulationen an Krankenhauskapazitäten und Laborergebnissen – dann muss das doch ein derartiges Riesengewese sein, in jedem Land dieses Planeten, dass da doch Fehler entstehen, die auffallen, echte Risse in der Matrix. Doch wo sind die? Macht es nicht misstrauisch, von all diesen „Schlafschafen“ umgeben zu sein, unter denen es den einen oder anderen schlauen Kopf durchaus auch geben muss, rein statistisch gesehen? Wie baut sich diese Wagenburg tatsächlich zusammen?

Denn eines sollte „Querdenkern“ nicht vergönnt sein, wenn es schon keine Witze über sie gibt: dass sie sich unwidersprochen im Recht sehen.

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