Kommentar: Tausche 27 Millionen Tote gegen einen Regenbogen

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Vielleicht lässt sich heute Abend der Regenbogen beim Münchener Olympiastadion anders bewerkstelligen - Szene eines Fußballspiels im italienischen Lecce (Bild: REUTERS/Ciro De Luca)
Vielleicht lässt sich heute Abend der Regenbogen beim Münchener Olympiastadion anders bewerkstelligen - Szene eines Fußballspiels im italienischen Lecce (Bild: REUTERS/Ciro De Luca)

Alle empören sich über die UEFA und die Ungarn: Unseren Regenbogen lassen wir uns nicht nehmen – zum Glück. Dass dabei andere Meldungen untergehen, gibt aber zu denken.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Gestern kippte ich bei der „tagesschau“ nach hinten. Als Topnews brachte die erste Nachrichtensendung der Nation die Meldung, dass die UEFA der Stadt München nicht erlaubt, das Stadion zum EM-Fußballspiel Deutschland gegen Ungarn in den Regenbogenfarben anzustrahlen. Potzblitz, dachte ich, ist das jetzt die Krachernotiz des Tages? Was war denn noch geschehen? Ich war den Tag über unterwegs gewesen und schaute neugierig weiter.

Natürlich: Die Weigerung der UEFA ist ein Skandal. Die Regenbogenfarben als Solidarität mit selbstverständlichen Rechten der LGBTQ-Gemeinschaft, die nicht selbstverständlich umgesetzt werden, sind nicht „parteiisch“. Klar, das Farbenmanöver ist eine direkte Anspielung auf eine Entscheidung des ungarischen Parlaments. Dies hat nämlich vor kurzem ein Gesetz beschlossen, das es schlicht Kindern und Jugendlichen verbietet, sich in Medien über Sexualität zu informieren – wenn es etwa um Homosexualität geht. Denn solche Artikel sollen gar nicht erst veröffentlicht werden, angeblich zum Schutz der Kinder. Das ist vorgeschoben, eben eine hanebüchene Diskriminierung und erzählt das Märchen weiter, schwule Menschen hätten mehr mit dem Missbrauch von Kindern zu tun als nicht schwule Menschen. Mieser Populismus.

Das ungarische Parlament verweigert damit seinen Bürgern gewisse Menschenrechte. Aber Menschenrechte sind universell. Ihre Einhaltung zu fordern, ist nicht „parteiisch“. Es gilt ja auch nicht als parteiisch, wenn die Legalisierung von Einbruch und Diebstahl in einem Land kritisiert werden würden. Unter Freunden und Nachbarn, wie wir es in der EU sind, muss das schon mal gesagt bzw. ausgeleuchtet werden – auch wenn mich der Eindruck beschleicht, dass man gegenüber den Ungarn nun besonders gern aufgeklärt herumläuft; mit dem Finger auf andere zeigen, das können wir ja recht gut.

War noch was?

Doch. Es gibt da noch etwas anderes. Und dies ließ mich während der „tagesschau“ ein weiteres Mal nach hinten kippen, und zwar am Ende. Denn dann kam, sozusagen als Rausschmeißer, die Meldung mit dem Gedenken des Jahrestages des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion im Jahr 1941. Warum sahen wir dies nicht zuallererst?

Dieser Krieg, den die deutsche Nazi-Regierung damals bewusst begonnen hatte, ist noch heute spürbar. Denn es gibt kaum eine Familie in Russland, in der Ukraine und sonstwo heute, die keine Toten aus ihm zu beklagen hat. Abgesehen davon, dass es ein mieser Überfall aus Machtkalkül war, entwickelte er sich auf deutscher Seite zu einer Reihe von Massenverbrechen vor allem an der Zivilbevölkerung. 

Es kursieren Zahlen. Mal ist von 26 Millionen Toten die Rede, mal von 27 Millionen Toten. Wikipedia schätzt die Opfer zwischen 24 und 40 Millionen. Einigen wir uns also darauf, dass es unglaublich war. Ich erinnere mich, wie mir mein Vater von den russischen Kriegsgefangenen erzählte, die neben seinem Zuhause gehalten wurden – und die bei Fliegeralarm natürlich nicht in den Bunker gebracht worden waren und es dann später, als er wieder oben war, so komisch süßlich roch.

Man muss Prioritäten setzen

Es ist auch kein Wunder, dass dieser so gegenwärtige Krieg gestern den Diktator von Belarus Deutschland als Naziland beschimpfen ließ. Natürlich tat er das, um von seiner miesen Politik und den Sanktionen dagegen abzulenken. Aber er tut es, weil solch eine Erinnerung niemals endet. Und aus dem ähnlichen Motiv kritisierte Ungarns Außenminister die Regenbogenaktion mit einem Verweis auf die Olympischen Spiele in Berlin 1936, die von den Nazis missbraucht worden waren. Das ist natürlich Quatsch. Aber es geschieht aus einem klaren Erfahrungshintergrund heraus.

Schon interessant, dass über diesen Krieg, den unsere Großeltern damals führten, nicht wirklich viel geredet wird. Das geschieht unter ferner liefen. Ist halt unangenehm, nicht wahr? Es aber nicht als Topmeldung zu bringen, ist wirklich nur ein einziger Schmerz.

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