Kommentar: Und jetzt auch noch eine Pandemie-Notbremse?

Jan Rübel
·Reporter
·Lesedauer: 3 Min.
Leider kein Lolli: Bei einem Corona-Selbsttest vor einem Zelt in Berlin (Bild: REUTERS/Fabrizio Bensch)
Leider kein Lolli: Bei einem Corona-Selbsttest vor einem Zelt in Berlin (Bild: REUTERS/Fabrizio Bensch)

Die Bundesregierung greift durch und schickt ein Gesetz mit weiteren Einschränkungen in den Bundestag. Damit soll der dritten Welle begegnet werden und es ist ein Dokument der Hilflosigkeit. Aber: Was bleibt uns anderes übrig?

Ein Kommentar von Jan Rübel

Wer Deutschland auf dem Weg zur Coronadiktatur sieht, kriegt diese Woche feuchte Augen. Ausgangssperre ab 21 Uhr, keine Grüppchentreffen auch draußen mehr. Wenn das mal keine heimliche Machtergreifung ist, fragt sich mancher, der seit vielen Monaten nichts begriffen hat.

Nein, Angela Merkel plant keinen Rückzug vom Rückzug, indem sie insgeheim Milizen aufstellt. Ich glaube, sie hat wirklich keine Lust mehr auf ihren Job und verrichtet ihn mit preußischer Langmut bis zum Herbst. Deutschland ist nicht Myanmar. Was der Bundestag in dieser Woche an Freiheitseinschränkungen beschließt, gilt in erster Linie diesem verdammten Virus und seiner Eindämmung. Aber warum?

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Es gibt eine Instanz, die bei dieser Frage meiner Meinung nach das letzte Wort hat. Und das ist die Intensivstation. Wir sind mitten in der dritten Welle, das Infektionsgeschehen ist dynamisch, die Betten in den Krankenhäusern füllen sich. Vor allem das Personal schuftet schon jetzt am Limit. Und alles, was heute einen negativen Trend beschreibt, wird in zwei Wochen schlimmer sein – das ist die Lehre aus der Pandemie seit Frühling 2020. Verstärkend kommt hinzu, dass es nun die jüngeren Generationen erwischt, und die brauchen auf den Intensivstationen mehr Zeit zur Genesung, da sind vier Wochen oft drin.

Generalangriff auf die Gesundheit

All dies hat schlimme Folgen für die allgemeine Gesundheit der gesamten Bevölkerung. Denn Patienten, die normalerweise auf eine Intensivstation geschickt werden, landen in diesen Tagen woanders – um die Betten für Covid-19-Fälle bereitzuhalten. Auch werden viele wichtige und geplante Therapien, Behandlungen und Operationen abgesagt, weil dafür gerade die Kapazitäten fehlen. Es entsteht ein langer Rattenschwanz an indirekten Pandemiefolgen. Daher ist die Forderung der Intensivmediziner eindeutig: Sie warnen, dass wir nun etwas tun sollen. Ich kenne niemanden von ihnen, die oder der sagt: Ist doch alles nicht so schlimm, entspannt euch, wird schon.

Wir sollten also auf die hören, die gerade mit den Folgen dieser Pandemie kämpfen. Denn die müssen es wissen. Ich weiß, mit den Intensivstationen zu kommen, wirkt wie ein Totschlagargument, wie eine moralische Keule. Aber: Sachverstand und Logik unterstützen es. Und nichts anderes.

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Also will der Bund nun ein wenig durchgreifen. Die Länder haben halt in den vergangenen Monaten vorgemacht, dass sie ihren Verantwortungen nicht gerecht werden. Ab einer Sieben-Tage-Inzidenz von 100 Infektionsfällen je 100.000 Einwohnern in einem Kreis sollen die Kontakte runtergefahren werden: Neben Ausgangssperre und weniger privaten Zusammenkünften sollen diverse Einrichtungen schließen, mehr Tests sollen von den Arbeitgebern zur Verfügung gestellt werden. Doch gerade letztere sträuben sich gegen diese Selbstverständlichkeit; nun rächt sich, dass Arbeitgeber es traditionell gewohnt sind, ihre Extrawürste in Samthandschuhen präsentiert zu bekommen.

Machen, einfach machen

Natürlich gibt es an der Wirksamkeit der einen oder anderen Maßnahme Zweifel. Draußen sind die Risiken einer Infektion recht niedrig, da erscheint eine Ausgangssperre drakonisch. Aber leider sind wir in einer Phase, wo Kanonen gegen Spatzen gerichtet werden sollten, denn einen gewissen Effekt wird auch das haben, und irgendeinen brauchen wir dringend.

Und eines ist dabei ganz wichtig: All diese Maßnahmen sind zeitlich sehr begrenzt. Wir können hoffen, bald einen Sommer zu erleben, der ein bisschen so wie immer sein wird. Natürlich abzüglich der 80.000 Toten.

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