Kommentar: Unser Bundespräsident hat die beste Leberwurst

·Reporter

Für eine gewisse Zeit wollte man Frank-Walter Steinmeier in Kiew nicht sehen. Zu sehr in Erinnerung war sein Putinkuscheln. Nun taucht ein Bericht auf, nach dem der Bundespräsident gegenüber seinem ukrainischen Amtskollegen in einem Telefonat mächtig Dampf abgelassen haben soll. Souverän aber geht anders.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Juni in Riga (Bild: REUTERS/Ints Kalnins)
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Juni in Riga (Bild: REUTERS/Ints Kalnins)

Ein Kommentar von Jan Rübel

Frank-Walter Steinmeier wirkt gern wie der gute Onkel von nebenan. Nachsichtig und leise schmunzelnd, mag er gern auf jede Feier eingeladen werden. Da muss es den Bundespräsidenten arg gewurmt haben, dass der rote Teppich für ihn in Kiew nicht ausgerollt werden sollte, eine Zeitlang. Da war dann Schluss mit lustig für Steinmeier, jedenfalls hinter den Kulissen.

Da war er dann wohl nicht mehr der nette Typ.

Rekonstruiert hat das, nach eigenen Angaben, der „Spiegel“. Am 5. Mai, also drei Wochen nach dem diplomatischen Eklat, als man Steinmeier bedeutet hatte, man wolle ihn eher nicht sehen, sei es zu einem Telefonat gekommen, und zwar zwischen Steinmeier und dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyi. Bevor er über das künftige Verhältnis der beiden und neue Reisepläne sprechen wolle, müsse man erst noch einmal über die Vergangenheit sprechen, wird Steinmeier von Eingeweihten laut dem Magazin wiedergegeben. Das klingt nach Paartherapie. Irgendwie konstruktiv: Komm, lass uns reden. Nett. War aber wohl nur das Vorspiel für einen verbalen erhobenen Zeigefinger.

Der „Spiegel“ schreibt: „Selenskyj soll zu Beginn sein Bedauern über die Ausladung ausgedrückt und von einem großen Missverständnis gesprochen haben. Er könne es sich auch nicht richtig erklären. Aber Steinmeier gab sich damit offenbar nicht zufrieden. Immer wieder soll er Selenskyj die Leviten gelesen haben. Die Ausladung sei ein historischer Affront gewesen, einzigartig gegenüber einem Staatsoberhaupt in Friedenszeiten. Eine so massive Verletzung der diplomatischen Gepflogenheiten sei inakzeptabel, er hätte dafür gern eine Erklärung.“

Eiderdaus

Historischer Affront, massive Verletzung, Steinmeier gab sich anscheinend weniger geknickt als aufgebracht. Dann soll er gar „unwirsch“ geworden sein. Selenskyi habe beteuert, von dem Vorgang nichts gewusst zu haben. Doch Steinmeier habe erwidert, er habe den gesamten Schriftverkehr vor sich liegen. „‘Bitte ersparen Sie sich selbst und mir, dass ich das jetzt alles vorlese.‘ Nach einer weiteren Beschwichtigung Selenskyjs habe Steinmeier sogar ein drittes Mal nachgehakt, heißt es, und dann eine zwar ausweichende, aber wohl gebührend geknickte Reaktion des Ukrainers bekommen. Darauf habe der Bundespräsident eingelenkt.

Falls unser Bundespräsident meint, damit dem Ukrainer ordentlich einen eingeschenkt zu haben, irrt er sich. Es ist einfach nur peinlich.

Das Bundespräsidialamt weist übrigens die Darstellung des „Spiegel“ zurück. „Anders als im Nachrichtenmagazin ‚Der Spiegel‘ dargestellt, war das Telefonat zwischen Bundespräsident Steinmeier und dem ukrainischen Präsidenten Selenskyj am 5. Mai darauf ausgerichtet, Irritationen der Vergangenheit auszuräumen“, heißt es gegenüber „Bild“. „Das in der Darstellung des ‚Spiegel‘ verwendete Zitat ist weder wörtlich noch sinngemäß gefallen.“ Dem „Spiegel“ gegenüber habe das Bundespräsidialamt mitgeteilt, dass es nicht aus vertraulichen Gesprächen berichte.

Offenheit ist angesagt

Doch dafür wird es nun Zeit. Der Wortlaut des Gesprächs sollte auf den Tisch. Denn für gewöhnlich lehnt sich das Nachrichtenmagazin nicht derart weit aus dem Fenster, ohne abgesicherte Quellen für das Behauptete zu haben.

Sollte das Telefonat also tatsächlich so gelaufen sein, dann zeigt es anscheinend den wahren Steinmeier, und der ist dann offenbar gar nicht nett. Der lässt sich nicht die Butter vom Brot nehmen.

Dabei wäre Demut angesagt gewesen. Dass die Ukrainer gerade Steinmeier während einer Hochphase des Krieges nicht empfangen wollten, ist verständlich. Steinmeier ist der Architekt der kremlfreundlichen Politik in Deutschland. Er palaverte jahrelang vom „Wandel durch Handel“, ohne irgendwelche Konsequenzen daraus zu ziehen, dass es nie einen Wandel gab. Seine Russlandpolitik ist ein einziges Scheitern. Und sie spülte das Geld und die Macht in die Kassen des Lügenverbrechers Wladimir Putin, mit dem er nun einen Krieg führt. Dass da ein paar Ukrainer im Kiewer Außenministerium nicht komplett amused waren, warum nicht?

Doch von echter Selbstkritik keine Spur. Steinmeier sitzt das aus. Nur gegenüber Selenskyi änderte er offenbar seine Schlafwagenstimme. Ausgerechnet gegenüber ihm? Dem Präsidenten eines angegriffenen Landes, der Erfahrungen macht, von denen Steinmeier höchstens Alpträume kriegt? Ich stelle mir vor, dass Selenskyi während seines „Krisentelefonats“ gedacht haben wird, dass er eigentlich andere Sorgen hat. Aber den netten Onkel will man ja nicht verärgern. Noch einmal: Peinlich.

Das Tonband des Gesprächs sollte offengelegt werden. Und stimmt, was der „Spiegel“ schreibt, sollte man fragen, ob Steinmeier dem Amt gewachsen ist. Mal wieder.

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