Kommentar: Vier Gründe, warum die Querdenker-Demos normal sind

Jan Rübel
·Reporter
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So ging es vor einem Jahr los: Bei den
So ging es vor einem Jahr los: Bei den "Querdenker"-Protesten muss anscheinend was raus (Bild: REUTERS/Christian Mang)

In Berlin war der Reichstag Ziel von Demonstranten – wegen der beschlossenen Notbremse. Dass dagegen öffentlich protestiert wird, stärkt die Demokratie – aber nicht, wie die Demonstranten meinen.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Es sage keiner, so genannte Querdenker würden nicht dazulernen. Zur letzten größeren Demo haben sie immer weniger Kinder mitgenommen, das Gewaltpotenzial war ja schon vor einem Dreivierteljahr beeindruckend und hat seitdem noch zugenommen. Nix für Kids.

1. Aushaltbar

Die gute Nachricht lautet, dass Wissenschaftler die Ansteckungsmöglichkeiten an frischer Luft für weniger dramatisch halten als ursprünglich angenommen. Solche öffentlichen Proteste werden also, als singuläre Ereignisse, infektionsmäßig wohl kaum zu Virenschleudern: Die Struktur entscheidet, ob sich etwas in der Statistik bemerkbar macht.

2. Verfassung nicht ausgehebelt

Eine weitere gute Nachricht ist, dass diese Demonstrationen das Funktionieren unserer Demokratie bezeugen. Sie sind nicht verboten. Ihnen wird sogar in Zeiten von Corona eine Versammlungsextrawurst gebraten, damit dieses Grundrecht in Anspruch genommen werden kann.

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3. Der Souverän agiert

Die dritte good news heißt, dass die Demonstranten nun einen echten Adressaten für ihre Proteste haben – nämlich den Bundestag. Als Corona in Deutschland erstmals vor einem Jahr Einzug hielt, eierte die Politik bei der Frage herum, wer in den Reaktionen den Hut aufhat. Eigentlich wäre der Bund die natürliche Kompetenz, aber die Länder rissen sie an sich und zeigten sich in ihr nicht gerade meisterlich. Aus dem Eiern wurde ein Eiertanz. Nun hat der Bundestag mit der gestern beschlossenen Notbremse demonstriert, dass er einheitliches Management anstrebt und dass der Bund diese Standards setzt; so sehr man sich über die Details streiten mag. Für die so genannten Querdenker, die ja eh erstmal gegen alles Mögliche sind, hat dies zur Folge: Sie können sich konkret austoben. Keine Schwurbelei mehr gegen eine abstrakte Ministerpräsidentenkonferenz, gegen einen Bill Gates oder einen Echsenmenschenclub unterm Kanzleramt: Der Bundestag ruft: Wir sind’s gewesen. So gesehen hat er die Demonstranten gestern eingeladen.

4. Dampf findet seinen Weg

Und viertens gibt es einen Bedarf nach einem Ventil. Viel Frust und Depression haben sich seit März 2020 angesammelt, unzählige Menschen mussten ihren Erwerb auf den Kopf stellen, leben noch prekärer als sonst – und eine Pandemie mit solch unsichtbaren Dingern wie Viren schafft Ängste. Diese formieren sich mal subtil, mal konkret und zuweilen als pure Phantasterei. Wenn sich in Deutschland schleichend eine Diktatur bilden sollte, wäre sie auf jeden Fall so langsam, dass sie sich für einen Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde qualifizierte. Die Corona-Verschwörungsschwurbler brauchen diese Ventile. Dann gehen sie auf ihre Events, rufen ein paar Mal laut „Lügenpresse“ oder „Bill Gates“ und können etwas entspannter nachhause gehen und über dem nächsten Unsinn brüten. Es wäre auch komisch, wenn sich gegen Ausgangssperren überhaupt kein Widerstand regte. Sie sind ein krasses Mittel. Und ich halte sie trotz ihrer womöglich nicht unheimlich großen Effizienz bei der Infektionsvermeidung dennoch jetzt für notwendig; allein in den vergangenen 24 Stunden starben in Deutschland 258 Menschen. Was also gerade hier passiert, ist inmitten des ganzen Unnormalen ziemlich normal.

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