Kommentar: Volksnah und doch ganz abgehoben - Christian Lindner, der Influencer

Läutet Christian Lindner eine neue Ära der Politik-Influencer ein? (Bild: Steffi Loos/Getty Images)

Politik ist Inszenierung. Oder sagen wir, das Agieren mancher Politiker. Die gesamte Jamaika-Koalitionsverhandlung wird auch einen großen Teil Theater beinhaltet haben, das ist allgemein bekannt.

Man streitet sich, duzt sich, siezt sich, brüllt einander an, macht miteinander unter den Fraktionen Abstimmungen aus. Manchmal äußert man sich in renommierten Medien abschätzig über andere Politiker. Und manchmal entwickeln Parteien eine ganze Wahlstrategie daraus. Wie die FDP. Oder sagen wir Christian Lindner. Oder impliziert das eine nicht das andere?

Christian Lindner, das ist der Mann, der mit an die Millenialzeit angepassten Wahlplakaten und mittelmäßigen Twitterfähigkeiten die von Rösler immens beschädigten Freien Demokraten wieder zurück in den Bundestag holte.

Er ließ eine gesamte Doku über sich drehen, hat einen Podcast, lädt gehypte Influencer in den Bundestag ein, um besonders volksnah zu wirken. Soweit, so inhaltslos. Nahezu täglich schreibt er Gastbeiträge oder lässt sich in Zeitungen portraitieren. Worum es meistens geht? Um andere. Was sie falsch machen, was ihm an ihnen stört. Um andere Politiker, die Lindner sich vorknöpft und plakativ medial basht.

Altlast Jamaika

Sein liebster Gegner zur Zeit sind die Grünen. Lindner befreit sich knapp zwei Jahre nach seinem Jamaika-Abbruch immer noch angestrengt von seiner “Schuld”, die ihm von allen Seiten vorgeworfen wird. Wobei ich – egal wie geplant dieser Abbruch der Koalitionsverhandlungen war – Lindners Aussage, lieber garnicht zu regieren, als falsch, an dieser Stelle unterschreiben würde. Aber sein Ausstieg befeuerte den grünen Wachstum immens.

In Umfragewerten liegt der Trend gen Grün, es gibt einige Menschen, die Robert Habeck als Kanzler sehen. Diese Erkenntnis und Vorstellung befeuert Christian Lindner mit Abneigung gegen grüne Politik. Wie? Genauso, wie er Wahlkampf geführt hat. Gegen die jetzige Regierung, gegen das vermeintlich “Falsche”, und mit viel Selbstinszenierung.

Der “Welt” erzählte er im Februar im Rahmen der Debatte, ob nordafrikanische Länder als sichere Herkunftsländer gelten sollten, dass die Grünen “die letzten gesinnungsethischen Unterstützer des alten Merkel-Kurses” seien. “Davon wollen sie an der Wahlurne profitieren. Aber das ist gegen die Fakten.” Es ginge allein um “parteipolitische Profilierung, die sogar in Kauf nimmt, dass man der AfD damit ein Mobilisierungsargument gibt”.

Diesen Tenor verfolgt er regelmäßig auch auf seinen Social-Media-Seiten. Es geht dabei nie um gezielte Kritik, sondern um die kollektive Verurteilung der Grünen. So sagte er über die Idee einer Flugbegrenzung jedes Bürgers: “Ich finde: Wer #Flugreisen rationiert, der zeigt das alte Gesicht einer Verbotspartei.” Passend zur Thematik gibt es dazu ein Selbstportrait von ihm.

Volksnah und doch so weit weg

Dabei ging es eigentlich um eine CO2-Preis für alle Sektoren, um Folgekosten für das Klima einzurechnen. Das interessiert den FDP-Chef wenig. Denn liberale Fans zeigen sich begeistert bei solchen Aussagen. Und auf abwertende Ebenen geht das Social-Media-Team (TL) gerne ein.

So schreibt ein User: “..ist das rechtlich überhaupt möglich? Die spinnen, die Grünen 😬”, worauf sein Team “Sehr verbots-mäßig, ja…TL” antwortet. Auf gegenargumentierende Stimmen mit Substanz wird wenig eingegangen. Die liberale Verbrüderung basierend auf Bashing von demokratisch gewählten Parteien ist schlicht und einfach lukrativer.

Oft spielt Lindner die Spinne, die zur Fliege spricht. Fordern viele Gegenstimmen nach einer Erklärung oder Idee zu den kritisierten Themen, lädt er ganz spontan bekannte Persönlichkeiten ein, die mit Themen wie Artikel 13 oder Klimawandel große Reichweite in den sozialen Medien haben. So lud er Louisa Dellert ein. Sie durfte in den Bundestag um mit ihm ganz grob über das Thema Klima zu sprechen. Das einzige Resultat dieses Treffens:

Dieser Punkt geht sicherlich an Herrn Lindner. Offen, ein guter Zuhörer, an den Menschen selbst interessiert. Nur weil sein Charisma an dem Tag passte, kann man ein solches Treffen nicht mit dem Statement beenden, das dieser Politiker aufgeschlossen war.

Denn wie wir sehen, ist er für die immer lauter werdenden Schüler des FFF nicht zugänglich, und lenkt medial geschickt ab mit Aussagen wie in der “FAZ” vor einigen Tagen: “Ich bin fassungslos, dass Schulschwänzen heiliggesprochen wird”. Anstatt Raum zu geben für die Thematik Klima, befassen wir uns lieber grundlegend mit dem Akt des Schwänzen oder laden noch ein paar Influencer ein, die mit ihrer Reichweite Lindners Charisma bewerben.

Resonanz durch hohe Reichweite

Es ist tragisch, dass diese Strategie aufgeht. Haben Robert Habeck und Alice Weidel zusammen nicht einmal 50.000 Follower, weist Christian Lindner 124.000 auf. Wobei die Grünen die Taktik Lindner auch für sich entdeckten. So traf die eben genannte Influencerin auch Özdemir und Hofreiter. Aber tägliche Frage-und-Antworte-Möglichkeiten, Updates und Livevideos zahlen sich mehr aus.

Christian Lindner wirkt so nah, so smart, so schlagfertig. Und das ganz einfach, indem er das politische Agieren seiner Kollegen abschreibt und Schwarz-weiß-Bilder in nachdenklichen Posen von sich hochlädt. Kommentare und Interviews wie in “Tagesspiegel”, “ZEIT”, “Bild” oder “Welt” sind auch keine Seltenheit. Durch die Swipe-Funktion ist die Meinung des FDPlers nicht weit. Und bei 124.000 Followern wird eine gewisse Reichweite stets gegeben sein.

Auch seine Beziehung zur RTL-Journalistin Franca Lehfeldt schlug Wellen. Die Vermischung von Politik und Prominenz kann für Wähler attraktiv sein. Und Tatsache ist: Herr Lindner selbst weiß, dass seine Art sowie Social-Media-Präsenz und Schlagfertigkeit das sind, was ihn ausmacht. Allein der Raum, den ich ihm mit diesem Kommentar gebe, ist eine Genugtuung.

Beginn der politischen Epoche “Influencer und Politiker”

Aber ich finde, wir sollten uns wirklich fragen, was politisch falsch laufen könnte, wenn eine solche politisch-inhaltlich schwache Strategie funktioniert. Ist es das, was knapp ein Zehntel der Wähler will? Charismatische Selbstinszenierung?

Wozu das im gewählten Regierungsposten führen kann, hat Macrons “En Marche!”-Bewegung gezeigt. Saloppe Anführerparolen über ein starkes Europas mit gut belichteten Liveübertragungen überzeugen am Ende wohl doch nicht. In den Sonntagsumfragen bleibt Lindners FDP zur Zeit stabil zwischen 8,5 und 10%. Der eigentlich herbe Jamaikaschlag hat nicht so nachhaltig gewirkt, wie er gekonnt hätte. Vielleicht hätte ein Regierungsposten nachhaltiger geschadet.

Die Simplizität war und ist der Schlüssel zur Aufmerksamkeit. Es ist viel einfacher, einen Tweet von Anton Hofreiter mit saloppem Kommentar zu reposten, als eine eigene Agenda preiszugeben. Und diese Schnelllebigkeit fruchtet. Nah, schnell und authentisch. Dieser Kommentar lobt Christian Lindner leider mehr, als er sollte. Denn seine Strategie wirkt, egal wie berechnend sie ist. Mit Politik hat das oftmals nicht mehr viel zu tun. Aber das wird egal.

Wenn Rassisten und Homophobe ihre Meinung teilen können und hohe Resonanz erhalten, wieso sollte ein leicht narzisstischer Politiker das nicht auch? Internet und soziale Medien sind der neue Schlüssel zur Wählerschaft. Und wie bei allem anderen auch, ist die politische Meinung schneller und hemmungsloser getippt.

Vielleicht hat Christian Lindner nur den Anfang gemacht, vielleicht diskutieren wir bald nur noch über Heiko Maas’ Beziehung zu Natalia Wörner oder ob er wirklich Lederjacken tragen sollte, oder wie viel Robert Habeck eigentlich fliegt, und wohin überhaupt? Passt zu dem Niveau, auf dem zur Zeit deutsche politische Debatten geführt werden.

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