Kommentar: Wahnsinn! Größte Twitter-Aktion der Polizei aller Zeiten!

Bundespolizisten samt Pressesprecher vor einem der durchsuchten Objekte (Bild: dpa)

Die Bundespolizei beschreitet neue Wege: Sie macht auf Donald Trump.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Ich gebe zu, manchmal fühle ich mich alt. Angeblich wird alles größer, schneller – und was nicht, ist kein Achselzucken wert. Dabei dreht sich die Erde nicht rascher, und vieles, was heute atemlos bestaunt wird, gab es schon annodazumal.

Heute haben ein paar Jungspunde vom Social-Media-Team der Bundespolizei einen Scoop geliefert, einen echt heißen. “Bundesweite Razzia gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution. Es ist die größte Aktion dieser Art in der Geschichte der Bundespolizei.” Anderen reichte dies offenbar nicht, es verlangte nach mehr Ausdruck, daher twitterte man bei vielen Polizeidienststellen identisch: “Größte Zugriffs- und Durchsuchungsmaßnahme seit Bestehen der Bundespolizei!” Dieses Ausrufezeichen musste sein.

Nun ging es bei der bundesweiten Aktion in vielen Städten tatsächlich um Großes, nämlich um einen Schlag gegen organisierte Kriminalität im Rotlichtmilieu, gegen Schleuser und Sklaventreiber, die Menschen als Zwangsprostituierte gefangen halten, sie erniedrigen, von Bordell zu Bordell schleifen und an dieser Erniedrigung und an diesem Freiheitsraub verdienen. Offenbar ist es der Bundespolizei gelungen, tief in diese dunklen Strukturen vorzudringen, da gebührt ihr öffentliche Aufmerksamkeit, auch Zuspruch, Anerkennung und Dank.

Man kann auch darüber twittern, selbst die Polizei darf das. Aber ebenso dürfen ein paar Fragen dazu erlaubt sein.

Nach dem Höhepunkt ist vor dem nächsten

Was zum Beispiel unternimmt die Bundespolizei, wenn sie demnächst wieder groß ausrücken muss und dieser fabelhafte Hashtag “#BpolRazzia” nicht mehr verwendet werden kann? Nimmt sie dann “#BpolRazzia2”? Auch mag der heutige Einsatz der größte in der Geschichte der Bundespolizei sein, aber immerhin gibt es sie erst seit 2005.

Nicht unser Leben ist schneller geworden, sondern häufiger der Gebrauch von Superlativen. Auch Bundesinnenminister Seehofer lobte den Rekord-Einsatz zum Beginn seiner Amtszeit als “beispiellosen Schlag”. Ein schnöder Elativ reicht längst nicht mehr aus.

Auch wir Journalisten fallen dem oft zu Opfer: Ein Geschehen, ein Umstand, wird zur Meldung, wenn wir es mit einer runden Zahl, einem Jubiläum oder eben einem Höhepunkt garnieren können; was diesen mit dem Inhalt verbindet, wird nicht mehr gefragt. So ist die heutige Aktion der Bundespolizei nicht berichtenswert, weil es die Größte seit 2005 ist, sondern weil sie wichtig und relevant für das Zusammenleben ist.

Eine Bitte noch. Liebe Polizei, verzichte auf Ausrufezeichen. Aufgabe der Sicherheitsbehörden ist, Ruhe und Vernunft zu verbreiten, eine Kühle der Erhitzung entgegen zu setzen. Ausrufezeichen sind die Ausdrucksmittel von Teenagern und von Donald Trump.