Kommentar: Warum Jan Fleischhauers Artikel besser im Müll aufgehoben sind

Konservativ ohne Rücksicht auf Verluste: Jan Fleischhauer (Bild: ddp images)

Jan Fleischhauer mag dem einen oder anderen ein Begriff sein. Der Journalist kann als Sinnbild für das gesehen werden, was große Teile der deutschen Medienlandschaft beschreibt: Weiß, männlich und konservativ ohne Rücksicht auf Verluste.

Schaut man sich die Überschriften von Jan Fleischhauers Kolumnen auf der Website des “Spiegel” an, versteht man gar nicht, wer ihn so triezt, dass derartige Artikel entstehen wie: “Darf man über Juden Witze machen?” Oder: “Umgang mit China: Wo Trump Recht hat”. Man merkt, der Mann möchte provozieren und polarisieren. Polarisierung an sich ist nicht immer etwas Negatives. Aber in seinem Fall geht das meist auf Kosten von Minderheiten.

Der Beweggrund, weshalb ich, obwohl es diverse Männer in der Branche gibt, die diesem Muster entsprechen, diesen Kommentar verfasse ist der neueste Artikel Fleischhauers: “Warum afrikanische Kunst in Europa am besten aufgehoben ist.” Der Titel ist hier Programm: Die privilegierte Bewertung aus einer pseudo-westlichen “besseren” Welt.

In dem Artikel sind Passagen zu finden wie: “Wenn es um das koloniale Erbe geht, plagt gerade Menschen in der Kulturszene, die mehrheitlich eher links stehen, ein furchtbar schlechtes Gewissen. Der Kolonialismus gilt als ein besonders abscheuliches Kapitel der Geschichte des Westens. Die Rückgabe afrikanischer oder asiatischer Kulturgüter erscheint als eine Wiedergutmachung für das Unrecht, wie überhaupt auffällt, wie stark die Diskussion von Begriffen wie Schuld und Sühne geprägt ist.”

White privilege in seiner schönsten Form

Was ich mich frage: Wer ist Jan Fleischhauer, dass er bewerten kann, wie mit Objekten umgegangen werden soll, die definitiv der Raubkunst zuzuordnen sind? Die Kolonialzeit nebenbei als etwas nicht Gutes zu bewerten, schafft Fleischhauer noch, aber dann folgt dieses Statement: “Schreiben Sie es meiner Borniertheit zu, aber ich persönlich habe gewisse Zweifel, ob noch viel übrig wäre, was man bestaunen könnte, wenn es nicht in europäischen Museen verwahrt würde.” Im Klartext: Wären die überhaupt nicht zivilisierten Afrikaner überhaupt in der Lage gewesen, ihre Kultur aufzubewahren?

Das hat nichts mit Bewertung zu tun, sondern ist white privilege in seiner schönsten Form. Was white privilege ist? Die Haltung von weißen Personen, über allerhand Richtlinien zu verfügen, den modernsten Stand im unantastbaren Westen zu besitzen und den Rassismus, den People of Color erfahren, nicht zu erkennen oder abzuwerten.

Woher möchte Fleischhauer wissen, was passiert wäre, wenn in Zeiten des Kolonialismus kein Raub dieser Kunstwerke stattgefunden hätte? Woher nimmt er sich das Recht, eine solche Abwertung außerhalb seiner Kultur zu tätigen? Genau: Einfach so, weil er es kann. Und weil der “Spiegel” ihm Raum dafür schafft. Übrigens: Der originale, vom “Spiegel” entfernte Titel des Textes hieß: “Die gute Seite des Kolonialismus”. Mehr muss ich an dieser Stelle nicht erklären, oder?

Was ich mich die ganze Zeit frage: Wo ist der mediale Aufschrei? Warum verurteilt niemand diese scheinheiligen Aussagen von Jan Fleischhauer? Ich bezweifle, dass diese Anmaßung, der Retter der afrikanischen Kunst zu sein, bei allen großen deutschen Journalisten auf Zustimmung stößt. Wobei ich mir da manchmal auch nicht so sicher bin. Diese vermeintliche zivilisatorische Überlegenheit Europas scheint ein festes Weltbild (zu) vieler zu sein. Europa hat Vorteile durch den Kolonialismus erlangt. Auch die zugeschriebene Position als überlegener, modernerer Kontinent. Also Jan, at least hast du die erste Überschrift geändert, weil das konntest du dir wohl selber nicht glauben.

Das wird man ja noch sagen dürfen…

Letztes Jahr im Juni hieß es, dass sich die “Spiegel”-Chefredaktion unter Barbara Hans von dem Autor distanzieren würde, nachdem er eine wirklich gravierende Kritik unter dem Namen “Die Schnorrer von Rom” über die italienische Regierung verfasste. Auch diese Distanzierung wurde nicht offiziell verkündet. Es scheint, als könne, oder vielleicht wolle sich der “Spiegel” nicht von den konservativen Aussagen des Autors abgrenzen. Wobei “konservativ” das falsche Wort dafür ist. Irgendwo zwischen “gesellschaftlich akzeptiert rechts” und konservativ, weil, Entschuldigung, in Deutschland darf man ja wohl noch seine Meinung sagen! Gerade als großartiger weißer Europäer, denn Fleischhauer muss es schließlich besser wissen, als wir alle.

Der Fall Fleischhauer und die damit verbundene Medienakzeptanz ist kein Ausnahmefall. Fakt ist auch, dass eine solche Haltung eher zur Stagnation führt, als zur Entwicklung. Aufklärung und Fachwissen über solche Themen, auch im Bezug auf die Judenwitzefrage Fleischhauers, können gar nicht entstehen. Denn die Angehörigen dieser marginalisierten Gruppen kommen in solchen populären Medien selten zu Wort. Und solange eurozentrisch-bornierte Artikel wie diese im Internet kursieren, wird dies auch nur schleppend ins Rollen kommen.

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