Kommentar: Warum redet Xavier Naidoo nicht endlich Klartext?

Juror Xavier Naidoo bei "Deutschland sucht den Superstar" (DSDS). (Bild: Getty Images)

Vom Sänger gibt es neue Videos, aber darin den alten kryptischen Kram. Von den miesen Inhalten abgesehen: Diese Masche ist uncool.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Ein sich wissend gebender Gesang ist mir schon immer auf den Senkel gegangen. Egal ob es um Liebe oder die Blumen auf der Wiese geht, um Politik oder Freunde – viele Musiker greifen bei ihren Texten in die Butter. Und ergehen sich dann in Andeutungen, die mehr erahnen lassen sollen. Nach dem Motto: Es ist alles ja ungemein … ja, was eigentlich: oft ist es dämlich.

Xavier Naidoo ist darin ein Meister seines Fachs. Seit Jahren besingt er die Lage der Nation, und er gibt sich besorgt. Gefahren sieht er, aber konkret benennen tut er sie nicht. Er will ja nicht als Rassist beschimpft werden, er will sich als Nice Guy in den Spiegel schauen. Und vor allem will er gründlich missverstanden werden.

Seinen Job als Juror bei der Sendung „Deutschland sucht den Superstar“ ist er erstmal los. Der Auftraggeber, Fernsehsender RTL, hatte ein paar Fragen zu zwei Videos, die jüngst von Naidoo auftauchten – und diese Fragen hat er nicht aufschlussreich genug beantwortet.

Doch was hat er diesmal gesungen?

"Weit und breit ist hier kein Mann, der dieses Land noch retten kann", singt er in einem knapp einminütigen Clip. Nun, als Beitrag zum Frauentag sollte er ihn nicht einsenden. Zuerst also schraubt Naidoo die Fallhöhe verdammt hoch. Es geht um die Rettung des Landes. Wovor? Corona? Leider ist Naidoo nicht Mitglied im Verein für klare Sprache, es muss bei ihm hinreichend ungenau sein. Also singt er zur Spezifizierung von „Wölfen“.

Wen meint er? Ist der Song im Auftrag des Jagdverbands entstanden? Man erfährt es beim ersten Hinhören nicht.

Ein bisschen soll man indes schon mitkriegen, und daher setzt Naidoo mit einem „aber“ fort: "Aber was, wenn fast jeden Tag ein Mord geschieht? Bei dem der Gast dem Gastgeber ein Leben stiehlt."

Aha. Also, mit Gast meint Naidoo bestimmt Leute, die in Deutschland nicht geboren wurden, sondern hierhergekommen sind, zum Beispiel Geflohene. „Was, Wenn“ erinnert mich an den Kinderspruch „Wenn das Wörtchen wenn nicht wär, wär mein Vater Millionär“. Es ist also nicht so. Aber Naidoo singt darüber, weil er womöglich denkt, etwas KÖNNTE wahr werden – jeden Tag das Töten eines Menschen.

Nichts stimmt daran

Pardon, wenn Wordmaster Naidoo in diesem Song Wölfe nicht als geflohene Menschen beschreibt, ist das Liedchen doch für den Jagdverband. Abgesehen davon, dass es die massenhaften körperlichen Straftaten an weißhäutigen Deutschen von nicht ganz so weißhäutigen oder ziemlich wenig weißhäutigen Menschen nicht gibt und dieses Schauen auf Hautfarben unheimlich arm und gemein ist – es gibt in den Statistiken erhöhte Werte, überdurchschnittliche Werte. Aber keine Tötung am Tag, nicht einmal annäherungsweise. Wie wäre es, wenn Naidoo einmal über die Opfer singt, die von biodeutschen Tätern aus rassistischen Motiven heraus verletzt oder getötet wurden? Oder geschieht sowas dann im Rahmen der „Landesrettung“?

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Natürlich habe man ihn da falsch verstanden, den Kontext nicht begriffen. Naidoo schreibt in seiner Stellungnahme das Gewohnte: "Ich setze mich seit Jahren aus tiefster Überzeugung gegen Ausgrenzung und Rassenhass ein. Liebe und Respekt sind der einzige Weg für ein gesellschaftliches Miteinander." Das klingt hübsch, tut aber nicht zur Sache, denn man muss kein Rassist sein, um Rassismus zu verbreiten, ob sprechend, schreibend oder singend. Naidoo liefert: Blabla.

Ein wenig nähert er sich dann dem Punkt. Auch seine Familie sei als Gast nach Deutschland gekommen und habe sich an "Recht und Moralvorstellungen des Gastgebers" gehalten, heißt es von Naidoo. "Diese Selbstverständlichkeit sollte für alle gelten - auch wenn nur ein sehr kleiner Teil dies missverstanden hat. Aber gerade dieser kleine Teil belastet alle anderen, die hierdurch in 'Sippenhaft' genommen und durch eine erschreckende Zunahme an Gewaltakten in Gefahr gebracht werden."

Wenn es nur einen „sehr kleinen Teil“ betrifft, soll der dann so schlimm wüten können, dass das Land gerettet werden muss? Und wer ist so blöd und nimmt Menschen in „Sippenhaft“ für Taten, die sie nicht begangen haben? Naidoo etwa selber?

Wo bleibt Naidoos Mut?

Es ist zum Heulen. Doch es kommt noch dicker, und zwar in Form eines zweiten Clips, der wie eine zweite Strophe zum ersten klingt. Darin singt Naidoo: "Wieder will die Klasse nur schweigen, Plakate zeigen, drauf steht 'Wir sind mehr'. Doch in Wahrheit seid ihr einfach nur peinlich und deutschlandfeindlich, denn ihr seid leer."

Wir sind mehr – das war der Slogan nach den Ausschreitungen in Chemnitz, als Menschen gegen Jagdszenen demonstrierten, die sich im Zuge einer Messerstecherei ereignet hatten: Ein Chemnitzer war erstochen worden, womöglich von einem Geflohenen. Ich finde ja, diese Jagdszenen waren peinlich und deutschlandfeindlich, weil im krass konkreten Sinn menschenfeindlich. Die wurden ja gejagt, weil sie nach irgendetwas aussahen. Es war genau jener Rassismus, gegen den sich Naidoo in seinen Sonntagsreden wendet.

Echt, Xavier, „die Klasse“, die „will nur schweigen“. Du gehörst nicht zu einer Klasse? Ich vergaß: Es sind ja nicht alle so mutig wie du, der die Dinge beim Namen zu nennen beansprucht. Du aber scheiterst darin grandios. Denn du benennst in deinen Texten nicht Ross und Reiter, sagst nicht wirklich, was du denkst – aus welchen Gründen auch immer. Immer hübsch kryptisch bleiben, nicht wahr. Es ist eine Masche, die müde macht.

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