Kommentar: Was Boris Palmer und Hans-Georg Maaßen eint

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Ex-Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen bei einem Interview im Jahr 2018 (Bild: REUTERS/Axel Schmidt)
Ex-Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen bei einem Interview im Jahr 2018 (Bild: REUTERS/Axel Schmidt)

Beide Politiker sehen sich gern als Opfer einer vermeintlichen „Cancel Culture“. Das hat nur einen Grund: Sie beherrschen nicht die Satire als Gattung der deutschen Sprache.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Vielleicht sollten Boris Palmer und Hans-Georg Maaßen mal einen Deutsch-Sprachkurs besuchen. Möglicherweise beherrschen sie die Klippen rund um Dativ und Konjunktiv, aber mit einer Kunstform gehen sie um, als wollten sie ihren Sprachacker noch mit eigenen Händen durchpflügen: Sie beherrschen die der Satire offensichtlich nicht. Und das ist noch der optimistischste und am meisten wohlwollende Erklärungsversuch ihrer Drechseleien.

Was ist passiert? Palmer, Oberbürgermeister der Grünen in Tübingen, mag das Sticheln und Aufregen und andere aufregen lassen. In den Sozialen Medien sticht ihn hin und wieder der Hafer, und dann haut er zu doll in die Tasten. Jüngstes Beispiel: In einem Post auf seiner Facebook-Seite wurde der Fußballspieler Dennis Aogo beleidigt. Im Zuge der Debatte mit anderen Nutzern griff Palmer ein Aogo zugeschriebenes Zitat auf und schrieb: „Der Aogo ist ein schlimmer Rassist.“ Zur Begründung verwies Palmer auf einen nicht verifizierten Facebook-Kommentar, in dem ohne jeden Beleg behauptet worden war, Aogo habe für sich selbst rassistische Beleidigungen benutzt. Welche das sind, gibt Palmer wieder. Und lässt sie dastehen, als seine eigenen, also Palmers Worte. Ich nenne sie hier nicht, denn es macht meiner Meinung nach keinen Sinn, solche Beleidigungen zu verbreiten – und ich frage mich, wie Palmer dies schreiben konnte, ohne rot zu werden.

Palmer, Pirouette, Palmerette

Es gab das zu erwartende Stirnrunzeln. Und den gewohnten Rückzug, der als Palmerette in die Stilbücher eingehen wird. War doch alles Satire. Sagt er. Er habe einem Kritiker zu verstehen geben wollen, „wie absurd ich seine konstruierten Rassismusvorwürfe finde, indem ich ihm einen Rassismusvorwurf präsentiere, der so vollkommen abstrus ist, dass es sogar ihm auffallen müsste. Gewissermassen pädagogische Satire.“ Hm. Als ich seinen Post las, konnte ich darin Satirisches nicht erkennen, sondern nur inhaltlichen Indikativ. Doch für Palmer sei das „vollkommen grotesk“ und „absurd“. Und seine eigenen Worte im Nachhinein: ein „ungeschickter Satz“.

Nun wehrt sich Palmer dagegen, als Rassist bezeichnet zu werden. Doch damit verklärt er den Vorwurf: Mal wieder hat er Rassistisches gesagt, das kann er auch tun, ohne selbst ein Rassist zu sein. Und der Verweis auf eine vermeintliche Satire hilft ihm nicht aus der Patsche, denn die hat wahrscheinlich nur er selbst verstanden. Deshalb Deutsch-Sprachkurs. Es gibt ja einige in unserem Land, da kann er sich gleich bei der Volkshochschule seiner Stadt anmelden.

Boris Palmer ist derzeit für zwei Dinge bekannt: Effiziente Corona-Politik und verbale Entgleisungen (Bild: Tristar Media/Getty Images)
Boris Palmer ist derzeit für zwei Dinge bekannt: Effiziente Corona-Politik und verbale Entgleisungen (Bild: Tristar Media/Getty Images)

Diese mangelnden Satirekenntnisse verbinden Palmer mit Maaßen. Der äußerte sich in einem Filmchen zur Klimapolitik, und der selbst ernannte Robin Hood der Alt-Neu-Rechten in der CDU and beyond liebt das kräftige Wort; schließlich ist der geschasste Verfassungsschutzchef gerade arbeitslos und kandidiert für den Bundestag. Er kritisierte die Klimapolitik der Grünen und ihre Forderungen, das ist sein gutes Recht und ein Stück weit seine Pflicht als Christdemokrat im Wahlkampf. Dann aber kam die erste Pfefferschote: Die Grünen betrieben „Rassismus gegen die eigene Nation“, sagte Maaßen. Bestenfalls offenbart Maaßen damit völlige Unkenntnis darüber, was Rassismus bedeutet. Denn was er sagen WILL, ist: Die Klimaforderungen der Grünen würden dem Land sehr, sehr schaden. Was das mit Rassismus zu tun haben soll, erklärte er wohlweislich nicht, nämlich: nichts. Klingt aber schön nach Tarzan, nicht wahr? Oder möchte Maaßen andeuten, die Grünen wollten nicht den Planeten vor klimatischem Overkill retten, sondern die Deutschen an sich schädigen, weil sie die Deutschen für minderwertig halten?

Nun kommt es doller

Doch einmal in Fahrt, lieferte Maaßen den nächsten Bullshit. „Wir können nicht die Welt retten“, sagte er. „Wir haben schon zweimal versucht, die Welt zu retten, und es ist jedes Mal schiefgegangen.“

Dazu hab ich eine Frage. Denn obwohl Maaßen Mitglied im Verein für klare Sprache ist, wird er hier hinreichend unscharf. Welche zwei Male meint er? Eigentlich kann er nur die beiden Weltkriege meinen. Doch Maaßen bietet im Folgesatz eine mögliche Erklärung: „Und ich möchte nicht, dass wir mit einem überzogenen moralischen Rigorismus uns jetzt schaden, und vielleicht auch unseren Nachbarstaaten großen Schaden zuführen.“ Soso, der Verweis auf die Nachbarstaaten, die durch die beiden Weltkriege gewisse Folgen zu spüren bekamen, lässt schon darauf schließen,

  • dass Maaßen meint, mit seinem vom Zaun gebrochenen Angriffs- und Vernichtungskrieg habe Adolf Hitler die Welt retten wollen,

  • dass Maaßen meint, die Nazis seien mit einem überzogenen moralischen Rigorismus unterwegs gewesen.

Interessanterweise klagen ja viele Rechtspopulisten, wir würden zu viel über unsere Nazivergangenheit reden. Warum kommen sie dann selbst darauf zurück, wenn es ganz und gar nicht passt? Weil es sie drängt, etwas zu relativieren oder zu verhübschen? Also, die Welt wollten sie retten, diese herzigen deutschen Faschisten? Und sie waren halt, moralisch gesehen, zu rigoros? Zu moralisch? Die Moral von Auschwitz, die hätte ich gern erklärt gekriegt.

Es wird nicht lange dauern, dann wird es auch bei Maaßen dieses öffentliche Stirnrunzeln geben. Wie wird er reagieren? Palmer würde ihm raten: Sage doch, es sei Ironie gewesen. Eben satirisch. Und Maaßen wird dies auch so sagen, andernfalls stünde er als geschichtsvergessen oder als Hitlerfan da. Will er ja bestimmt nicht.

Bleibt auch bei Maaßen ein dritter Weg. Und der führt zum Deutsch-Sprachkurs in der Volkshochschule.

Video: Grüne in Baden-Württemberg wollen Boris Palmer ausschließen