Kommentar: Wegen dieser schlechten Klimakonferenz werden die Aktivisten nun aufdrehen

Die „COP“ im ägyptischen Scharm El-Scheikh war ein Schlag in den Wüstensand. Mal wieder wurde vergeigt, sich wirksam auf etwas einzulassen, das sich dem Klimawandel entgegenstellt. Das hat Folgen: In Deutschland werden die Klimaaktivisten nun radikaler auftreten. Und mancher Politiker wird immer Blöderes loslassen.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Aktivistinnen der Klimagruppe
Aktivistinnen der Klimagruppe "Letzte Generation" blockieren in Berlin eine Straße (Bild: REUTERS/Fabrizio Bensch)

Diese Ergebnisse können sich nicht sehen lassen. Man kann sie nur ungläubig entgegennehmen. Was die Klimakonferenz dieses Jahres zuwege gebracht hat, ist bis auf eine Ausnahme ein einziges Scheitern.

In Scharm El-Scheikh sind hunderte Leute zusammengekommen und haben tagelang verhandelt. Diese Konferenzen gibt es seit etlichen Jahren, man weiß, was auf dem Tisch liegt: Die Rettung der menschlichen Zivilisation, solange sie noch auf diesen Planeten angewiesen ist, und der wegen des Klimawandels immer unwirtlicher für sie wird. Das klingt nach einer einenden Aufgabe, möchte man meinen. Es sollte so sein wie eine rasche Konferenz der Rebellen bei Star Wars, man versammelt sich, beschließt und steigt in die Raumschiffe.

Aber nein: Diese Klimakonferenzen ähneln eher den Sitzungen des Senats bei Star Wars, wo die Vertreter etlicher Planeten lange palavern, nichts unternehmen und sich dem Imperator unterwerfen. Um im Bilde zu bleiben: Bei der Klimakonferenz in Ägypten gab es nicht den einen Oberbösewicht, sondern über 200 akkreditierte Delegierte von der Öl- und Gasindustrie, die man aus mir unerfindlichen Gründen mitdiskutieren ließ und die somit alles verwässerten, was irgendwie brauchbar im Kampf gegen den Klimawandel wäre.

Auf der COP wurde erlaubt, dass Saudi-Arabien tonangebend klarmachte, an ein Ende der Nutzung fossiler Energien gar nicht zu denken. Und China stemmte sich auch gegen Neuerungen; zwar etwas genierter und nicht so grob, die Fossilindustrien aber brachten die Verhandler aus Peking ebenfalls zum Jubeln. Das einzig gute Ergebnis der Konferenz war, dass nun eine Art Fonds aufgelegt werden soll, durch den starke Verursacher des Klimawandels starke Opfer desselben entschädigen – wenn der Fonds tatsächlich kommt.

Highway to Hell

Derweil übte sich UN-Generalsekretär António Guterres in kräftigem Vokabular und mahnte, wir alle befinden uns auf dem Weg in die „Klimahölle“. Guterres ist nicht irgendjemand, kein Kolumnenschreiber oder Bürgermeister, er steht der Weltorganisation vor. Und dennoch wurde in Scharm El-Scheikh viel Zeit aufgewandt, mal wieder an den Zielen herumzuformulieren. Stattdessen wäre es angebracht gewesen, sich Gedanken über die UMSETZUNG der Klimaziele zu machen. Die liegen ja auf der Hand.

Dürre, Fluten, Trinkwasserrationierung, Abschaltung von Kraftwerken – der Klimawandel hat längst unsere Haustüren erreicht. Aber wahrhaben wollen wir ihn immer noch nicht genügend, sonst wären unsere Reaktionen angemessener.

Jedenfalls kann jemand wie Jens Spahn, der immer noch ein Hoffnungsträger in der CDU ist, glauben, er könne politischen Profit aus Blödelei ziehen. Beim Deutschlandtag der Jungen Union warnte er doch tatsächlich vor einer „Klimadiktatur“ – er meinte das von ihm selbst an die Wand gemalte Schreckgespenst einer Reglementierung des Individualverkehrs. Spahn hatte sich mit einer Journalistin gestritten, er zitierte sie mit den Worten, nicht jeder könne mehr ein Auto besitzen. Das fand Spahn ganz schlimm. „Das klingt alles wie Bullerbü, das ist aber am Ende Planwirtschaft, die im Extremfall in eine Klimadiktatur führt“, sagte er.

So also ist die Lage: Beim Klimaschutz kommen wir überhaupt nicht aus dem Saft – und was klappt, geschieht freiwillig. Aber Spahn warnt vor einer Diktatur, und zwar von Leuten, die so schwach sind, dass die Welt eben auf dem Weg zur Klimahölle ist, viele Grüße von Guterres, Herr Spahn. Es ist eine schlichte Verdrehung von Tatsachen.

Was passieren wird

Dies hat Folgen. Den Radikalen unter den Klimaaktivisten wird es egal sein, wie viele sich über Tomatensuppe an Glaswänden vor Kunstwerken aufregen. Sie werden die Ergebnisse der Klimakonferenz von Scharm El-Scheikh als Handlungsanweisung lesen und noch mehr Straßen blockieren, noch mehr Museen mit ihren Flüssigkeiten besuchen. Sie denken, dass aufgerüttelt werden muss, bei all den Lobbyisten auf der Konferenz, bei den Spahns. Sie werden zu dem Schluss kommen: In 20 Jahren würden Historiker über 2022 die Bilanz ziehen, dass die Aktionen der „Letzten Generation“ zu lasch gewesen seien, um aufzurütteln. Dass es ein verlorenes Jahr geworden sei und die Menschheit weiter in den Schlamassel schludern ließ.

Wir müssen also mit mehr schmerzhaften Aktionen rechnen.

Im Video: "Wir wollen Taten sehen": Bislang größter Klimaprotest bei der COP27