Kommentar: Wer kann in der CDU Kanzlerin?

Jan Rübel
Reporter
CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer vor einer Pressekonferenz (Bild: Getty Images)

Annegret Kramp-Karrenbauer wird Kanzlerkandidatin der CDU. Wird sie? Da gibt es einige Neider und Rivalen. Das Schaulaufen beginnt.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Mit Recht wird darauf hingewiesen, dass die SPD ein Personalproblem hat. Die Nöte der CDU aber treten offen zutage, wenn man feststellt, die Union bräuchte einen Kevin Kühnert oder eine Franziska Giffey. Auch eine Katarina Barley würden die Konservativen nehmen. Niemand drängt sich derzeit in der CDU auf. Und dennoch gibt es viele, die nicht hinnehmen wollen, dass die Frage der Kanzlerkandidatur in der Partei schon geklärt ist und dass Annegret Kramp-Karrenbauer die beste Kandidatin der Union sei.

Neuwahlen könnten rasch kommen. Nun beginnt für Kramp-Karrenbauer eine heikle Phase: Entweder sie stabilisiert jetzt ihre Machtbasis in der Partei, oder sie sieht dem Anfang vom Ende ihrer politischen Karriere entgegen. Entweder sie wird endlich unangefochten, oder sie schaut ihren Rivalen beim Absägen jenes Astes zu, auf dem sie sitzt.

Die größten Chancen besitzt Kramp-Karrenbauer natürlich selbst. In der CDU gilt das ungeschriebene Gesetz, dass die oder der Vorsitzende ersten Zugriff auf die Spitzenkandidatur hat. Und Kramp-Karrenbauer hat ihr Amt als Ministerpräsidentin aufgegeben, um sich darauf vorzubereiten. In der Partei dankt man es ihr, trotz der vielen peinlichen Fehler der jüngeren Vergangenheit. Wer könnte ihr aber den Job streitig machen?

Friedrich Merz

Friedrich Merz gab im Kampf um Merkels Nachfolge ein überraschendes Comeback (Bild: Getty Images)

Er ist der Fahrstuhlfahrer der deutschen Politik. Wie Phönix in den Wettbewerb um den CDU-Vorsitz eingestiegen, krachend gescheitert und wieder verschwunden, sondiert er wieder diskret seine Chancen. Er kann sich als Macher und Manager gerieren, das kommt an in Zeiten, in denen Show viel zählt. Und er kann reden. Mit ihm verbinden nicht wenige in der CDU die Hoffnung, er würde professioneller wirken als Kramp-Karrenbauer, neben jemandem wie YouTuber Rezo eine bessere Figur abgeben. Dabei vergessen sie, dass Merz in einem Wahlkampf ganz locker als eiskalter Immobilienkapitalist hingestellt werden könnte – Dank seinem Engagement bei der Fondsgesellschaft Blackrock.

Armin Laschet

Armin Laschet legt in der K-Debatte bisher vornehme Zurückhaltung an den Tag, könnte aber als lachender Dritter daraus hervorgehen (Bild: Getty Images)

Bevor Armin Laschet Ministerpräsident in NRW wurde, galt er als netter Integrationsaugust der CDU. Richtig ernst nahm man ihn nicht. Zu liberal, zu nett. Aber er kam an die Spitze, wegen der Schwäche der SPD, und regiert. Dabei erweist er sich als weniger liberal und nett als früher, das goutiert man in der CDU. Längst hat er sich als Kraft hinter den Kulissen etabliert. Gut möglich, dass er Kramp-Karrenbauer elegant zur Seite zu schubsen versuchen wird.

Jens Spahn

Jens Spahn glänzt vor allem, wenn er bei seinen Themen bleibt (Bild: Getty Images)

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat mittlerweile gemerkt, dass er nicht jede Sau durchs Dorf zu treiben braucht. Seine peinlichen Wortmeldungen zu Gott und der Welt hat er reduziert, stattdessen leistet er Facharbeit und geht in Kooperation mit SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach zahlreiche sinnvolle Reformen im Gesundheitsbereich an. Er weiß: Aufgrund seines jungen Alters kommt seine Chance noch. Und sollte das früher der Fall sein, weil plötzlich ein jugendlicher Hoffnungsträger gebraucht wird, dann steht er halt bereit.

Julia Klöckner

Julia Klöckner wird aktuell mangelnde Distanz zur Nahrungsmittel-Lobby vorgeworfen (Bild: Getty Images)

Als Landwirtschaftsministerin leistet sie zwar keine ähnlich gute Facharbeit wie Spahn, sondern steht auf der Bremse. Auch komische Sachen macht sie, wie diesen Nestlé-Werbespot. Aber Julia Klöckner hat Ausstrahlung und Haltung, das könnte in einem Spitzenwahlkampf gut ankommen. Klöckner wäre eine Frontfrau, die Säle besser füllte als viele andere Kandidaten.

Ursula von der Leyen

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen musste zuletzt vor allem sich selbst verteidigen (Bild: Getty Images)

Die Verteidigungsministerin wirkt wie abgetaucht, derart absorbiert ist sie von den Problemen im eigenen Ressort. Aber sie ist noch da. Seit einiger Zeit hält sie den Kopf hin. Aktiv würde sie nie gegen Kramp-Karrenbauer vorgehen. Falls aber die Hütte brennen sollte, könnte sie einigen in der CDU als Retterin in der Not vorkommen.

Paul Ziemiak, Mike Mohring oder Daniel Günther sind weitere Anwärter, aber aus den hinteren Reihen. Ihnen fehlen Charisma, Macht und die nötige Vernetzung in der Partei. Alles in allem, nach gründlichster Suche, wer in der CDU (und in der CSU, aber das ist rasch ausgeleuchtet) am besten fürs Kanzleramt kandidieren könnte, ist das Urteil glasklar: Angela Merkel. Aber die will ja nicht mehr. Soll auch nicht. Die Sehnsucht danach beginnt indes selbst bei jenen, die wollten, dass sie nicht mehr will. Es ist kompliziert. So wird die Frage der Spitzenkandidatur auf Kramp-Karrenbauer hinauslaufen. Es sei denn, Rezo macht ein neues Video.