Kommentar: Wer sich nicht impft, ist noch lange kein Robin Hood

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Eine Quote von um die 66 Prozent komplett Geimpften wäre vor ein paar Monaten eindrucksvoll gewesen. Heute ernüchtert sie. (Symbolbild: Getty)
Eine Quote von um die 66 Prozent komplett Geimpften wäre vor ein paar Monaten eindrucksvoll gewesen. Heute ernüchtert sie. (Symbolbild: Getty)

Eine Umfrage hat untersucht, warum sich Leute nicht gegen Corona impfen lassen. Sie offenbaren eine Mischung aus Staatsskepsis und robuster Körpereinstellung. Doch wie gesund ist das wirklich?

Ein Kommentar von Jan Rübel

Eine Quote von um die 66 Prozent komplett Geimpften wäre vor ein paar Monaten eindrucksvoll gewesen. Heute ernüchtert sie. Wenn die Entscheidung, sich nicht gegen das Coronavirus impfen zu lassen, eine aus Freiheitsdrang und Vernunft wäre – dann wäre Deutschland umrundet von ziemlich vielen Ländern, deren Bürger dumme Lemminge sind, um so viel höher liegen dort die Impfquoten.

Zeit also, zu fragen, warum das so ist.

Immerhin hat eine Umfrage von „Forsa“ ergeben, dass 65 Prozent der befragten Nichtgeimpften angaben, sich „auf keinen Fall“ impfen zu lassen; trotz steigender Inzidenzen, sich füllenden Krankenhäusern und den Hinweisen, dass es um einiges vermehrt Ungeimpfte sind, welche die Ansteckungen treiben und sich dann ins Bett der Intensivstation legen. 69 Prozent der Nichtgeimpften gaben an, Corona sei ein Vorwand für mehr staatliche Kontrolle. 80 Prozent halten die Grundrechtseingriffe für schwerwiegender als die Gefahr durch das Virus. Und 89 Prozent teilten die Auffassung, dass die Medien einseitig über Corona berichteten.

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Da drängt sich die Frage auf, wo sie jetzt ist, die staatliche Kontrolle. Wenn die behördlichen Reaktionen das Coronavirus als Vorwand nehmen, dann sollten sie seit April 2020 einiges in ihrem Sinne erreicht haben. Immerhin sind seitdem mehr als eineinhalb Jahre vergangen, und staatlichen Strukturen wird zwar eine immanente Ineffizienz nachgesagt, aber solch einen Schlendrian wird es doch wohl nicht geben, wenn der Staat mehr „Kontrolle“ erlangen will.

Nur: Mehr Kontrolle erkenne ich nicht. Viele Maßnahmen, die tatsächlich in die persönlichen Freiheitsrechte eingriffen, sind mittlerweile zurückgenommen worden. Die politische Willensbildung und ihr Ausdrücken waren niemals gefährdet – von Auflagen für Demos einmal abgesehen. Die politischen Institutionen haben sich nicht verändert, sie funktionieren nach den gleichen Prinzipen der parlamentarischen Demokratie – unabhängig davon, für wie gut oder schlecht man die hält.

So genannte „Querdenker“ sollten einmal Farbe bekennen und benennen, wo dieses mehr an Kontrolle entstanden ist. Für sachdienliche Hinweise wäre ich sehr dankbar.

Eine geeichte Waage muss her

Dass also die Grundrechtseingriffe schwerwiegender waren als die Gefahr durch das Virus, werden womöglich Leute bestreiten, die wegen ihm auf der Intensivstation lagen. Oder deren Angehörige, wenn sie davon nicht mehr lebend wegkamen. Und ja, Medien haben einseitig über Corona berichtet. Journalisten sind auch nur Menschen, und jeder musste seine Einstellung zu diesem Virus und seiner Gefährlichkeit suchen. Leben will man ja schließlich. Und da erging es den meisten Journalisten so wie der großen Mehrheit der Bevölkerung: Man reagierte verunsichert, verängstigt und vertraute jenen, die es am besten wissen, den Leuten aus den Wissenschaften. Dann geriet alles ein wenig hyperventilierend, aber für alle war diese Pandemie neu. Außerdem tut Differenzierung not: Diese Kolumne hier zum Beispiel war immer einseitig. Das ist bei Kommentaren, die eine Meinung vertreten, normal. Sie sind ja entsprechend gekennzeichnet.

Wer das also meint, mit der Skepsis gegenüber dem Staat und der Überzeugung eigener Robustheit gegenüber dem Virus, kommt mir vor wie ein gewollter Robin Hood. Nur die Harten kommen in den Garten – und nun auf gegen die Schwächlinge rund um den Sheriff von Charité Castle! Meiner Meinung nach bleibt es ein Trugbild. COVID-19 dünkt mir sehr gefährlich. Die staatliche Reaktion darauf nicht. Punkt. Alles weitere bitte unter den sachdienlichen Hinweisen.

Nabelschau ist kein Fortschritt

Dann gibt es noch ernst zu nehmende Argumente bei den Antworten der Nichtgeimpften. In der Umfrage gaben viele an, die Impfstoffe seien nicht ausreichend erprobt. Es stimmt ja: Langzeitstudien gibt es nicht, weil es sie nicht geben kann. Corona ist neu, ein Impfstoff dagegen daher auch. Es ist ein Stück weit eine Wette auf die Zukunft – aber eine auf Wissen fundierende. Und alles weist darauf hin, dass die Impfungen die richtige Entscheidung gewesen sind. Keinem ist bisher ein dritter Arm gewachsen, und all das Geraune vom Impftoten hält Überprüfungen schlicht nicht stand. Bei Facebook lese ich immer wieder, wie ein Impfgegner schreibt, dass der Bruder eines Bekannten, oder der Cousin der Schwester einer Freundin – aber nie konkret. Nie überprüfbar. So kommen wir nicht weiter.

Sich nicht impfen zu lassen, um den eigenen Körper nicht einer möglichen Gefahr auszusetzen, klingt erstmal ok. Aber malen wir uns aus, es wäre weltweit keine einzige Impfdosis verspritzt worden: Die Welt stünde viel, viel schlechter da. So gesehen ist Impfen ein Akt der Solidarität. Und die Verweigerung Egoismus. Rebellisch ist sie jedenfalls nicht. Denn Robin Hood lebte nicht auf Kosten der Armen. Wer sich nicht impft, genießt bedingt den Schutz der Geimpften, weil sie seinen Job verrichten – ob man das will oder nicht. Robin Hood ließ nicht andere seine Aufgaben verrichten. Und für die Nichtgeimpften gilt: Irgendwann erwischt das Virus sie auch. Vertrauen wir also auf das Funktionieren unseres Gesundheitssystems und auf mehr Einsicht.

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