Kommentar: Wie "BamS" sich vor Baerbock lächerlich macht

·Reporter

Die Sonntagsausgabe von "Bild" kriegt kein Interview mit der grünen Kanzlerkandidatin. Majestätsbeleidigung, finden die Redakteure. Echt jetzt?

Ja, wo ist sie denn?
Ja, wo ist sie denn? "BamS" suchte die grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock für ein Interview vergebens (Bild: Tobias Schwarz/Pool via REUTERS)

Ein Kommentar von Jan Rübel

Mehr Weißraum ist angesagt. Sieht geräumiger aus, glättet den Blick. Völlig ästhetisch in diesem Sinne ist die vergangene "Bild am Sonntag" erschienen, nämlich mit einer blank gezogenen Seite acht. "Das ist Ihre Seite, Frau Baerbock!", titelte die Zeitung. Dann kam das Weiß.

Denn die grüne Kanzlerkandidatin hat dem Blatt kein Interview gegeben – welches es erbeten hatte. Die Gründe sind bisher nicht bekannt, werden aber bestimmt bald offengelegt werden. Sie sind auch egal. Es kann an fehlender Zeit im Wahlkampf liegen, an einer nicht lichterloh brennenden Liebe Baerbocks zur "BamS". Jedenfalls stand dann unten auf der Seite noch der verschnupfte Hinweis: "Annalena Baerbock ist die erste grüne Spitzenkandidatin, die vor einer Bundestagswahl keine Zeit für ein Interview mit 'Bild am Sonntag' hat."

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Potzblitz. Solch eine Frechheit. Immerhin ist "BamS" doch die…

…ja, welche Bedeutung hat diese Zeitung fürs Land?

Eine geringe. Sie ist nicht einzige in der Republik. Und dann sind da noch Film, Funk und Fernsehen, von Podcasts und Livestreams im Netz ganz zu schweigen. Doch die Redaktion der "BamS" tut so, als habe Baerbock einen Anschlag auf die Pressefreiheit verübt, auf die Unabhängigkeit des Journalismus und auf das Recht auf Information.

Alles klar einsehbar

Das ist natürlich Quatsch. "BamS" macht sich größer, als sie ist. Das Blatt handelt aus gekränkter Eitelkeit und aus dem Kalkül, der Politikerin damit eine Warnung zuzusenden und die eigene Macht zu präsentieren. Nur: Dem sonntäglichen Boulevardblatt es wie der wochentäglichen "Bild" – es steht da wie der Kaiser ohne Kleider. Die weiße Seite acht ist ein unfreiwilliger Offenbarungseid, der die wahre Machtlosigkeit dieser Springer-Medien demonstriert.

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Ich kenne das. Man fragt an, wegen eines Interviews, und wartet. Und wartet. Wird vertröstet. Selber von der eigenen Wichtigkeit und der des Mediums durchdrungen, ist man ja davon überzeugt, wie toll ausgerechnet ein Gespräch mit DIESEM Organ wäre – und kann nicht verstehen, wenn es nicht klappt. Die Leute von "BamS" werden also mächtig sauer gewesen sein. Aber leider schwappt aus der Chefredaktion immer wieder eine Ladung Größenwahn über den Rand. Demut ist als Fremdwort aus dem Wortschatz gestrichen.

Der Journalismus wird woanders verteidigt

Und dann kommt als Ergebnis eine Aktion wie mit der blanken Acht heraus. "BamS" reagiert in einer Größenordnung, als habe Baerbock ein bereits gegebenes Interview im Nachhinein beim Autorisieren verfälscht, als habe sie in den Fragen gefuhrwerkt oder gar selber den Text an sich zurückgezogen. All dies ist schon passiert, und manchmal haben Medien mit einer weißen Seite geantwortet, eben als eine Art legitimer Protest, den "BamS" sich auch gern ankleiden würde, der ihr aber nicht passt. Es gibt halt nichts, wogegen man protestieren könnte.

Diese Aktion zeugt auch von fehlendem politischem Gespür. Dass die halbe Republik darüber lachen würde, war offensichtlich nicht eingespeist. Bei "Bild" reagiert eine zunehmende Aufgeregtheit, eine aufgekratzte Arbeit. Tief gehende programmatische Sicht, eine Ideologie, gibt es kaum. Das war früher anders. Die damaligen politischen Schlachtrosse kamen nicht immer angenehm daher, und sie missbrauchten auch zuweilen die Unabhängigkeit des Journalismus. Aber sie ließen erkennen, wofür sie standen. Und solch ein Fehler wie mit der blanken Acht wäre ihnen nicht unterlaufen, sie hätten die Lage realistischer eingeschätzt. Das Blatt bräuchte einen inhaltlichen Relaunch.

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