Kommentar: Wie die "Weltwoche" mal echt investigativ vorging

Auf der Suche nach dem Coup: Roger Köppel, Verleger und Chefredakteur des schweizerischen Wochenmagazins "Die Weltwoche" (Bild: Getty Images)

Monatelang sagte sie ein Interview ab, dann ließ sich eine bekannte Escortservice-Dame buchen. Nun schrieb der Autor über das Treffen. Über etwas, das nicht geht.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Vom Verleger und Chefredakteur der schweizerischen “Weltwoche” ist bekannt, dass er gern mal “gegen den Strich kämmen” lässt – es gibt da ein urdemokratisches Element bei Roger Köppel, aber auch das Kalkül zu erregender Aufmerksamkeit.

Also ließ er in die aktuelle Ausgabe einen Text hinein, der sowas garantiert: die Zusammenfassung eines knapp vierstündigen Gesprächs in einem Berliner Restaurant. Eigentlich so spannend wie ein Flohzirkus oder ein Schneckenrennen, aber der Knistermoment sollte für den Leser entstehen, wenn es um den Gegenüber des Autoren ging: die Berlinerin Salomé Balthus, in den Medien kursiert sie als “Edelprostituierte”, sie selbst sieht sich als Hetäre – so nannten sich die gesellschaftlich, sozial anerkannten Frauen im antiken Griechenland, welche dem Beruf der Prostitution nachgingen, gebildet und musikalisch zu sein hatten; Balthus betreibt in der Hauptstadt einen “feministischen High-Class-Escortservice”.

Ein mieses Vorspiel

Der Redakteur der “Weltwoche” wollte sie unbedingt interviewen, denn in der Schweiz in Balthus seit einem Fernsehinterview im April 2019 bekannt: Da war der Medienmogul Roger Schawinski sie übel sexistisch angegangen – er hatte sie nonchalent und einfach mal so gefragt, ob sie als Kind sexuell missbraucht worden sei. Zuvor gab es für die Zuschauer ein Filmchen, in dem die Feministin Alice Schwarzer behauptet, eine überwältigende Mehrheit von den Frauen, die freiwillig in der Prostitution seien, hätten in der Kindheit sexuellen Missbrauch erfahren hätten. Schawinsky fragte: “Ist das bei Ihnen auch der Fall gewesen?” Und setzte nach: “Oder würden Sie mir gestehen, wenn es so gewesen wäre?”

Davor hatte Schawinski mit Balthus über ihren Vater gesprochen, einen bekannten Musiker. Die Mischung hieß also: eine alte weiße Frau (Schwarzer) schwadronierte argumentationsfrei über andere, was sie gut kann, denn sie hält sich für superschlau. Und ein alter weißer Mann (Schawinski) fragte, was man ganz bestimmt nicht

a) vor laufender Kamera fragt und

b) nicht unlogisch herleitet, denn wenn ein Feuerwehrmann in der Nase popelt, tun das nicht gleich alle – und selbst wenn viele Feuerwehrmänner in der Nase popelten, wäre es nicht automatisch ein wichtiges Charaktermerkmal oder mitteilenswert.

Übrigens verlor Balthus im Nachgang ihren Job als Kolumnenschreiberin bei der “Welt”, weil sie in einer Kolumne Schawinskis miese Wanzerei falsch zitierte. Da wurde die “Welt”-Chefredaktion, ganz auf Buddylinie mit Chauwinski, plötzlich ganz genau und sah sich in der Pflicht, angesichts der Post-Claas-Relotius-Ära mal eben kurzen Prozess zu machen – obwohl das monierte falsche Zitat (“Hat ihr Vater Sie als Kind sexuell missbraucht?”) sinngemäß nicht in die völlig falsche Richtung lief. Eine ziemlich ätzende Suppe also, die sich da gebildet hatte, und über die in Deutschland interessanterweise recht wenig berichtet wurde.

Und Anlass für die “Weltwoche”, nun unbedingt an Balthus für ein Interview ranzukommen. Sie aber lehnte ab. Was passierte nun?

Aus erster Hand erfuhr ich es nicht, denn der Text versteckt sich hinter einer Bezahlschranke, und eine Aboinvestition wollte ich nicht mitmachen: Schließlich machte man bei der “Weltwoche” wohl eine Rechnung auf: Die Kosten für eine Fahrt nach Berlin und vier Stunden mit Balthus müssen wieder reinkommen.

Die Entstehung des Artikels zeugt aber auch von einer komischen journalistische Herangehensweise.

Denn der Autor schaffte es nur zu einem Treffen mit Balthus, nach den Absagen für ein Interview, indem er sie als Kunde buchte. Solch ein feministischer High-Class-Escortservice kostet schon was, “also packte ich genügend Kleingeld ein”, schrieb der Autor, zitiert nach der Zeitung “20 Minuten”.

Sensationelles scheint man dann im Text nicht zu lesen zu kriegen. Der Zusammenfassung zufolge erfährt man, was die Berliner in Restaurants vertilgen (Blutwurst) und anderes Gedöns.

Nur verriet der buchende Autor nicht, was er eigentlich vorhatte und bewies damit eine seltsame Auffassung von investigativem Journalismus.

Erstmal euphorisch und so

Auf Twitter reagierte Balthus, nachdem sie plötzlich auf den Artikel über sie stieß: “Sehr geehrte @Weltwoche , Ihr Autor Roman Zeller hat über mich und ein ‘Rendezvous’ mit mir geschrieben. Er hatte mich rein privat als Escort gebucht. Für eine Zusammenarbeit mit Ihrer Zeitung stand ich nicht zur Verfügung.”

Und was sagt die “Weltwoche” zu diesem nicht allzu seriösen Auftritt? Der Autor selbst antwortet, vorerst, nicht. Chefredakteur Köppel schreibt derweil den “20 Minuten”: Der Redakteur habe “sich korrekt als Weltwoche-Journalist zu erkennen gegeben und einen geradezu euphorischen Artikel über eine sehr intelligente Frau geschrieben”.

Hm. Findet Köppel es bemerkenswert, wenn eine Frau intelligent ist? Rechtfertigt eine gewisse “Euphorie” Grenzüberschreitungen, zum Beispiel jene, dass ohne Absprache oder Information ein Restaurantabend verwurstet wird? Was heißt das für Köppels künftige Essenspartner, haben die nun auch damit zu rechnen, ins Blatt zu kommen?

Die Währung des Journalismus ist Glaubwürdigkeit. Dazu gehören ein offenes Visier und das Gespräch auf Augenhöhe. Falls es nicht anders geht, und zum Beispiel Missstände vermutet werden, kann auch verdeckt recherchiert werden; der Beruf von Balthus und die Berliner Menükarten eignen sich hierfür nicht.