Kommentar: Wie ein Milliardär den Verkehrsminister vorführt

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Aus Lego sieht er gleich viel harmloser aus: Der Bugatti Chiron (Bild: REUTERS/Chris Helgren)
Aus Lego sieht er gleich viel harmloser aus: Der Bugatti Chiron (Bild: REUTERS/Chris Helgren)

Das ist Freiheit, die man nicht meint: Auf der Autobahn raste ein Bugatti mit 417 Stundenkilometern. Damit macht sich der Fahrer ungewollt lächerlich über Volker Wissing: Der Bundesverkehrsminister sagte noch vor drei Tagen: Das Tempolimit sei „ein ganz kleines Thema“.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Radim Passer ist ein höflicher Mensch. Auf dem Heckflügel seines Autos hat er geschrieben: „Have a nice day“ – Hab einen schönen Tag. Und damit viele dies lesen können, hat er letztens viele mit seinem Auto überholt, nämlich auf der Autobahn A2 zwischen Berlin und Hannover.

Der tschechische Milliardär wollte sein Fahrzeug mal richtig ausfahren, und da es sich um einen Bugatti Chiron handelt, kam er dann auf eine Geschwindigkeit von 417 Stundenkilometern. Seine Fahrt ließ er filmen und stellte sie dann ins Netz.

"Wir danken Gott für die Sicherheit und die guten Umstände, da wir die Geschwindigkeit von 417 km/h erreichen konnten!", schrieb Passer. Er könnte noch vielen anderen danken. Zum Beispiel jenen Autofahrern, die er überholte und die nicht durch eine kleine Unaufmerksamkeit, einen klitzekleinen Schlenker, sich und ihn ins Jenseits befördert hätten. Sind sie mit 130 Sachen unterwegs gewesen, war er mehr als dreimal so schnell wie sie.

Wo der Spaß aufhört

Passer kann auch dem Asphalt danken, der ihn trug. Und den deutschen Gesetzen, die ihm solch eine Testfahrt erlauben. Schlussendlich kann er Bundesverkehrsminister Volker Wissing persönlich danken, denn für den ist das seit langem diskutierte und von vielen geforderte Tempolimit „ein ganz kleines Thema“, wie er am vergangenen Montag sagte. Wäre ja auch eine Spaßbremse, solch ein Gesetz.

Immerhin gab Wissing gleichzeitig zu verstehen, dass das Thema ein „sehr emotionales Thema“ sei. Ich gebe zu: Wenn mich einer mit 417 Sachen überholte, erschräke ich mich womöglich schon ein bisschen und wäre sehr emotional.

Bundesverkehrsminister Volker Wissing. (Bild: Omer Sercan Karkus/Anadolu Agency via Getty Images)
Bundesverkehrsminister Volker Wissing. (Bild: Omer Sercan Karkus/Anadolu Agency via Getty Images)

„Das, was die Leute am generellen Tempolimit stört, ist ja diese starre Vorgabe“, sagte Wissing dem „Spiegel“ zufolge. „Es gibt ja nicht nur Befürworter, es gibt ja auch Kritiker, und die sagen: Uns stört es, wenn ich eine freie Autobahn habe und dann bei 135 geblitzt werde.“

Dass uns starre Vorgaben ansonsten umgeben wie Sand am Meer – geschenkt. Nur vergisst der Mensch allzu leicht, dass auch er ein fehlbares Wesen ist und mit seiner Einschätzung, eine „freie Autobahn“ zu „haben“ wie einen Besitz, durchaus daneben und damit im Straßengraben liegen kann. Es kann ja passieren, dass ich bei 140 denke, nun kann ich problemlos überholen, hinter mir ist niemand – und dann kommt einer angerast, sagen wir mit 417. Das ist immer noch 2,98 Male so schnell wie ich. Angesichts solcher Zahlenspiele, die meiner Reaktionsgeschwindigkeit zu viel Elastizität abverlangen, bin ich dann doch für ein paar starre Vorgaben.

Von Sinn und Unsinn

Das Bundesverkehrsministerium antwortete übrigens auf Anfrage der Nachrichtenagentur Associated Press (AP), dass man "jedes Verhalten im Straßenverkehr ablehnt, das zu einer Gefährdung von Verkehrsteilnehmern führt oder führen kann." Und: "Alle Verkehrsteilnehmer haben sich an die Regeln der Straßenverkehrsordnung zu halten."

Also, wenn man sowas ablehnt, warum dann keine starre Regel? Aus dem Ministerium heißt es auch, das Gesetz verlange, dass die Fahrer "nur so schnell fahren, dass das Fahrzeug ständig unter Kontrolle ist". Warum ist dann das Fahren bei 417 Stundenkilometern erlaubt?

Es gibt viele Gründe für ein Tempolimit, wie es dieses quasi in allen Ländern der Welt gibt. Da ist die Frage der Abgase, des erhöhten Verbrauchs, des erhöhten Stresses. Ein Fahrer wie Herr Passer, der nichts Verbotenes tat, demonstriert lediglich: Die Abwesenheit von starren Regeln auf unseren schnellsten Straßen, die immer welche bleiben werden, ist Kokolores.

Im Video: Tempolimit muss her: Mit diesem Vergleich hebelt Harald Lesch alle Gegenargumente aus

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