Kommentar: Wie können wir mit Russland reden?

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97 Jahre alt und auf der Flucht: Eine Ukrainerin, die in Polen angekommen ist (Bild: REUTERS/Kacper Pempel)
97 Jahre alt und auf der Flucht: Eine Ukrainerin, die in Polen angekommen ist (Bild: REUTERS/Kacper Pempel)

Wir gewöhnen uns derart an diesen Krieg mitten in Europa, dass er fast nebenbei eskalieren könnte. Dagegen hilft reden, reden, reden – und zwar mit den Kriegführenden. Mit Russland. Plädoyer für eine Umarmung.

Ein Kommentar von Jan Rübel

In dieser irren Zeit erwarten uns zwei Extreme für die Zukunft. Das eine Szenario ist das Armageddon, der menschliche Weltuntergang. Und das andere deutet eine langsame, schmerzhafte Ausfahrt aus dieser Autobahn des Leids an.

Doch wie bringt man den oligarchischen Befehlshaber eines kolonialen Angriffskrieges dazu, mit seinen Patronen, Granaten und Raketen nicht mehr Gevatter Tod zu grüßen? Sie stecken zu lassen? Der Umgang mit einem Lügenverbrecher vom Schlage Wladimir Putins steckt voller Unwägbarkeiten.

Der eine Pol setzt auf das, was Putin in der Ecke bisher immer tat: Er teilte umso heftiger aus. Er könnte aus dem Kreml heraus sein Land mobilisieren, noch mehr Kriegsgewalt über der Ukraine entfalten und die Konfrontation mit dem Westen suchen. Putin könnte es als Spiel sehen, als ein „Alles oder Nichts“. Der andere Pol geht davon aus, dass die russischen Machthaber keine Bande todessehnsüchtiger Hasardeure bilden, die gerade die Abschlussklasse in der Schule für Selbstmordattentäter absolviert haben. Putin weiß, dass er gerade viel riskiert, dass er sein Lebenswerk zerstört. Den Traum von einem eurasischen Superreich im Stile Big Brothers kann er sowieso vergessen.

Nicht mit dem Soldatenrock einschlafen

Solcher Spagat bleibt uns nicht erspart. Die Ukrainer in eine Kolonie zu schicken, bleibt keine Option, die eines Minimums an Menschlichkeit würdig wäre. Wir können nicht tatenlos zusehen, wie ein Land ausblutet und einem Putinschen Joch entgegenwankt. Auf der Seite der Schwächeren stehen – das bleibt angesagt.

Die andere Seite dieses Spagats indes zeigt sich darin, nicht selbst kriegslüstern zu werden. Bei manchen Zeitgenossen verwundert es schon festzustellen, welches Interesse sie plötzlich an Waffensystemen entwickeln, über Schlagkraft fachsimpeln und tun, als sei das Stehen auf einem Schlachtfeld so etwas wie der Fünf-Uhr-Tee. Ist es bestimmt nicht.

Zum einen sollte die Unterstützung der Ukraine uns nicht zu Kriegsteilnehmern werden lassen – dies wäre ein Vorwand, den wir Putin besser nicht liefern. Und auch sollte zwar nicht der letzte Militärschrott an die bedrängten Ukrainer gehen, aber eben auch nicht der heißeste Scheiß – auch die USA tun dies nicht.

Ferner sollten wir tunlichst jedes Gerede von einem Regime Change in Russland unterlassen. Ich meine: Hier, in einer unbedeutenden Kolumne, darf ein Privatpersönchen wie ich sich gern Putin sonstwohin wünschen; aber ein gewählter Politiker in Verantwortung sollte sich anders ausdrücken. Putin und seiner Clique sollte jeden Tag serviert werden, dass ihre Expansionsversuche auf eine Wand der Zurückweisung stoßen. Wie die Russen aber sich regieren lassen, bleibt ihre Angelegenheit. Ziel bei allem Engagement darf also nicht werden, Russland auch auf russischem Boden militärisch zu schwächen. Der Kreml dichtet schon in diesen Tagen verzweifelt der Nato eine Aggressivität an. Seinen Worten sind besser nicht Taten hinterherzuschicken.

Nach vorne schauen

Stattdessen sollten wir jetzt reden, reden, reden. Sich Russland zuwenden, bei aller militärischer Verteidigungshärte durchklingen lassen, dass man dem Land nicht ans Leder will. Die russische Kultur feiern und sie nicht in blödelnder Pseudofestigkeit von Bühnen verbannen. Schon jetzt ist an ein Ende dieses Krieges zu denken, wie man miteinander umgehen könnte – mit oder ohne Putin. Aus diesem Krieg kann zwar nichts Gutes wachsen. Aber man kann das Beste draus machen.

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