Kommentar: Wie komische Accounts für die AfD trommeln

Die AfD weiß ihre digitalen Spielzeuge zu nutzen (Bild: AP)

Forschungen ergeben: Für die AfD wird in den Sozialen Medien kräftig Werbung gemacht – und zwar auch von Profilen, welche die Frage aufwerfen: Gibt es den Menschen wirklich?

Ein Kommentar von Jan Rübel

Die Parole „Wir sind das Volk“ erhält unter der AfD eine neue Deutung. Ursprünglich war ja mal damit gemeint, sich vom Volksmassengequatsche der DDR-Führung abzugrenzen. Später ging es einigen Rechten darum zu sagen, sie würden für die Bevölkerungsmehrheit sprechen. Und heute bedeutet die Parole in ihrer digitalen Auslegung den Versuch, sich aufzuplustern und größer zu machen als man ist. Damit sind wir bei der AfD.

Einige Forscher haben an der Oberfläche der Sozialen Medien im Internet gekratzt. Kurz vor der Europawahl tummeln sich nicht nur Nachrichten zweifelhaften Inhalts im Netz, sie werden auch von Accounts verbreitet, deren Hintergrund verdächtig ist, sprich: Bei denen es sich gut um Fake-Accounts handeln könnte. Deren Existenzsinn besteht nur darin, sich übers Retweeten als Vervielfältiger anzudienen und Anbietern wie Facebook eine Größe vorzugaukeln, damit dann die gewünschten Inhalte durch die Algorithmen günstiger positioniert werden. „Wir sind das Volk“ also in einer digitalen Freibeuterversion.

From Arabia with Love

Das ZDF berichtet zum Beispiel über eine bisher unveröffentlichte Studie des Medienwissenschaftlers Trevor Davis, der an der George-Washington-Universität lehrt. Sein Ergebnis: Bei zehntausenden Accounts, die nach eigenen Angaben in Afrika, Südamerika, Osteuropa oder im arabischen Raum leben und AfD-Inhalte verbreiten, sei deren Echtheit anzuzweifeln. „So etwas haben wir in keinem anderen Land der Welt, das wir untersucht haben, gefunden“, zitiert das ZDF den Professor. „Das sollte die Deutschen beunruhigen."

Nach den Erkenntnissen von Davis dominiert keine andere deutsche Partei Facebook so stark wie die AfD. Einerseits ist die Partei natürlich im Netz sehr aktiv, während andere Parteien diesen Trend verschlafen haben, Stichwort: Rezo. Auch schafft es die AfD Inhalte griffig zu formulieren, ihn in wenigen Worten auf Fotos zu transportieren – das ist wirkmächtiger als ein langatmiger Wirklichkeitserklärungsversuch. Andererseits drängt sich die Frage auf, ob es sich bei den SO VIELEN Unterstützern der AfD im Netz um leibhaftige Menschen handelt, oder um Bots.

Ist die Vorstellung nicht komisch, dass es im Netz Profile aus Nordafrika gibt, die nur auf Arabisch posten, aber ständig jeden AfD-Inhalt liken? Also Werbung für eine Partei machen, die ihre Länder, ihre Religion und ihre Kultur nicht so toll findet? Handelt es sich vielleicht um einen digitalen Annäherungsversuch wegen verschmähter Liebe?

Das ZDF fragte AfD-Chef Jörg Meuthen, und der hatte eine kreative Antwort parat: "Wir erhalten immer wieder Zuschriften von Menschen aus dem afrikanischen, arabischen und südamerikanischen Raum, die uns für unsere Arbeit loben und danken. Oft handelt es sich hierbei um Auslandsdeutsche." Wow. Gemessen an den Accounts muss es einmal eine riesige deutsche Gastarbeiterwelle gen Afrika gegeben haben.

Frauenpower für die AfD

Und wie sieht es bei Twitter aus? Das ARD hat herausgefunden, dass dort zehntausende Tweets herumgeistern, die Wahlwerbung für die AfD machen und von anonymen Konten stammen. Ist es in den heutigen Zeiten so schwer, Farbe zu bekennen?

Eine echte Frauenpower zum Beispiel macht für die AfD Front. ARD hat etwa eine „Beate“ ausgemacht, deren Profilbild wohl von einer russischen Seite mit Schönheitstipps stamme. „Das Konto ist erst im April eingerichtet worden, dennoch hat es bereits fast 1000 Follower - darunter verschiedene AfD-Abgeordnete sowie weitere Konten von angeblichen Frauen, die bemerkenswert viel twittern.“ Und siehe da: Da gebe es eine „Petra“, die seit Januar 2018 mehr als 107.000 Tweets rausgehauen habe. Oder „Cornelia“, im August 2018 eingerichtet und bis Mitte Mai mit immerhin 44.500 Tweets aktiv, fast allesamt Retweets von rechtsradikalen Blogs, rechtskonservativen Medien und AfD-Konten. Dann gebe es noch „Adele“, „AliceWo“ und und und.

Ferner haben Recherchen von „t-online“ und „Netzpolitik“ herausgefunden, wie AfD-Politiker offenbar mit gezielt aufgebauten Konten ausgestattet wurden. So habe der AfD-Kandidat für die Oberbürgermeisterwahl in Gera das Angebot angenommen, dass für ihn getwittert werde. Kurz darauf habe es den ersten Tweet von "AfDOBLaudenbach" gegeben - da hatte der Account laut „t-online“ bereits 70.000 Follower. Das Konto habe eine wechselhafte Geschichte: Es hieß bereits "FDP-Aussteigerin", "JazumDiesel", "ZukunftDEU", "fina24de" und "Sweet_Xenia".

Es gibt eine echte Bot-Power, die für die AfD in den Sozialen Medien trommelt. Vergleichbares findet sich für CDU, CSU, SPD, Grüne und Linke nicht. Warum macht man das? Ist es fehlendes Vertrauen in die Stärke rechter Parteien? Schlichter Machtwille? Ibiza?