Kommentar: Wie Medien sich die Welt schön und schlecht zugleich schreiben

Jan Rübel
Reporter bei Zeitenspiegel Reportagen
Donald Trump ist trotz der Schlappe in Alabama noch lange nicht am Ende (Bild: AP Photo/Evan Vucci)

Atemlosigkeit befällt die Zunft. Hinter jeder Meldung eine Sensation! Jüngstes Beispiel: Nun wird Donald Trumps Niedergang beschrieben – obwohl der längst nicht fertig ist.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Vielleicht bin ich eher von der langsamen Sorte. Öfters wird mir gesagt, ich sei schwer von Kapee, da ist sicher etwas dran. Man kann aber auch ein Loblied auf die Lahmheit singen, wenn es um die Medien geht – heute verstehe ich zum Beispiel wieder nicht, wohin viele von ihnen galoppiert sind.

Furios wird im virtuellen Wald eine Senatswahl im US-Bundesstaat Alabama kommentiert. Das Ergebnis ist schon eine Sensation im Wortsinn: Traditionell gewinnen dort Republikaner, und deren Kandidat wurde von Präsident Donald Trump unterstützt – selbst noch in einem Moment, als nicht Wenige in der Partei von ihm abgerückt waren, weil ihm sexueller Missbrauch in mehreren Fällen vorgeworfen wird.

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Für Trump ist der Wahlsieg des demokratischen Kandidaten aus zwei Gründen sehr problematisch. Zum einen schrumpft die Mehrheit der Republikaner im Senat auf einen hauchdünnen Vorsprung zusammen und zum anderen fallen die Anschuldigungen des sexuellen Missbrauchs gegen den gescheiterten Kandidaten Roy Moore auf Trump zurück, der sich ebenfalls mit zahlreichen Vorwürfen konfrontiert sieht.

Die Situation ist indes nicht so, dass Trump kurz vorm Rücktritt steht. Diesen Eindruck bekommt man aber schnell, so wie es aus dem Blätterwald schallt. „Symbol der Wende?“, „Das Wunder von Alabama“, „Hat der Trumpismus seinen Zenit überschritten?“, „Debakel“, „Licht am Ende des Trump-Tunnels“ – geht es nach Einschätzung dieser Schlagzeilen, ist der Mann im Weißen Haus bald weg.

Alabama ist nicht ganz Amerika

Solch eine Schlussfolgerung lassen die Geschehnisse nicht zu. Trump deutet nun darauf hin, dass er im Vorwahlkampf einen anderen Kandidaten als Moore habe sehen wollen – das ist legitim. Trump hat angeblich gesagt, er wolle nicht, dass die Niederlage in Alabama auf ihn zurückfalle – welcher Politiker sagte dies nicht? Trump kritisiert Parteiführer, die Moore fallen ließen – rein machtstrategisch gedacht durchaus nachvollziehbar. Und dass Moore bisher das knappe Wahlergebnis bei einer Differenz von weniger als 0,5 Stimmen nicht akzeptiert hat – das ist normal und würden Demokraten ähnlich tun.

Ob diese Wahl in Alabama einen Denkzettel der Sexismusverachtung darstellt, der sich an Trump anheftet, ist bisher nicht absehbar. Wünschenswert allemal. Es könnte sein, dass Alabama einen Stimmungsumschwung bedeutet: Dass Trumps mieses Verhalten gegenüber Frauen ihn zu Fall bringt. Vielleicht sogar vors Gericht.

Unterstützer des Demokraten Doug Jones feiern seinen Sieg im republikanischen Kernstaat Alabama. Von einer Trendwende in den USA kann man deswegen allerdings noch nicht sprechen (Bild: AP Photo/John Bazemore)

Aber bisher ist dies Kaffeesatzleserei. Vorerst wird die US-Politik wieder zur Tagesordnung übergehen, sich mit den neuen Ergebnissen arrangieren und die Sonne weiterhin im Westen untergehen lassen.

In den Medien herrscht eine zu große Aufgeregtheit. Hinter ihr steckt kein böser Wille, die Weltverschwörerversteher unter den Lesern können sich wieder hinsetzen. Es ist vielmehr der Wunsch nach Verstehen, der übers Ziel hinausschießt.

Eine Meldung poppt auf den Bildschirm, und schon ist ihre Bedeutung immens. So viele Nachrichten, die in sich den Kern einer Weltveränderung tragen. In der Medienlandschaft schwappt diese Aufregungswelle hin und her. „Jetzt aber“, heißt es dann, muss Frau X oder Herr Y abdanken oder Land Z den Bach runtergehen, während in der Partei P sicherlich kollektiver Suizid unmittelbar bevorsteht. Die alte Leier vom „Hosianna“ und „Kreuzigt ihn“ funktioniert noch heute; Martin Schulz kann davon ein Lied singen.

Eine Tüte Demut, bitte

Wir sollten uns mehr zurücknehmen. Das heißt nicht, dass wir keine Meinung haben sollten. Nur könnten wir weniger vom Schicksalhaften eines Ereignisses ausgehen, von einer Bestimmtheit und unglaublichen Relevanz. Denn damit spielen die Medien jenen in die Hände, die ihrerseits nichts anderes als die permanente Aufregung kennen.

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Die Leute, die angeblich Bescheid wissen, welche die Welt in zwei, drei Sätzen vermessen, sind nicht weniger geworden. Für sie sind die Wasserstandsmeldungen der ultimativen Volten blankes Futter. Dadurch, dass Journalisten zuweilen Entwicklungen vorwegnehmen, machen sie Populisten vor, wie das geht: zu schnell sein, zu selbstbewusst sein, zu laut sein, keine Grautöne erlauben.

Ich gebe zu, dass mich die Farbe Grau nie besonders anzog. Aber daran kann man ja arbeiten.

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