Kommentar: Wie viel ist uns die Freiheit wert?

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Nicht coronaschutztauglich, aber auch eine Maske:
Nicht coronaschutztauglich, aber auch eine Maske: "Zorro" auf einer Verkleidungsparty (Bild: REUTERS/Fred Prouser)

Viele Schutzmaßnahmen gegen Corona sind gefallen. Endlich wieder Normalität – oder doch nicht? Jetzt entscheiden wir selbst. Und das ist gar nicht leicht.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Neulich fühlte ich mich ein wenig unwohl. Ich war Einkaufen, und im Supermarkt merkte ich nicht sofort, was anders war. Dann fiel es auf: Viele Kunden trugen keine Maske.

Ich selbst hatte gedankenlos das Stück Stoff vor Mund und Nase gepult, die Brille nach oben geschoben, weil ich nach zwei Jahren Pandemie immer noch nicht gelernt habe, wie das Glas nicht beschlägt. Der Anblick so vieler atemschutzloser Gesichter löste in mir Mehreres aus.

Da war zuerst der Gedanke, wie sehr wir uns an diese Maske, die nicht wirklich eine ist, gewöhnt haben. Der nächste Einfall war, dass es doch normal ist, wenn dieser obligatorische Stoff irgendwann wegfällt. Doch dann kam mir die Frage: Ist jetzt dafür der Zeitpunkt gekommen?

Natürlich gibt es darauf keine klare Antwort.

Schließlich sind wir Menschen keine vernünftigen Wesen. Zum Beispiel bin ich gerade von einer Covid-Infektion genesen, meines Wissens war ich im Supermarkt kaum in der Lage, andere anzustecken oder gleich ein weiteres Mal mir einen Virus einzufangen – aber was weiß ich schon? So gesehen hätte ich auf die Maske verzichten können. Tat ich aber nicht.

Ist das nun mein Beitrag zu einer neuen „Sozialnorm“, wie sie ein WELT-Autor ausgemacht haben will? Oder gehöre ich schlicht nicht zu diesen Dauermutigen, die in einer Maskenpflicht schon vor vielen Monaten einen neuen Hitlerismus vermuteten? Nee, gehöre ich nicht.

Dabei bin ich kein Fan der Maske, auch wenn sie immer noch einen Reiz ausmacht, schließlich verhüllt sie nur einiges am Antlitz und lässt Vermutungen anstellen: Wie sieht dieser oder jene Mensch wohl aus? Sie hat immer noch etwas Geheimnisvolles, auch wenn wir bestimmt kein Land voller Masked Singer sind.

Alles hat mal ein Ende…

Aber darum geht es eigentlich nicht. Immer noch tötet das Coronavirus Menschen. Und immer noch stimmt die Rechnung, dass Atemschutz in engeren Räumen samt eines gewissen Abstands seine Verbreitung eindämmt.

Auf der anderen Seite: Der Sinn einer jeden die Freiheit einschränkenden Maßnahme besteht darin, dass sie sich nicht verselbständigt, nicht gedankenlos und unhinterfragt weiter „durchgezogen“ wird. Freiheitsbeschränkung hat in einer freiheitlichen Gesellschaft immer ein Ende. Vielleicht ist es stückweise nun gekommen. Doch finde ich mich unwohl, nun darüber entscheiden zu müssen – wo die Politik diesen Beschluss in unsere Bürgerhände gelegt hat. Besser wäre es allemal gewesen, in gewissen Räumen den Atemschutz weiter vorzuschreiben, vorerst.

…nur die Wurst hat zwei

Und den muss ich nun täglich neu fassen. Wie viel ist mir meine Freiheit wert, damit ich ohne Stück Stoff an der Fleischtheke meine Salami bestelle? Und wie eingeschränkt ist sie wirklich, wenn ich dafür etwas vorschnalle?

Jedenfalls kann ich keine neue Sozialnorm erkennen. Ein Gruppenzwang, nun die Maske auf- oder abzusetzen, kreuzte bisher nicht meine Wege. Wer das also schreibt, bestärkt in mir nur einen alten Verdacht: Die waren nur besonders erpicht auch ein Freiheitsgefühl, in der Ablehnung von Vorsichtsmaßnahmen – aber Freiheit ist für sie weniger ein Wert oder ein Umstand, sondern ein Gefühl. Das ist mir zu wenig.

Versuchen wir es vielleicht mit mehr Lockerheit. Und denken wir, unabhängig von unseren jeweiligen Entscheidungen, an die Nächsten. Denn Corona lehrte uns schon ein Stück weit Solidarität. Das könnten wir doch behalten.

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