Kommentar: Worüber die Medien mal wieder nicht berichten

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Die „tagesschau“ steht in der Kritik. (Bild: Wenn.com)
Die „tagesschau“ steht in der Kritik. (Bild: Wenn.com)

Eine tödliche Messerattacke in Offenburg – und die „tagesschau“ berichtet nicht darüber. Schaut sie weg, weil der mutmaßliche Täter ein Asylbewerber ist?

Ein Kommentar von Jan Rübel

Eine für Journalisten ermüdende Tätigkeit seit dem Sommer 2015 ist der nicht endende Blick in die Polizeiliche Kriminalstatistik. Die ist natürlich schon vorher Pflichtlektüre gewesen, sagt sie doch ETWAS aus über unsere Gesellschaft.

Doch immer wieder müssen wir reinschauen – ist es tatsächlich so, dass Gewalttaten von Geflüchteten rasant zugenommen haben? Oder zumindest jene von Deutschen mit einem „Migrationshintergrund“ oder von keinen deutschen Staatsbürgern, aber hier lebenden Menschen, die nicht gerade übers Mittelmeer geflohen sind, sondern EU-Bürger sind, oder türkische Staatsbürger oder schweizerische?

Immerhin steht ja die Behauptung im Raum. Sie lautet, in etwa, wie solch ein aktueller Blogeintrag: „Mittlerweile herrscht in unserem Land eine Art inflationäre Anhäufung meuchelnder Messerstecher. Wäre ich zynisch, würde ich sagen, dass Ärzte bei unseren muslimischen Freunden auf der Beliebtheitsskala potentieller Opfer an zweiter oder dritter Stelle stehen … Die täglichen Verbrechen scheinen in der deutschen Bevölkerung immer weniger Empörung auszulösen. Inzwischen sind Bombenattentate, Messer- und Axtangriffe, oder marodierende Islamisten derart häufig in Morde verwickelt, dass die herkömmliche Hausfrau, die gerade das Frühstücksei für ihren Gatten kocht, entsetzt aufhorcht, wenn ausnahmsweise erfreuliche Nachrichten gesendet werden. Ich gebe zu, mir würde direkt etwas fehlen, wenn in den Abendnachrichten nicht über irgendeine Bluttat in meiner Umgebung berichtet würde, zumal ich schon dafür gespart habe, meine Wohnung mit Panzerplatten und Gitterstäben zu sichern.“

Immer die anderen

Ich glaube, der Autor war satirisch unterwegs. Aber nicht nur. Das mit den Straftaten glaubt er womöglich tatsächlich, auch ohne Panzerplatten und Gitterstäbe an seiner Wohnung; es sei denn, er schreibt aus dem Gefängnis heraus.

Stein des Anstoßes ist diesmal eine Gewalttat in Offenburg, wo in der vergangenen Woche ein Asylbewerber aus Somalia einen Arzt niederstach, der an den Verletzungen starb. Ein Vorfall, der in der Stadt für Erschütterungen sorgte, sind doch Gewalttaten mit tödlichem Ausgang nicht an der Tagesordnung. Der Arzt wird bekannt gewesen sein, das erhöht die Betroffenheit, und entsprechend wurde in den Regionalmedien darüber berichtet.

Nun aber wurde die Redaktion der „tagesschau“ mit kritischen Zuschriften überhäuft, weil die in ihrer 15-minütigen Zusammenfassung dessen, was am Tag an Relevantem in Deutschland und in der Welt geschah, nicht über die Gewalttat in Offenburg berichtete.

Daher die Frage: Warum hätte dieses bundesweite Medium das tun sollen?

Ich habe mal kurz gegoogelt. Gewalttaten mit tödlichem Ausgang sind alltäglich, allerdings auf niedrigem Niveau, Deutschland ist halt kein Bürgerkriegsland und auch kein Slum. Ein oberflächlicher Überblick der vergangenen Tage: Radfahrer wurden in Brandenburg und in Franken tödlich überfahren, in Freiburg tötet ein Rentner mutmaßlich seine Ehefrau, in Berlin ein Mieter seinen Besucher. Im Ruhrgebiet tötet eine Mutter mutmaßlich ihre zwei Töchter und dann sich selbst, in Bayern ein Sohn seinen Vater und dann sich selbst.

Über diese Vorfälle berichteten die Regionalmedien – aber keine bundesweiten Medien. Die „tagesschau“ zum Beispiel müsste von ihren 15 Minuten täglich eine gehörige Portion für „Mord und Totschlag“ reservieren. Tut sie nicht. Und würden die empörten Zuschriftler an die „tagesschau“ sich auch ärgern, wenn ein Mordfall mit einem absolut reinrassig deutschen Tatverdächtigen nicht in die 15 Minuten vordringt?

Gibt es einen Trend?

Damit sind wir bei der Gretchenfrage angelangt. Die Gewalttat in Offenburg wäre ein nationales Thema, wenn sich darin etwas spiegelt, eine Aussage für einen Trend zum Beispiel. Wenn also Asylbewerber derart vermehrt töten, dass die Tat in Offenburg repräsentativ stünde. Aber dies ist nicht der Fall, allen Unkenrufen zum Trotz. An all jene AfD-Anhänger, die davon überzeugt sind, dass Deutschland eine Welle der Gewalt durch Dunkelhäutige erlebt, sei appelliert: Glaubt doch wenigstens der Polizei. Die ist für Recht und Ordnung zuständig. Genau protokollieren tut sie auch.

Die Zahl der Tötungsdelikte ist nicht dramatisch angestiegen. Und ein Trend ist auch nicht auszumachen, dass Geflüchtete wild um sich stechen.

Was zugenommen hat, ist der Anteil von Geflüchteten an Gewalttaten insgesamt. Darüber ist immer wieder ausgiebig berichtet worden, auch an dieser Stelle. Die Gründe für diese Täterschaften sind auch genügend ausgeleuchtet worden. Die Zahlen reichen nicht im Mindesten dafür aus, einen Tötungsdelikt zur nationalen Sache zu machen.

Das heißt nicht, dass all dies kein Thema wäre. In der Statistik steht auch: Bei Mord, Totschlag und Tötung auf Verlangen liegt die Zahl ausländischer Verdächtiger (1140) nicht mehr weit unter der Zahl der Deutschen (1558), obwohl den zehn Millionen Menschen in Deutschland ohne deutschen Pass rund 70 Millionen Deutsche gegenüberstehen. Zwar ist es mitunter problematisch, Menschen in zwei Gruppen von Passträgern einzuteilen – da werden unterschiedlichste Biografien durcheinandergewirbelt. Aber darüber reden lohnt schon. Und es wird getan, zur Genüge. Eine Meldung in der „tagesschau“ wird die Tat von Offenburg dadurch dennoch nicht.

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