Kraft der Kultur: Das UNESCO Creative Cities Netzwerk – Kreativstädte weltweit

Kraft der Kultur: Das UNESCO Creative Cities Netzwerk – Kreativstädte weltweit

Für diejenigen, die an die Kraft der Kultur glauben, ist die UNESCO-Initiative Creative Cities Network (UCCN) vielleicht das Aufregendste, was sie je gehört haben.

Die Idee klingt einfach. Städte über gemeinsame kulturelle Interessen zu verbinden. Der Dialog wird gefördert. Künstler tauschen sich über Grenzen hinweg aus. Der Erfolg der einen Stadt inspiriert die andere. Das ist im Großen und Ganzen die Aufgabe.

Das Netzwerk wurde 2004 gegründet, um die internationale Zusammenarbeit zu fördern und Kultur und Kreativität als Motor für eine nachhaltige Stadtentwicklung zu nutzen. Seit Edinburgh 2004 als Stadt der Literatur den Startschuss gab, ist das UCCN enorm gewachsen und umfasst heute 350 Städte in mehr als 100 Ländern. Städte, die eine Form der Kreativität als strategischen Faktor für eine nachhaltige Stadtentwicklung erkennen, sind eingeladen, sich zu bewerben. Doch welche Veränderungen sind nach der Aufnahme realistisch?

Nutzen der UNESCO-Anerkennung

Grundsätzlich können Städte, die Teil dieses expandierenden Netzwerks werden, Zugang zu bewährten Verfahren erhalten und ihren von der UNESCO anerkannten Status nutzen, um ihre Lobbymacht zu stärken. Im besten Fall könnte das zu einer Finanzierung der von ihnen vertretenen kulturellen Säule führen. Die sieben Bereiche sind: Kunsthandwerk und Volkskunst, Design, Film, Gastronomie, Literatur, Medienkunst und Musik. Für die Umsetzung der Politik auf lokaler Ebene sind die Bürgermeister der Städte zuständig, und genau hier setzt das UCCN mit seinen Bemühungen an.

"Bürgermeister auf der ganzen Welt sind für die Umsetzung der öffentlichen Politik auf lokaler Ebene verantwortlich", sagte der stellvertretende UNESCO-Generalsekretär Ernesto Ottone bei der Eröffnung der XVI. jährlichen Konferenz in Braga.

"Wenn man 350 Bürgermeister großer, kleiner und mittelgroßer Städte zusammenbringt, spricht man alle Kommunen an, die es gibt. So eröffnet man den Dialog über die Bedeutung der Kultur für die nachhaltige Entwicklung."

Ernesto Ottone spricht auf der UCCN-Konferenz. Braga, 2. Juli 2024
Ernesto Ottone spricht auf der UCCN-Konferenz. Braga, 2. Juli 2024 - UCCN

Ottone erläuterte die Struktur. "Zuerst müssen wir alle Gemeinden an Bord holen, dann die lokalen Behörden, die sich für die Sache einsetzen, und schließlich alle hochrangigen Vertreter der UNESCO-Mitgliedsstaaten, damit sie die Sache unterstützen und sich dafür einsetzen. Wir brauchen Interessenvertreter, die die kulturelle Integration auf die Tagesordnung setzen."

Im Grunde ein weltweites Lobby-Team, das sich auf die Kultur konzentriert.

Kultur für alle?

Das ist weit entfernt von "l'art pour l'art" und nutzt die Fähigkeit der Kultur, als Schnittstelle und Sprungbrett für Maßnahmen in weitaus größeren Bereichen zu dienen.

"Die Menschen verstehen, dass Kultur nicht nur Kunst, Repräsentation oder Vergnügen bedeutet. Es geht auch darum, wie wir Gesellschaften integrieren wollen", erklärt Ottone. "Wir sprechen nicht über Kultur um der Kultur willen. Es geht darum, dass Kultur andere Aspekte der Gesellschaft ermöglicht. Wir sprechen über Armut, über Migration - das ist heute ein großes Problem in der Stadt -, über kulturelle Rechte und darüber, wie man Zugang hat und gleichzeitig das Recht auf das garantiert, was wir den Künstlerstatus nennen, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen."

Ottone kennt das alte Sprichwort, dass man niemanden zu seinem Glück zwingen kann.

"Letztlich müssen die Städte sehen, wie sie die große nationale Politik in die Kommunen bringen", sagt er Euronews Kultur.

Und genau deshalb haben sich Hunderte Delegierte in Braga versammelt. Kreative und Vermittler aus dem Herzen der Kommunalverwaltung und des Kulturmanagements sind gekommen.

Die Finanzierung ist in allen Sektoren schwierig, aber die UNESCO und weitere beteiligte Organisationen haben herausgefunden, dass Veränderungen auf lokaler Ebene schneller und effektiver erreicht werden können.

Neue Kreativstädte werden in das Netzwerk eingeführt
Neue Kreativstädte werden in das Netzwerk eingeführt - Foto: UCCN

Kreative Verbindungen

Netzwerk-Brainstorming kann unproduktiv sein, aber die Sitzung in der mittelalterlichen Stadt Santa Maria da Feira, eine Stunde von Braga entfernt, erwies sich als überraschend fruchtbar und zeigte, wie kollektive Vorstellungskraft Lösungen über Grenzen hinweg finden kann, mit besonderem Augenmerk auf Jugendinitiativen.

Ein Vertreter der französischen Stadt Metz (Musik) erläuterte, wie ihre Kulturinitiative es Künstlern ermöglicht, so früh wie möglich mit Schulkindern in Kontakt zu treten und sie zu kreativem Ausdruck ab dem Alter von 3 Jahren zu inspirieren.

Iaşi in Rumänien (Literatur) bringt erfolgreiche Schriftsteller in die Schulen, um über das Schreiben und ihre eigenen Werke zu sprechen. Das Programm wurde rasch auf zehn örtliche Gymnasien ausgeweitet, die auch damit begannen, Leseclubs einzurichten, in denen die Schüler ihre eigenen Werke in einem Forum vorstellen können.

Albane Vangheluwe (Gent: Musik) und Łukasz Kałebasiak (Katowice: Musik) sind beide Fans der Initiative. Sie glauben, dass der Name eine starke Wirkung hat und Kontinuität fördert.

"In der Politik gibt es alle fünf oder sechs Jahre einen Wechsel", sagt Vangheluwe. "Aber wenn man einen Titel hat, ist er geschützt. Das ist eine Beruhigung. Er garantiert Kontinuität."

"Vor allem in Ländern wie unserem", fügt Kałebasiak hinzu, "wie in Polen, wo diese Veränderungen wirklich radikal sein können. Selbst wenn wir einen neuen Bürgermeister oder eine ganz neue Partei mit einer anderen Ideologie bekommen, besteht eine große Chance, dass bestimmte Projekte oder eine bestimmte Art von Kulturpolitik weitergeführt werden."

"Das öffnet Türen", fährt Vangheluwe fort. "Das Netzwerk ist stärker als die Initiative einer einzelnen Stadt."

Mitwirkende bei der stadtweiten Eröffnungsfeier der UCCN Braga am 1. Juli.
Mitwirkende bei der stadtweiten Eröffnungsfeier der UCCN Braga am 1. Juli. - Foto: UCCN

Die zusätzliche Präsenz eines ernannten Vertreters der Stadt kann eine intensivere Kommunikation ermöglichen.

"Die Implementierung des UNESCO City of Music Koordinators im Kulturbüro der Stadtverwaltung hat den Dialog zwischen der Stadtverwaltung und der Musikszene erleichtert, aber auch einen direkten Zugang zu einem weltweiten Netzwerk mit vielen anderen großen kreativen Musikstädten geschaffen", sagt Alice Moser aus Hannover (Musik).

Das sind positive Beispiele, aber was ist mit den Städten, die sich nicht qualifizieren oder wo die Initiative auf Widerstand stößt?

"Was wir in der Vergangenheit gesehen haben - wir feiern das 20-jährige Bestehen des Netzwerks - ist, dass der Austausch von guten Praktiken es einigen Städten ermöglicht hat, auch wenn sie auf nationaler Ebene noch nicht so weit sind, auf städtischer Ebene zu verstehen, wie wunderbar es ist, Vielfalt zu haben", sagt Ottone.

"Die Städte, die versuchen, die Denkweise, die Lebensweise, die Art der Interaktion zu vereinheitlichen - wir haben Beispiele z.B. in Afghanistan gerade; all die Städte in Afghanistan, in denen es keine Gleichstellung der Frau gibt, ich weiß nicht, ob das Netzwerk sie haben will, weil sie nicht die richtige Grundeinstellung repräsentieren. Aber das heißt nicht, dass sie morgen, wenn es eine demokratische Regierung gibt, nicht einbezogen werden können.

Ottone (li.)  mit dem Gastgeber und Bürgermeister von Braga Ricardo Rio.
Ottone (li.) mit dem Gastgeber und Bürgermeister von Braga Ricardo Rio. - Foto: UCCN

Ottones Hintergrund ist kulturell geprägt. Er hat einen Master in Kulturmanagement und war früher Schauspieler.

Es geht nicht nur um territoriale Streitigkeiten, sondern darum, dass eine Kultur die andere auslöschen will, weil Identität, Geschichte und Erinnerung auf dem Spiel stehen.

Auf die Frage, ob es die Tatsache ist, dass kulturelle Ausdrucksformen eine so emotionale Reaktion hervorrufen, die sie zu einem so mächtigen Mittel des Wandels macht, antwortet er mit einem Lächeln:

"Ich kann mir keine Welt vorstellen, in der die Kultur nicht im Zentrum aller Entscheidungen steht. Und heute sehen wir eine Welt in der Krise, mit bewaffneten Konflikten überall, und wenn man sieht, was dahinter steckt, dann geht es nicht nur um territoriale Streitigkeiten, sondern es geht um Identität, Geschichte und Erinnerung, eine Kultur will die andere auslöschen. Und das macht keinen Sinn. Was die wunderbare Welt ausmacht, in der wir alle leben sollten, ist, dass wir auch Werte teilen, die nicht die gleichen sind", sagt er.

"Aber wenn man mit jemandem zusammensitzt, wenn man an einem Ort der Kultur ist, wenn man Künstler auf der Straße sieht, in der schlimmsten Zeit seines Lebens, dann gibt einem das Hoffnung, etwas, das man an eine neue Generation weitergeben möchte. Und ich glaube, dass wir alle, die wir Kinder haben, am Ende darüber nachdenken, was für eine Welt wir unserer zukünftigen Generation hinterlassen wollen. Eine Welt, in der die Klimakrise überall ein Thema ist, in der rassistische Hassreden jeden Tag in allen Medien zu lesen sind. Also ja, Kultur ist wichtig, sie ist wichtig, um in dieser Welt atmen zu können. Ich glaube an die Kraft der Kultur."

Die UNESCO ist sich bewusst, dass sie kein perfektes System ist. Um Erfolg oder Misserfolg zu messen, liefert ein Bericht eine detaillierte Bewertung dessen, was funktioniert hat und was nicht.

Die jüngste Analyse vom Februar 2024 zeigt, dass die Beziehungen zwischen den Städten eine Präferenz für den globalen Norden, einen eurozentrischen Fokus und ein begrenztes Engagement für Afrika und Subregionen in Asien aufweisen.

Street Performers in Braga for UCCN opening
Street Performers in Braga for UCCN opening - Foto: UCCN

Außerdem ist die Berichterstattung über diese Initiative dürftig.

Sara Vuletic aus Novi Sad (Medienkunst) ist keine Unbekannte, wenn es um städtische Kulturpreise geht, denn sie war Programmdirektorin für ihre Stadt als Europäische Kulturhauptstadt 2022. Sie würde sich wünschen, dass mehr Menschen darüber Bescheid wüssten.

"Es fehlt ein wenig an Sichtbarkeit und Transparenz dessen, was wir eigentlich tun", gibt sie zu. "Das Projekt ist so gut, es braucht nur mehr Schwung."

Aber wenn Saras Kollegin Tamara Zelenovic aus Novi Sad von den 18 Kooperationen mit anderen Medienstädten erzählt, die diese Woche auf der Konferenz entstanden sind, ist es schwer, das Potenzial nicht zu bewundern.