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Angriff mit mehr als 130 Toten bei Moskau: Putin verweist auf Spur in die Ukraine

Nach dem Angriff mit mehr als 130 Toten auf einen Konzertsaal bei Moskau hat der russische Staatschef Wladimir Putin die Festnahme "aller vier Angreifer" bekannt gegeben. Sie seien auf der Flucht in die Ukraine gefasst worden. (Sergei VEDYASHKIN)
Nach dem Angriff mit mehr als 130 Toten auf einen Konzertsaal bei Moskau hat der russische Staatschef Wladimir Putin die Festnahme "aller vier Angreifer" bekannt gegeben. Sie seien auf der Flucht in die Ukraine gefasst worden. (Sergei VEDYASHKIN)

Nach dem Angriff mit mehr als 130 Toten auf einen Konzertsaal bei Moskau hat der russische Staatschef Wladimir Putin die Festnahme "aller vier Angreifer" bekannt gegeben - und erklärt, dass diese auf der Flucht in die Ukraine gefasst worden seien. Putin sprach am Samstag von einer "barbarischen terroristischen Tat", deren Hintermänner bestraft würden. Die Ukraine bestritt jedwede Beteiligung, während die Dschihadistenmiliz IS den Angriff für sich reklamierte.

Maskierte Angreifer waren am Freitagabend in die voll besetzte Crocus City Hall im nordwestlich gelegenen Moskauer Vorort Krasnogorsk eingedrungen und hatten dort das Feuer eröffnet. Nach Angaben des russischen Ermittlungskomitees stieg die Zahl der Toten am Samstag auf mindestens 133. Es war der folgenschwerste Angriff in Russland seit gut 20 Jahren.

Putin ordnete für Sonntag einen Tag der nationalen Trauer an.
Putin ordnete für Sonntag einen Tag der nationalen Trauer an. (Foto: AFP)

Putin sprach von einem "blutigen Massenmord" und ordnete für Sonntag einen Tag der nationalen Trauer an. Die vier Angreifer seien festgenommen worden, als "sie sich in Richtung Ukraine bewegten", sagte er in einer Fernsehansprache. Nach ersten Erkenntnissen sei dort ein Zeitfenster für ihren Grenzübertritt vorbereitet worden.

Laut russischem Ermittlungskomitee wurden die vier Angreifer in der Region Brjansk festgenommen, die an die Ukraine und an Belarus grenzt. Insgesamt sprach der Kreml von elf Festnahmen. "Diejenigen, die hinter diesen Terroristen stecken, werden bestraft", sagte Putin. "Sie werden kein beneidenswertes Schicksal haben."

Der russische Staatschef bestätigte die Version seines Inlandsgeheimdienstes FSB, der zuvor erklärt hatte, die Angreifer hätten "Kontakte" in die Ukraine gehabt. Auf die Selbstbezichtigung des IS ging der Staatschef ebenso wie die russischen Behörden mit keinem Wort ein.

Ukraine: "Erklärungen sind völlig unhaltbar"

Die ukrainische Führung wies die Anschuldigungen als "absurd" zurück. "Es war klar, dass die Version der russischen Verantwortlichen 'die ukrainische Spur' sein würde", erklärte der ukrainische Präsidentenberater Mychailo Podoljak im Kurzbotschaftendienst X. "Die Erklärungen der russischen Dienste in Bezug auf die Ukraine sind völlig unhaltbar und absurd." Die Ukraine habe nicht die geringste Verbindung zu dem Vorfall.

Die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS), die gegen Russland in Syrien kämpft und auch in der russischen Kaukasusregion aktiv ist, bekräftigte am Samstagmittag hingegen im Onlinedienst Telegram ihre Verantwortung für den Angriff. "Der Anschlag wurde von vier IS-Kämpfern verübt", erklärte die Miliz. Diese seien "mit Maschinengewehren, einer Pistole, Messern und Brandbomben bewaffnet" gewesen. Der Anschlag sei Teil des "natürlichen Kontextes des tobenden Krieges" mit den "Ländern, die den Islam bekämpfen".

Angreifer setzten Waffen und brennbare Flüssigkeit ein

Einem Reporter der staatlichen Nachrichtenagentur RIA Nowosti zufolge stürmten die Angreifer am Freitagabend in Tarnkleidung die Crocus City Hall in Krasnogorsk, ehe sie das Feuer eröffneten und eine Granate oder eine Brandbombe warfen. Nach Angaben des Ermittlungskomitees starben die Menschen sowohl durch Schüsse als auch durch das Einatmen von Rauch. Die Angreifer setzten demnach "automatische Waffen" sowie eine brennbare Flüssigkeit ein.

Zur Zahl der Todesopfer gab es am Samstag vom Ermittlungskomitee mehrfach sich erhöhende Angaben, zuletzt wurde die Zahl von 133 Todesopfern genannt. Diese könnte sich noch weiter erhöhen, da die Bergungsarbeiten in dem von den Flammen teils zerstörten Gebäude noch Tage weitergehen dürften.

Trauernde legten vor der Halle, aber auch in anderen Städten wie St. Petersburg Blumen im Gedenken an die Opfer nieder. (Foto: AFP)
Trauernde legten vor der Halle, aber auch in anderen Städten wie St. Petersburg Blumen im Gedenken an die Opfer nieder. (Foto: AFP)

Rund um die Halle waren am Samstag zahlreiche Polizisten und Angehörige von Spezialeinheiten postiert. Hunderte Helfer waren mit der Räumung der Trümmer beschäftigt. Trauernde legten vor der Halle, aber auch in anderen Städten wie St. Petersburg Blumen im Gedenken an die Opfer nieder. Das russische Staatsfernsehen zeigte lange Schlangen von Menschen, die in Moskau anstanden, um Blut für die Verletzten zu spenden.

Die US-Botschaft in Moskau hatte ihre Landsleute vor zwei Wochen vor einem möglicherweise geplanten Anschlag in der russischen Hauptstadt gewarnt. Dieser könne sich gegen eine große Versammlung und auch gegen ein Konzert richten, hatte es geheißen.

Putin sprach von "provokanten Erklärungen"

Nach US-Angaben wurden diese Informationen auch den russischen Behörden zur Verfügung gestellt. Putin erklärte am vergangenen Dienstag, derlei "provokante" Erklärungen zeugten von der Absicht, "unsere Gesellschaft einzuschüchtern und zu destabilisieren".

Die Chefredakteurin des russischen Staatssenders RT, Margarita Simonjan, veröffentlichte zwei Videos, die angeblich die Geständnisse zweier Festgenommener zeigten. Die Echtheit der Aufnahmen ließ sich zunächst nicht verifizieren.

Aus zahlreichen westlichen Ländern gab es Solidaritätsbekundungen für die Opfer. Die EU verurteile "alle Angriffe auf Zivilisten", hieß es in Brüssel. Das Weiße Haus erklärte, es stehe "an der Seite der Opfer". Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) verurteilte "den schrecklichen Terrorangriff auf unschuldige Konzertbesucher in Moskau".

bur/ju/cp