Krieg gegen die Ukraine: So ist die Lage

Kiew /Moskau (dpa) - Mit Kampfdrohnen, Raketen und schwerem Artilleriebeschuss hat Russland in seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine den Menschen einen blutigen Start ins neue Jahr beschert. Mehrere Menschen starben, Dutzende wurden verletzt bei den Kriegshandlungen, die auch am Feiertagswochenende in unverminderter Härte fortgesetzt wurden.

Allein die ukrainischen Luftstreitkräfte meldeten am Sonntag 45 Angriffe mit Kampfdrohnen vom iranischen Typ Schahed-136. Sie alle seien zerstört worden.

«Es ist nicht gelungen, den Ukrainern das Fest zu verderben», teilten die Luftstreitkräfte in Kiew mit. Auch die Besatzer in den von Russland kontrollierten Gebieten klagten über massiven Beschuss.

Dabei machten der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj und Kremlchef Wladimir Putin in ihren langen Neujahrsansprachen deutlich, dass ein Ende des Krieges nicht in Sicht ist. Beide Seiten wollen den Kampf gewinnen und zeigten sich siegessicher. Am Neujahrstag trat zudem ein Dekret Putins in Kraft, mit dem die Zahl der Soldaten um 137.000 auf 1,15 Millionen wächst in diesem Jahr.

Selenskyj wünscht Ukrainern ein «Jahr des Sieges» und dankt Scholz

Selenskyj wünschte seinen Mitbürgern ein frohes neues Jahr und das «Jahr unseres Sieges». Er lobte am Silvestertag auch die Unterstützer der Ukraine im Krieg gegen Russland. Kanzler Olaf Scholz hatte er schon am Samstagvormittag in einer Nachricht auf Deutsch im Kurznachrichtendienst Twitter für den neuen sicherheitspolitischen Kurs der Bundesregierung gedankt. «Waffenlieferungen, Schutz für mehr als eine Million Ukrainer:innen, G7-Präsidentschaft mit Ukraine-Fokus, finanzielle & technische Hilfe, EU-Kandidatenstatus. Danke für die Zeitenwende, Herr @Bundeskanzler!», schrieb er.

«Mögen wir sie im Jahr 2023 mit unserem gemeinsamen Sieg komplett machen», meinte der Staatschef mit Blick auf die von Scholz ausgerufene Zeitenwende, mit der die Bundesregierung auch eine militärische Unterstützung der Ukraine eingeleitet hatte. Die Ukraine hofft auf deutlich mehr Militärhilfe etwa bei der Flugabwehr.

Putin hält Rede umgeben von Soldaten und wirft Westen Lügen vor

Russlands Präsident Putin hielt seine Neujahrsansprache diesmal umgeben von Soldaten. «Es war ein Jahr schwieriger, notwendiger Entscheidungen, wichtiger Schritte zum Erhalt der vollen Souveränität Russlands und mit einer gewaltigen Konsolidierung in unserer Gesellschaft», sagte er in der am Samstag ausgestrahlten Rede. Zugleich warf er dem Westen «Lügen» vor. «Die westlichen Eliten haben uns allen jahrelang heuchlerisch ihre friedlichen Absichten versichert, darunter zur Lösung des schwersten Konflikts im Donbass», sagte Putin. «Der Westen hat gelogen, was den Frieden angeht und sich auf eine Aggression vorbereitet. Und er schämt sich heute nicht einmal mehr, das offen zuzugeben.»

Selenskyj an Russland: Ukraine wird niemals vergeben

Dagegen warf Selenskyj dem Kremlchef in seiner später veröffentlichen Videobotschaft Verbrechen und Lügen vor. «Einem terroristischen Staat wird nicht vergeben», sagte er. «Und denen, die solche Angriffe befehlen, und denen, die sie ausführen, wird nicht verziehen, um es milde auszudrücken.» Auf Russisch wandte sich Selenskyj an die russische Bevölkerung und erklärte, dass das Nachbarland keinen Krieg mit der gesamten Nato führe, «wie Ihre Propagandisten lügen». Der Krieg diene auch keinen historisch bedeutsamen Zielen. «Er (der Krieg) ist für eine Person, die bis an ihr Lebensende an der Macht bleibt», sagte er mit Blick auf Putin.

Tote und Verletzte im Kriegsgebiet

Durch die Kampfhandlungen gab es auf beiden Seiten neben wohl Hunderten getöteten Soldaten auch Opfer in der Zivilbevölkerung. Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko teilte am Samstag mit, in der Hauptstadt sei ein älterer Mann getötet, zahlreiche Menschen seien verletzt worden, darunter auch ein Journalist aus Japan.

Klitschko geht von weiteren russischen Angriffen aus. «Russland mobilisiert weitere Kräfte, wir rechnen damit, dass bis zu 300.000 Soldaten einen erneuten Angriff auf unser Land starten», schrieb er in einem Gastbeitrag für die «Bild am Sonntag». Er erneuerte seine Forderung, dass Deutschland Panzer des Typs Leopard 2 liefern müsse.

Auch aus dem Gebiet Saporischschja wurde über einen Toten bei den Angriffen berichtet. Der Vizechef des Präsidentenbüros, Kyrylo Tymoschenko, sprach am Sonntag von einem Toten durch russischen Beschuss auch in der unlängst durch ukrainische Truppen befreiten Stadt Cherson. Er sprach von insgesamt 50 Verletzten am Feiertagswochenende. Im westukrainischen Gebiet Chmelnyzkyj war von zehn Verletzten die Rede und in Mykolajiw von sechs Verletzten. Über den Jahreswechsel gab es im ganzen Land immer wieder Luftalarm.

Die Besatzer in den von Russland okkupierten Gebieten meldeten ebenfalls Opfer in der Zivilbevölkerung durch ukrainischen Beschuss. In der Stadt Makijiwka seien durch Feuer aus Raketenwerfern 15 Menschen verletzt worden, teilte die Behörden der besetzten Region Donezk mit. Das russische Verteidigungsministerium meldete, 15 ukrainische Drohnenangriffe abgewehrt zu haben, darunter auf die von Moskau annektierte Schwarzmeer-Halbinsel Krim und das eigene Grenzgebiet Belgorod.

Trotz Schäden an Energieanlagen feiern viele Ukrainer bei Licht

Durch den neuerlichen russischen Beschuss am Feiertagswochenende verschlimmerte sich teils der Zustand der Energie-Infrastruktur. Stromausfälle sind inzwischen Alltag. Viele Ukrainer konnten trotzdem das neue Jahre größtenteils bei Licht begrüßen. Die Energieversorger hatten die Anweisung erhalten, Privathaushalte zum Fest bevorzugt mit Strom zu versorgen.

Seit Mitte Oktober hat Russland in nunmehr elf Großangriffen vor allem Objekte des ukrainischen Energiesystems angegriffen. Wegen der massiven Zerstörungen der Infrastruktur gibt es vielerorts Stromausfälle, von denen Millionen Menschen betroffen sind. Die ukrainische Regierung wirft Russland «Terror» vor - mit dem Ziel, das Land in Dunkelheit und Kälte zu stürzen. Kiew beschuldigt Kremlchef Wladimir Putin, die Menschen so in die Flucht treiben zu wollen, um die Lage in der EU durch Masseneinwanderung zu destabilisieren.