Kriegsverbrechen in der Ukraine: Keine Frau ist dort sicher

Deutschland tut sich schwer mit der öffentlichen Thematisierung sexualisierter Kriegsgewalt in der Ukraine. Das hat auch mit der eigenen Vergangenheit zu tun.

Frauen demonstrieren im April vor dem Bundeswirtschaftsministerium in Berlin gegen die Gewalt an Frauen und Mädchen beim russischen Angriffskrieg auf die Ukraine.
 © picture alliance | Carsten Koall/​dpa
Frauen demonstrieren im April vor dem Bundeswirtschaftsministerium in Berlin gegen die Gewalt an Frauen und Mädchen beim russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. © picture alliance | Carsten Koall/​dpa

Ich habe als Journalistin viel Zeit in der Ukraine verbracht und dort auch zwei Romane geschrieben. Im Februar, als mein deutscher Mann und ich die CNN-Berichterstattung zur russischen Invasion der Ukraine verfolgten, sagte ich zu ihm: "Keine Frau ist dort sicher." Er nickte. Seine Großmutter, die zum Schluss an Demenz litt, hat damals angefangen, ihm Geschichten vom Krieg zu erzählen, davon, wie sie sich als Mädchen in einem Koffer versteckt hatte, während russische Soldaten die Frauen vergewaltigten.

Zunächst habe ich mich an der Hoffnung festgehalten, dass die russische Armee Vergewaltigung dieses Mal nicht als Kriegsmittel einsetzen würde. Dann kam Butscha. Neben den Fotos, die die Spuren des Massakers, das russische Soldaten an Zivilisten angerichtet hatten, zeigten, kamen Geschichten, zu denen es keine Fotos gab: 25 Frauen im Alter von 14 bis 24, die in einen Keller gesperrt und von russischen Soldaten systematisch vergewaltigt worden waren. Ihre russischen Geiselnehmer hatten ihnen gesagt, dass sie sie so lange vergewaltigen würden, bis sie nie wieder das Bedürfnis nach Sex empfinden und somit niemals ukrainische Kinder gebären würden. Als sie endlich befreit wurden, waren neun dieser Frauen und Mädchen schwanger.

"Nach einer ersten Welle solcher Geschichten im April, nach Butscha und Irpin, hat die internationale Berichterstattung nachgelassen," sagt Olga Tokariuk, eine ukrainische Journalistin, die jede Woche ein einstündiges Gesprächsformat bei Twitter moderiert, bei dem Menschenrechtsexperten, Überlebende oder auch die Familien der Opfer russischer Kriegsverbrechen ins Gespräch kommen. Und doch kommen immer mehr Geschichten durch die ukrainischen Medien ans Tageslicht: "Menschen, denen die Flucht aus der Cherson-Region gelungen ist, erzählen ähnliche Geschichten wie jene aus Irpin und Butscha", erklärt sie. "Es macht den Eindruck, als bestünde darin das neue Muster: Da, wo russische Soldaten die Kontrolle übernehmen, nutzen sie sexuelle Gewalt, um Menschen zu kontrollieren und einzuschüchtern." Und zwar auf eine Art und Weise, die nicht nur das direkte Opfer verletzt: "Sie vergewaltigen Mütter vor den Augen ihrer Kinder und andersherum."

Während ich diese Ereignisse von Deutschland aus verfolge, habe ich Schwierigkeiten, zu begreifen, wie so etwas Frauen an einem Ort passieren kann, der so nah ist – Kiew ist näher an Berlin als Rom – und doch gibt es nicht mehr Berichterstattung, keinen größeren Aufschrei, kaum eine öffentliche Auseinandersetzung. Und dabei hat doch Deutschland Erfahrung damit, wie es sich anfühlt, von einer aus Moskau befehligten Armee besetzt zu werden, deren Befehlshaber grünes Licht für sexuelle Folter an Frauen gegeben hat.

"Die deutsche Gesellschaft hat diese Erfahrung massenhafter Vergewaltigung noch nicht wirklich verarbeitet," sagt der Historiker Arnd Bauerkämper von der Freien Universität in Berlin. "Die Anzahl der Fälle und das Ausmaß der Gewalt war zum Ende des Zweiten Weltkrieges noch nie da gewesen." Der nationalsozialistische Terror, der den Ereignissen vorangegangen war, spielte ebenfalls eine Rolle. Und so sprachen die Frauen in Deutschland nur selten darüber: "Mein Eindruck ist, dass die weiblichen Opfer diese traumatische Erfahrung verdrängten. Erst zu einem späteren Zeitpunkt kam das alles wieder an die Oberfläche. Am Ende ihres Lebens mussten sie dann irgendwie damit fertig werden."

Ich frage mich, inwieweit dieses deutsche Versagen, sich mit der sexualisierten Gewalt gegen Frauen nach dem Zweiten Weltkrieg auseinanderzusetzen, die aktuelle Vermeidungshaltung bedingt. Denn in den langen Wochen seit Butscha ist die deutsche Berichterstattung über diese Gewalt – im Vergleich zur Berichterstattung in englischsprachigen Medien – marginal geblieben. Stattdessen konzentriert man sich auf Dinge wie den "Ringtausch" und die Wirtschaft, und der deutsche Kanzler grübelt auf Twitter über das Wesen des Krieges.

Auch in den USA machten die Berichte über sexualisierte Gewalt zu Beginn des Krieges nur einen kleinen Teil der Gesamtberichterstattung aus. Und doch sei diese kurzlebige Auseinandersetzung der Medien nicht nur umfassender als in Deutschland gewesen, sondern auch umfassender als in den meisten anderen Fällen sexualisierter Gewalt, sagt Dara Kay Cohen, Harvard-Politikwissenschaftlerin und Autorin von Vergewaltigung im Bürgerkrieg. Sie erklärt es damit, dass sich eine Reihe mehrheitlich weiblicher Journalistinnen dieses Themas angenommen hätten und es in der Ukraine eine Menge großartiger Frauen gebe, die ihre Geschichten öffentlich machten, obwohl sie sich noch mitten im Krieg befänden. "Dafür braucht es eine Menge Mut und Tapferkeit." Auch digitale Technologien und soziale Medien spielen eine Rolle: "Wir haben das Glück, über eine Menge von Fotos, Videos und Geschichten zu verfügen, die direkt von Überlebenden, Zeugen, Aktivisten oder Unterstützern kommen und von ihnen quasi in Echtzeit in die Nachrichten oder die sozialen Medien gebracht werden", sagt Cohen.

Ein Teil von Cohens Arbeit besteht darin, Twitter auf der Suche nach Berichten über sexualisierte Gewalt und Vergewaltigung zu durchkämmen und sie für eine spätere Auswertung zu sammeln. "Da findet man das Foto eines nackten Mädchens, das auf älteren nackten Frauen liegt. Dann ist da die Frau, auf deren Körper ein Hakenkreuz eingebrannt wurde." Es werde allerdings noch dauern, bis die Echtheit von Bildern wie diesen von unabhängiger Seite bestätigt werden könne, was beim Thema Vergewaltigungen zu Kriegszeiten keine leichte Aufgabe ist.

Nicht jeder Krieg bringe Massenvergewaltigungen mit sich, betont Cohen. Tatsächlich verübe im Allgemeinen nur eine Minderheit bewaffneter Truppen massenhafte Vergewaltigungen. Selbst in ein und demselben Krieg lassen sich Unterschiede zwischen verschiedenen Truppen feststellen, denn einige vergewaltigen und andere nicht. Doch es gebe bestimmte Indikatoren, die das Auftreten sexualisierter Gewalt wahrscheinlicher werden lassen: Durch Ruanda und die Vergewaltigungscamps in Bosnien haben wir gelernt, dass einige Kriege, die sich durch Völkermord auszeichnen, Massenvergewaltigungen mit sich bringen. In der Ukraine deutet unter anderem eine immer wieder dokumentierte Aussage auf eine solche genozidale Motivation hin: "Kein ukrainischer Mann wird dich je wieder wollen." Sexuelle Gewalt ist dort wahrscheinlicher, wo Soldaten gezwungen werden, in den Krieg zu ziehen. Der aus diesem Zwang resultierende Mangel an Zusammenhalt sowie ein Wunsch, den Gegner zu erniedrigen, bereiten den Nährboden für Vergewaltigungen.

Cohen sorgt sich vor allem darüber, dass es an Orten wie Butscha offenbar keinerlei Bemühungen gegeben hat, sexualisierte Gewalt zu vertuschen: "Dieser Mangel an Vertuschung deutet darauf hin, dass die Befehlsleitung diese Gewalt zumindest toleriert, wenn nicht gar ermutigt und als 'Kriegsmittel' genutzt hat." Wo Soldaten nackte, mit Kondomen übersäte, geschändete Körper zurückließen, könne man davon ausgehen, dass die Vergewaltigungen Teil einer strategischen Kampagne seien und nicht etwa auf das Konto einiger weniger "schwarzer Schafe" oder einen Mangel an Disziplin gingen: "Bei 'Gelegenheitsvergewaltigungen' würde man annehmen, dass diese äußerst heimlich und privat vonstatten gehen und ihre Spuren gründlich verwischt würden."

Die meisten Sexualverbrechen finden gegen Frauen einer bestimmten Kohorte statt – die meisten Opfer sind zwischen 15 und 45 – doch gibt es auch Opfer an beiden Enden der Gaußkurve. Tatsächlich hat die ukrainische Regierung mehrere Berichte über Babyvergewaltigungen durch russische Truppen veröffentlicht und es zirkuliert mindestens ein Video im Internet, auf dem ein russischer Offizier bei der Vergewaltigung eines Babys zu sehen ist. Berichten zufolge soll der Mann das Video selbst aufgenommen haben. Kim Thuy Seelinger, eine andere Expertin zu sexualisierter Gewalt im Zusammenhang mit bewaffnetem Konflikt und Vertreibung, hebt zunächst hervor, dass jede Information, die ihren Ursprung in den sozialen Medien hat, gründlich geprüft werden müsse. Doch sie betont auch, dass sich sexualisierte Gewalt in Zeiten bewaffneten Konflikts gegen alle Arten von Menschen richtet, sogar gegen Kinder und Babys. "So schwer es auch zu verstehen sein mag: Bewaffnete Akteure schänden Kinder und Babys, die erst wenige Monate alt sind." Seelinger kennt solche Fälle aus dem Panzi-Krankenhaus im östlichen Teil der Demokratischen Republik Kongo sowie dem Ayder Comprehensive and Specialist Hospital im nördlichen Äthiopien: "Ich erinnere mich an einige dieser kleinen Kinder. Kleine, ganz kleine Kinder. Man kann sich kaum vorstellen, wie nachhaltig diese Art der Gewalt so kleine Menschen physisch und psychologisch schädigen kann." Seelinger ist heute als Sonderberaterin der Anklage für sexualisierte Gewalt in bewaffneten Konflikten am Internationalen Strafgerichtshof und sie wird dort auch für die Untersuchungen und Anklagen im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg beratend tätig sein.

Andere Länder haben in Bezug auf die sexualisierte Gewalt in der Ukraine wiederum wesentlich deutlicher Stellung bezogen als Deutschland und diese klar verurteilt. "Vergewaltigung ist eine Kriegswaffe", twitterte die Botschafterin Großbritanniens in der Ukraine, Melinda Simmons, am 3. April. "Obwohl uns das genaue Ausmaß noch nicht bekannt ist, ist jetzt schon klar, dass die Russen Vergewaltigung als Teil ihres Arsenals betrachten. Frauen, die vor ihren Kindern vergewaltigt werden, Mädchen vor den Augen ihrer Familien, das ist ein gezielter Akt der Unterwerfung."

Doch auch wenn sich bislang weder deutsche Regierungsvertreter noch TV-Sendungen der sexualisierten Gewalt in der Ukraine ausführlich gewidmet haben, vermute ich, dass das Thema einen Nerv trifft, wenigstens im Privaten. Kürzlich habe ich mich mit einer deutschen Freundin über den Krieg unterhalten. Sie ist über 70 und erzählte, dass sie bei diesen Nachrichten stets an ihre Mutter denken müsse, die ihr erzählt hat, wie sie während des Krieges eines Abends auf dem Heimweg einen Laster näher kommen gehört hatte. Obwohl sie hochschwanger war, hatte sie sich in den Graben am Wegesrand geworfen, um sich zu verstecken. Wie sich dann herausstellte, war es ein amerikanischer Laster, kein russischer, und die Soldaten hatten sie am Ende sogar nach Hause gefahren. "Unsere Mütter hatten furchtbare Angst vor den Russen", sagte meine Freundin.

Ich persönlich würde mich über eine offizielle deutsche Positionierung freuen, die ähnlich klar Stellung bezieht wie das Video, das die erste Präsidentin der Slowakei Ende April veröffentlichte: "Ich bin eine Frau und eine Mutter," sagt die Präsidentin Zuzana Caputova darin, "Und wenn ich die vielen neuen immer schrecklicher klingenden Berichte höre, dann fehlen mir die Worte … Russische Soldaten, Befehlshaber, alle, die es angeht: Wenn ihr noch in der Lage seid, auch nur einen Hauch von Menschlichkeit zu empfinden, dann erweckt diese wieder zum Leben und beendet diesen schrecklichen Krieg. Denn mit jedem Tag, den ihr vergehen lasst, wächst die Zahl der verwundeten Körper und Seelen von Frauen, Kindern und Unschuldigen."

Übersetzung: Sabine Kray

Wir möchten einen sicheren und ansprechenden Ort für Nutzer schaffen, an dem sie sich über ihre Interessen und Hobbys austauschen können. Zur Verbesserung der Community-Erfahrung deaktivieren wir vorübergehend das Kommentieren von Artikeln.