Corona-Diskussion: Lauterbach und Kubicki bei "Hart aber fair"

Jens Szameit

Haben wir uns den Urlaub nach der Corona-Malaise nicht verdient? In der vorletzten "Hart aber fair"-Ausgabe vor der Sommerpause betrat Frank Plasberg gedanklich den Mallorca-Flieger. Karl Lauterbach verweigerte die Ferien-Absolution, Wolfgang Kubicki den Mindestabstand zum groben Unfug.

Es gibt etliche Dinge auf diesem Erdball, die hat das Coronavirus aus den sprichwörtlichen Angeln gehoben. Das Sendeschema des öffentlichen-rechtlichen Rundfunks gehört nicht dazu. Wenn Sommerpause ist, ist Sommerpause. Anne Will hat ihre Talk-Saison schon beendet, ihr Kollege Frank Plasberg wird übernächste Woche folgen. Das Virus ist noch da, die reichweitenstärksten Diskursvermittler sind dann mal weg. Da trifft es sich, dass sich der Plasberg-Talk an einem allerdings örtlich eher verregneten Montagabend noch mal vergewisserte: "Der Sommer der Entspannung - kann man das Virus erst mal vergessen?"

Zwei Antworten auf die "Hart aber fair"-Fragestellung ergaben sich bereits aus der Gästeliste. Ja und Nein. Oder anders gesagt: Wolfgang Kubicki und Karl Lauterbach. Im Grunde könnte man es bei der Feststellung fast belassen, hätten sich nicht noch ein paar andere leidlich eloquente Gesprächsteilnehmer zur Runde gesellt. Und dann hat es ja doch immer wieder einen gewissen Unterhaltungswert zu verfolgen, wie die rhetorischen Frontverläufe zwischen den Antipoden von FDP und SPD aufs Neue gesteckt werden. An diesem Abend, an dem nicht jedes Argument den Mindestabstand zum groben Unfug einhielt, ganz besonders.

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"Wir haben ein großes Experiment vor uns", ordnete SPD-Chefmahner Lauterbach die neue Reisefreizügigkeit dem Bereich Vabanque zu, "ich hoffe, dass es gut geht". In einen vollbesetzten Ferienflieger würde der Gesundheitspolitiker und Epidemiologe - wenig überraschend - nicht einsteigen. Es gebe keine Studie, die besagt, dass das unbedenklich sei. FDP-Mann Kubicki hielt dagegen mit schlichter Wahrscheinlichkeitsrechnung. Die Infektionszahlen seien jetzt dermaßen niedrig, da könne man die - natürlich! - "Freiheitsrechte Hunderttausender" nicht weiter einschränken. Hatte man schon mal gehört. So auch Frank Plasberg, den diese Haltung ans Lottospielen erinnerte. "Unser ganzes Leben ist Lottospielen", parierte der Liberale. Im Moment sei das Risiko, im Straßenverkehr zu Schaden zu kommen, größer als an Covid-19 zu sterben. "Wir dürfen nicht dauernd Angst produzieren."

Zwischen Angst und Trallafitti

Karl Lauterbach äußerte deutlich mehr Sorge, falsche Zahlen zu produzieren. "40-45 Prozent derjenigen, die infiziert sind, haben keine Symptome", zitierte der Mediziner die Statistiker. Daraus ergebe sich eine hohe Dunkelziffer. Und: "Die Leute, die fliegen, sind die, die risikobereit sind - wie sie", stichelte in Richtung des FDP-Kontrahenten. Dem unterlief daraufhin der erste von zwei intellektuellen Stockfehlern. "Bei aller Wertschätzung", raunte Kubicki, "die Bundesregierung hat sich entschieden, dass es eine zweite Welle nicht geben wird."

Es war der Moment, an dem Karl Lauterbach geahnt haben dürfte, dass er das Rededuell an diesem Abend nicht mehr verlieren kann: "Das entscheidet nicht die Bundesregierung, das macht die Epidemie selbst", weidete er die verunfallte Formulierung des Nebenmannes aus. "Es gibt niemanden, der eine zweite Welle sicher ausschließen kann. Es wäre die erste Pandemie dieser Größe, die ohne zweite Welle auskommt." Einen zweiten landesweiten Lockdown hält Lauterbach indes für unwahrscheinlich. Um den zu verhindern, seien die Gesundheitsämter inzwischen ausreichend reaktionsschnell.

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Aus Köln zugeschaltet hatte die "Hart aber fair"-Redaktion zum Glück eine Art Vermittler, oder besser: einen, der die geschundene Volksseele zu verstehen und erklären versucht. Im rheinischen Slang warb der Psychologe Stephan Grünewald um Verständnis für diejenigen, die mit der ersten verfügbaren Maschine Richtung Balearen abgehoben sind, und er machte das gesamtdeutsche Publikum mit dem schönen, aber selten gehörten Regionalausdruck "Trallafitti" bekannt. Der Kontext: Die Deutschen sind nach Ansicht des Psychologen gefangen in einer Art mundschutzgedämpfter Zwischenwelt zwischen Angst und Aufbruch. So sei auch das Urlaubsbedürfnis zu verstehen. "Die Menschen fahren nicht in Urlaub, um Trallafitti zu machen". Es sei vielmehr der Versuch, sich "ganz vorsichtig in deutschen Gefilden" - Mallorca rechnete er großzügig ein - "neues Terrain zu erschließen".

"Die Rentner und Beamten haben sich im Corona-Biedermeier eingerichtet"

Naturgemäß weiß der Gründer des rheingold-Instituts, dass dies nur für einen Teil der Menschen im Land gelte. In diesem Sinne konstatierte er eine "Spaltung der Lebenswirklichkeit". In seinen Studien habe er das Folgende herausgefunden: "Die einen sagen, Corona war die beste Zeit in meinem Leben, so schön entschleunigt. Das sind die Rentner, die Beamten. Die haben sich im Corona-Biedermeier eingerichtet. Die haben gegärtnert und waren viel spazieren." Unter dieser Gruppe gebe es jetzt kein erhöhtes Urlaubsbedürfnis. Das seien aber nicht diejenigen, die mit existentiellen Sorgen oder Überforderung zu kämpfen hatten. "Bei denen ist der Wunsch nachvollziehbar, sich ein Stück Spielraum zurückzuholen." Dass nun um das richtige Maß an Freiheit gerungen werde, liege in der Natur der Sache. "Wir sind in einer Situation, für die es keine Blaupause gibt."

Die ebenfalls anwesende Wissenschaftsredakteurin Christina Berndt mochte da grundsätzlich zustimmen, erkannte aber auch: "Nur sieht man im Ergebnis, was sind die Kräfte, wer setzt sich durch? Reisen ja, Schulen nein." Auch gehe es bei der Abwägung nicht um persönliches Risiko, "es geht um Verantwortung". 80 Prozent der Deutschen stützten die Corona-Maßnahmen, berief sich die "SZ"-Journalistin auf Umfragen. Es sei "eine Minderheit, die sich egoistisch Freiheiten herausnimmt" auf Kosten der anderen. Die "anderen" seien einfach zu ängstlich, lästerte Kubicki - und gab die Schuld dafür auch den Medien: "Wer jeden Abend ein 'Corona-Extra' sieht, der bekommt auch diese Sorgen."

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Punkt für Kubicki - und doch musste man abschließend das Gefühl bekommen, der FDP-Routinier hätte vielleicht die eine oder andere Informationssendung mehr vertragen können. Von Plasberg auf sein früheres Lob des inzwischen als gescheitert geltenden schwedischen Sonderwegs angesprochen, entgegnete der Bundestagsvizepräsident, er würde Deutschland viel lieber mit Ländern wie Italien und Spanien vergleichen. Die hätten doch viel strengere Lockdowns verhängt und trotzdem höhere Todeszahlen.

Wissenschaftsjournalistin Berndt erbarmte sich, das offenkundige Missverständnis aufzuhellen. Der Lockdown in den genannten Ländern sei erst auf einem viel höheren Infektionsniveau verhängt worden, "deshalb sind die Entwicklungen dort so tragisch gewesen". Auch das FDP-Kernklientel vergaß sie nicht zu adressieren. "An alle die jetzt sagen, die Wirtschaft darf nicht leiden: Das tut sie am wenigsten, wenn wir uns weiter gut verhalten und nicht den nächsten Hammer schwingen müssen." In diesem Fall dürften dann auch Deutschlands Talkshow-Moderatoren den wohl verdienten Urlaub ohne Reue genießen - an welchem nahen oder fernen Ort auch immer.

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