„Das ist auch ein Kulturkampf“ - Experte erklärt, warum wir islamische Migranten viel kritischer sehen als Ukrainer

Eine zentrale Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber (Symbolbild).<span class="copyright">Patrick Pleul/dpa</span>
Eine zentrale Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber (Symbolbild).Patrick Pleul/dpa

Dr. Yasar Aydin forscht an der Stiftung Wissenschaft und Politik zu Migrations- und Asylfragen. Er sieht die aktuelle Migrationsdebatte in einer Schieflage. Im FOCUS stellt Aydin jedoch fest: Flüchtlinge aus der Ukraine seien meistens Frauen, die als weniger bedrohlich wahrgenommen würden.

FOCUS: Herr Aydin, die Bundesregierung verschärft derzeit die Asyl- und Migrationspolitik. Wie blickt die migrantische Gesellschaft darauf?

Yasar Aydin: Ich habe nicht den Eindruck, dass die Migrationsdebatte die migrantische Community übermäßig beschäftigt. Im Gegenteil: Ein Teil der Menschen mit Migrationsgeschichte ist sogar der Meinung, dass Deutschland mit der irregulären Migration überfordert ist. Da beobachten wir hinsichtlich der Einstellung zur Migration eine Konvergenz zwischen der Mehrheitsgesellschaft und Migranten.

Experte erklärt, warum wir islamische Migranten kritischer sehen als Ukrainer

In der aktuellen Debatte geht es vor allem um Migranten aus den muslimischen Ländern, nicht aber beispielsweise um ukrainische Flüchtlinge. Finden Sie das falsch?

Aydin: Ich halte es für problematisch, wenn in der Migrationsdebatte Muslime in den Vordergrund gerückt werden. Denn dadurch werden Muslime generell in einem schlechten Licht dargestellt, wodurch Rassismus und Ausgrenzung gegen sie zunehmen kann. Gegenwärtig ist man der Ansicht, dass Menschen aus muslimischen Ländern in Deutschland schwer zu integrieren sind. Stichwort Solingen. Das beeinflusst die Debatten, die gerade sehr emotional und wenig sachlich geführt werden. Migration aus islamischen Ländern – egal, wie man dazu steht - tangiert die Lebensweise in Deutschland stärker als Migration aus Europa. Das hat auch Einfluss auf die kollektive Identität in Deutschland. Die rund 1,1 Millionen Geflüchteten aus der Ukraine beeinflussen die Gesellschaft in Deutschland hingegen weniger. Man hält sie für besser integrierbar, weil sie Christen sind, europäisch sind und die Islamismus-Gefahr nicht besteht.

Stimmt es überhaupt, dass sich Ukrainer besser integrieren lassen? Schließlich hat weiterhin nur jeder fünfte ukrainische Geflüchtete einen Job…

Aydin: Da stelle ich auch ein großes Fragezeichen. Aber die schlechte Arbeitsmarktintegration hat natürlich auch damit zu tun, dass Ukrainer Bürgergeld erhalten. Außerdem sind Ukrainer unauffälliger. In Deutschland haben viele Menschen die Sorge, dass der Anteil der Muslime noch größer wird und dass diese Menschen sich dann nicht integrieren und die deutsche Identität und Kultur infrage stellen. Das ist auch ein Kulturkampf. Die Ukrainer werden hingegen noch nicht als kulturfremd wahrgenommen. Hinzu kommt: Aus Syrien und Afghanistan sind sehr viele junge Männer zu uns gekommen. Aus der Ukraine kommen hingegen vor allem Frauen…

Macht das einen Unterschied?

Aydin: Ja, klar! Frauen werden im Migrationskontext als weniger bedrohlich empfunden.

Wird die Migrationsdebatte zu gefühlsbasiert geführt?

„Viele Gefühle, wenige Fakten“: Experteverurteilt aktuelle Migrationsdebatte

Aydin: Ja. Viele Gefühle, wenige Fakten. In der aktuellen Debatte werden auch Integrationsleistungen und die guten Beispiele übersehen. Wir fokussieren uns nur noch auf Negativbeispiele. Es geht nicht in erster Linie um Fakten, sondern um Wahrnehmungen.

Sollte die Migrationsdebatte dann ganz anders geführt werden?

Aydin: Auf jeden Fall! Zuwanderer aus allen Teilen der Welt sollten grundsätzlich gleich behandelt werden. Es sollten gleiche Standards für alle gelten. In der aktuellen Debatte wird auch vordergründig nur über Kriminalität gesprochen, nicht aber über Arbeitsmarktintegration. Da läuft etwas schief.

Die aktuelle Debatte um die Migrationspolitik würde so nicht stattfinden, hätte es die islamistischen Anschläge von Mannheim und Solingen nicht gegeben. Was machen diese Taten mit der muslimischen Gemeinschaft?

Aydin: Es gibt sehr unterschiedliche Reaktionen darauf. Eine Gruppe blickt mit Sorge darauf, weil sie weiß, dass diese Taten auf sie zurückschlägt und sie es mit Diskriminierung zu tun haben wird. Die andere Gruppe versucht solche Anschläge zum Vorwand zu nehmen, um sich zu radikalisieren – gerade in Hinblick auf den Palästina-Konflikt. Da besteht eine Gefahr der Radikalisierung.