Kurz und knackig: Durch die Stadt mit einem Kompaktrad

Berlin (dpa/tmn) - Eine Passantin beäugt das Testrad und meint: «Gefällt mir, wär' mir aber zu langsam.» Noch immer haftet kleinen Rädern an, dass mit ihnen kaum Land zu gewinnen sei. Ein Vorurteil. Denn 20-Zoll-Reifen, Kernmerkmal von Kompaktfahrrädern, machen diese nicht weniger schnell.

Bereits 1962 entdeckte der britische Tüftler Alex Moulton, dass ein Fahrrad mit vergleichsweise kleinen Rädern genauso schnell bewegt werden kann wie ein Rennrad mit 28-Zoll-Bereifung. Worauf es vielmehr ankommt, ist die Übersetzung des Antriebs.

Hersteller von Kompaktmodellen sind beispielsweise Tern, i:SY, Corratec, Riese & Müller oder QiO. Oft sind sie mittlerweile als E-Bike ausgelegt, das Testrad Hans-On von Bergamont aber kommt ohne Elektrifizierung des Antriebs aus.

Der Einsatzzweck:

Fast kann man es nicht mehr hören, dass ein Fahrrad perfekt für «Commuter» sei, wie es auch Klaus Rutzmoser vom Bergamont-Marketing beim Hans-On anführt. Im Zuge des Fahrradbooms und der Diskussion über Sinn und Zweck von Autos in der Stadt, scheint fast jedes Rad für Berufspendler als «die» Alternative geeignet.

Doch Rutzmoser führt noch die Wendigkeit des Modells an - eine Eigenschaft, die im oft hektischen Stadtverkehr gewisse Vorteile mit sich bringt. Bikes wie das Hans-On seien «perfekte Allrounder» im Stadt-Dschungel, meint er. Für den «intermodalen Split» sei das Kompaktrad wie gemacht, also die Kombination verschiedener Verkehrsmittel - mit Bus und Bahn oder verstaut im Kombi-Kofferraum.

Technik und Konzept:

Was die Wendigkeit ausmacht, sind es nicht nur die 20-Zoll-Laufräder, die sich direkter lenken lassen als größere. Hinzu kommt der geringe Radstand von 1,05 Meter. Bergamont hat dem Modell Faltpedale angeschraubt, womit es beim Verstauen weniger sperrig sein soll. Das wird aber nur zum echten Vorteil, wenn zugleich der Lenker quergestellt wird - am Hans-On ist das werkzeuglos nicht möglich. Das Kompaktrad schmal zu machen, bleibt eher eine im Alltag kaum genutzte Option.

Schon eher pragmatisch ist der One-Size-fits-most-Ansatz: Die Höhe von Lenker und Sattel sind per Speedlifter beziehungsweise Schnellspanner in Sekundenschnelle der Fahrerin oder dem Fahrer angepasst. Ausgelegt sei das Hans-On für Körpergrößen von 1,60 bis 1,90 Meter, so Rutzmoser. In Familien mit Kindern im Teenager-Alter kann meist also jeder mal aufsatteln.

Allenfalls für sehr schwere Personen gibt es eine Restriktion: Das Systemgewicht ist auf - allerdings nicht ungewöhnliche - 130 Kilo ausgelegt. Angesichts von 16,9 Kilo, die das Fahrrad selbst auf die Waage bringt, dürfte das Körpergewicht nicht über 113,1 Kilo liegen - ohne Gepäck an Bord.

Aber dass Sporttaschen oder Kisten mit auf den Weg müssen, ist in den meisten Fällen kein Argument, um auf's Auto zurückzugreifen: Am hinteren Gepäckträger können gängige Fahrradtaschen eingehängt werden; wenn es schnell gehen muss, sorgt eine Federklappe dafür, dass Taschen, Tüten oder Bälle Halt finden - oldschool, aber ebenfalls praktisch.

Die Übersetzung besorgen Komponenten der Einstiegsgruppe Sora von Shimano. Der Einfachantrieb liefert neun Gänge, das kleinste Ritzel der Kettenschaltung hat elf, das größte 48 Zähne. Vom japanischen Zuliefergiganten kommen auch die Scheibenbremsen mit 160-Millimeter-Discs vorn wie hinten sowie der Nabendynamo, der die Beleuchtung von Busch & Müller (LED-Frontleuchte 35 Lux; Standlichtfunktion) mit Strom versorgt.

Der Fahreindruck:

Kurz und knackig wirkt das Hans-On rein optisch. Ober- und Unterrohr fallen nach hinten stark ab, das sieht dynamisch aus und hat den Vorteil, dass das Auf- und Absteigen fast so einfach ist wie bei einem Tiefeinsteiger-Bike.

Dann geht es los. Sobald die Ampel auf Grün schaltet, gewinnt man mit etwas Watt aus den Waden viele Sprints: Kleine Laufräder lassen sich gut beschleunigen. Die Rapidfire-Schalthebel lassen präzise, wenn auch etwas behäbige Gangwechsel folgen, für sportlichere Ambitionen und schnelle Bergabfahrten ist jedoch der neunte Gang etwas zu niedrig übersetzt.

Umso besser funktioniert das Dirigieren: Mit den 20-Zöllern harmoniert der mit 68 Zentimetern ziemlich breite Lenker. Mit dadurch leicht gebeugten Armen lassen sich Bodenwellen, Schlaglöcher und städtischer Unbill aber ultradirekt und feinfühlig umschiffen. Kehrseite: Erst bei relativ schneller Fahrt wird die Spurtreue so, dass sie diesen Namen verdient. Man kann Quirligkeit und Ruhe nicht zugleich haben.

Ein Ausbund an Komfort ist das Hans-On auch nicht. Die über sechs Zentimeter breiten (und hörbar abrollenden) Ballonreifen böten zwar einen ähnlichen Effekt wie Federelemente, betont Rutzmoser. Doch um das zu erzielen, müsste Luft aus den Pneus gelassen werden - womit die Fahreigenschaften schwammiger würden - kontraproduktiv.

Robust und wartungsarm - aber kein Leichtgewicht

Doch dass keine Tauchrohrgabel oder Rahmendämpfer an Bord sind, hat auch Vorteile: «Ohne Federelemente ist das Bike robuster und wartungsärmer», hebt Rutzmoser hervor. Und sie hätten das Modell teurer und auch schwerer gemacht.

Das Bergamont ist aber ohnehin kein Leichtgewicht. Es mit Taschen am Heck eine Treppe hochschleppen? Ein ganz schöner Kraftakt, zumal es sich am Rahmen mit Ausnahme der Sitzstreben nirgends so richtig packen lässt. All das macht es für den erwähnten «intermodalen Split» eher ungeeignet, zumindest im Vergleich mit einem Faltrad. Und: Anders als bei einem zusammengelegten Faltrad muss ein Fahrradticket gelöst werden.

Weitere Bauteile, Zubehör, Peripherie: Auf dem am Alu-Rahmen fest verschraubten Frontrack darf laut Einprägung Ladung von bis zu zehn Kilo mitfahren - die mit Spann- oder Gummibändern fixiert wird, sofern man aufpreispflichtige Taschen, Kisten und Körbe zum Einklicken umgehen möchte.

Kompatibel sind die Träger vorn wie hinten mit dem System vom schwedischen Hersteller Atran Velo. Ein Fahrradkorb kostet beispielsweise zwischen rund 30 und 50 Euro.

Am Rahmen gibt es auf Ober- und Unterrohr Ösen, an denen Halterungen für Schlösser, Flaschen oder kleine Rahmentaschen angebracht werden können. Gewappnet ist das Alu-Gerüst ebenfalls für ein Rahmenschloss, das an entsprechenden Aufnahmen am Hinterbau montiert werden kann.

Der Preis:

Mit 1599 Euro ist das Hans-On kein Ultra-Schnäppchen, doch gegenüber vergleichbaren elektrifizierten Schwestermodellen (ab 3399 Euro) ist es erschwinglich.

Das Fazit:

Wendig, praktisch, anpassbar: Wer beim urbanen Biken auf die gesteigerte Coolness eines Single-Speeds verzichten oder sich den modischen Auftritt auf einem Retro-Bike verkneifen kann, findet im Hans-On einen Pragmatiker für verschiedene Besorgungen und Wege. Die Schaltung kommt jedoch an ihre Grenzen, und der Komfort bleibt teils auf der Strecke.