Kurz vor Ostern: Friedensbewegt sein ist eine tolle Sache, die Quittung zahlen andere - zum Beispiel Syrer

Jan Rübel
Freier Journalist
Protest gegen den US-Raketenbeschuss auf Syrien vor dem Weißen Haus (Bild: dpa)

Die Linke fürchtet wegen des Kampfes um Syrien einen Weltkrieg. Die Heiligenscheine sind in der österlichen Zeit besonders günstig.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Zum Osterfest gehört auch die Losung, dass Schwerter zu Pflugscharen geschmiedet werden sollen. Als ich fast noch ein Kind war, mitten in der Pubertät, gesellte ich mich zu den Ostermärschen der Friedensbewegung, die damals, in den Achtzigern, noch eine war. Wir sorgten uns im Kalten Krieg tatsächlich um eine Konfrontation zwischen den USA und der UdSSR (allein dieses Akronym zu tippen kommt einem entfernt vertraut vor). Die Idee, einen Krieg verhindern zu wollen, indem die Vernichtung der Menschheit durch Atomwaffen angedroht wird, überzeugte uns nicht wirklich.

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Also marschierten zur Osterzeit Christen gemeinsam mit Atheisten, Grüne und Sozis mit Kommunisten. Dass letztere von der DKP immer stärker in die Organisation drängten, schmeckte vielen nicht. Wir argwöhnten, was die wollten. Erst nach dem Fall der Mauer und der DDR aber erfuhren wir, dass die DKP einen direkten Infiltrationsauftrag ausführte, dass Kader von ihnen im Auftrag der Stasi Engagierte in der Friedensbewegung ausspionierten. Die West-Kommunisten waren friedensbewegt, wenn es um die Aggressionen des Westens ging, und schlossen bei denen der Sowjetunion die Augen.

Genauso ist es heute.

Auch heute sind viele zur Osterzeit friedensbewegt. Gewalt kann keine Lösung sein, das glaube auch ich noch immer. Aber ich hätte im Lauf der Jahre nicht gedacht, dass ich eine Gewalt wie die Luftangriffe der USA auf eine syrische Militärkaserne nicht missbilligen würde. Und noch heute verschließen die echt Friedensbewegten aus den Resten der heute kümmerlich dahinvegetierenden Friedensbewegung die Augen vor den Kriegsverbrechen Russlands.

Die gleichen besorgten Rufe wie immer

Es ist ja auch eine feine Sache. Nun kann man sich besorgt geben. Die weiße Weste aus dem Schrank holen. Die Zeche zahlen andere, zum Beispiel die Syrer. Als in Reaktion auf den Giftgaseinsatz in der syrischen Stadt Khan Khaischun US-Marschflugkörper auf eine Kaserne des syrischen Militärs prasselten, da sprachen Politiker der Linke schon von einem drohenden Weltkrieg, so entsetzt gaben sie sich. Ähnliches Grauen hätte ich in ihren Gesichtern gern auch nach Angriffen von russischen Kampfflugzeugen auf zivile Gebäude in Syrien gesehen, aber ich gebe zu, das mit der Dialektik habe ich nie ganz begriffen.

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Den Bürgerkrieg wird dieser Angriff nicht beenden, eine Eskalation indes auch nicht hervorbringen. Natürlich war der Kreml vorab unterrichtet, und entsprechend verhalten war seine Reaktion – da gab sich die deutsche Linke alarmierter. Aus dem Kreml gab es höhnische Kommentare über die Treffsicherheit der Tomahawk-Waffen und darüber, was nun an der Kaserne zerstört worden ist und was nicht; die deutsche Linke heulte ob der Größe des Verbrechens und wird nun, mit Beginn der Ostermärsche in Deutschland, kräftig besorgt sein.

Was sollen eigentlich die Syrer dazu sagen, jene, welche die Zeche sowieso zahlen? Zum einen ist Gewalt tatsächlich keine Lösung. Kardinalfehler Nummer Eins war, dass die Opposition 2011 angesichts der maximal gewaltvollen Reaktion des Assad-Regimes auf die friedlichen Proteste sich dazu hinreißen ließ, selbst zu den Waffen zu greifen. Kardinalfehler Nummer Zwei war, dass die mittlerweile kämpfende Opposition sich nicht nur mit Radikalreligiösen verbündete sondern, Kardinalfehler Nummer Drei, schließlich sich ihnen unterordnete. Die waren nämlich besser im Organisieren von Waffen, die hatten und haben die zynischeren Lieferanten auf der mit uns befreundeten Arabischen Halbinsel.

Was zu tun ist

US-Präsident Donald Trump mag keinen Plan für Syrien haben. Er hat aber eine rote Linie gezogen. Giftgas? Nope. Natürlich muss genau untersucht werden, warum Giftgas über Khan Khaischun schwebte. Aber eine schnelle Reaktion, auch weil es so viele Hinweise auf das Assad-Regime als Urheber der Gaswolke gibt, war notwendig. Es ist ein Versäumnis von Barack Obama gewesen, dass er ähnliches 2013 nicht tat – damals setzte Assad auch Giftgas gegen die eigene Bevölkerung ein.

Wichtiger aber wird sein, dass es bei einer einmaligen Aktion nicht bleibt. Der Rauch der Tomahawks ist längst verzogen. Viel schwieriger und anstrengender würde eine Flugverbotszone sein. Aber sie wäre wichtig. Sie müsste jetzt durchgezogen werden, in Absprache mit Moskau und Teheran.

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Noch einmal zur Gewalt: Ja, die jahrelangen Waffenlieferungen an Assads Gegner waren ein Fehler. Doch jetzt ist ein Weg der Gewaltlosigkeit keine Lösung mehr für Syrien. Und da mögen Verschwörungsphantasten wie Michael Lüders noch so oft den „Westen“ als alleinigen Grund für alles Übel im Nahen Osten verteufeln – Recht haben sie damit nicht; es gibt auch hausgemachte Probleme, zum Beispiel die Zerstrittenheit der syrischen Opposition. Lüders und andere nehmen stets einen zu großen Schluck aus der Orientalismusflasche, das wirkt auf komische Art selbst wieder kolonialistisch, nach dem Motto: Nicht einmal ihre Fehler machen die Araber selbst.

Was es jetzt braucht, wird der Friedensbewegung nicht gefallen: Es braucht Gewaltandrohung. Es braucht kein Beharren auf ein Syrien mit oder ohne Assad, diese Verengung war von Beginn an zumindest überflüssig. Es braucht ein Austrocknen der Waffenströme. Und es braucht schlimme Gewalt, um weiteren Kriegsverbrechen, seien es jene des Regimes oder jene des IS, ein Ende zu setzen.

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