Lahme Konjunktur, steigende Zinsen - So viele Insolvenzen wie seit zehn Jahren nicht mehr: „Deutschland ist zu träge“

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Martin Gerten/dpa

162 Großunternehmen und bis zu 11.000 Unternehmen insgesamt haben im ersten Halbjahr 2024 Insolvenz angemeldet. Das sind 30 bis 40 Prozent mehr als vor einem Jahr. Der Anstieg an sich ist nicht dramatisch, aber die Rettung wird immer schwieriger.

Galeria Kaufhof traf es im Januar zum dritten Mal in nur drei Jahren, den Reiseveranstalter FTI Touristik Anfang Juni zum ersten Mal: Die Zahl der Insolvenzen hat in Deutschland in diesem Jahr deutlich zugelegt. Die Unternehmensberatung Falkensteg registrierte im ersten Halbjahr 8800 neue Verfahren, die Wirtschaftsauskunftei Creditreform zählt rund 11.000 Pleiten. Beide Zahlen wären ein deutlicher Anstieg gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 25 bis 30 Prozent.

Besonders stark ging es bei den Großinsolvenzen nach oben. Laut Falkensteg meldeten gleich 162 Unternehmen mit einem Umsatz von mindestens zehn Millionen Euro Insolvenz an. Das sind 41 Prozent mehr als im ersten Halbjahr 2023 und gleichzeitig der höchste Wert seit 2020, als die erste Schockwelle der Corona-Krise sogar 173 Opfer forderte. Ansonsten gingen in den vergangenen zehn Jahren so viele Großunternehmen wie nie in die Pleite. Auch die Gesamtzahl der Insolvenzen hat den höchsten Stand seit fast zehn Jahren erreicht.

Die Gründe für den Anstieg sind vielfältig: Falkensteg nennt immer noch die Nachwirkungen der Corona-Pandemie, die schwächelnde Binnenkonjunktur, die geopolitischen Spannungen insbesondere durch den Ukraine-Krieg, das gestiegene Zinsniveau und einige branchenspezifische Herausforderungen als Hauptprobleme. „Viele Unternehmen müssen sich verändern, um in der Dynamik des internationalen Handels mithalten zu können“, sagt Jonas Eckhardt, Partner der Unternehmensberatung, aber: „Deutschland ist derzeit zu träge“.

Immobilienbranche am stärksten betroffen

Die Rettung der betroffenen Unternehmen wird zudem erschwert: „Der Fokus des Insolvenzrechts liegt auf Sanierungen und dem Erhalt von Unternehmen sowie Arbeitsplätzen“, sagt Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Creditreform Wirtschaftsforschung. Doch in Zeiten stark gestiegener Zinsen finden sich seltener Investoren, die Teile oder komplette insolvente Unternehmen übernehmen wollen und können, weil sich diese Investitionen für sie nicht lohnen würden. Arbeitsplätze steigen zudem im Preis, weil die Löhne im Nachgang der Corona-Krise stark zugelegt haben. Nominal ging es im ersten Quartal um 6,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr nach oben. Diese Kosten muss ein Investor eben auch zusätzlich aufbringen, um ein insolventes Unternehmen zu retten. Obwohl die Zahl der Firmenpleiten stark gestiegen ist, blieb die Zahl der betroffenen Mitarbeiter aber weitgehend konstant: Laut Creditreform arbeiteten rund 133.000 Menschen in den insolventen Groß-Unternehmen. Vergangenes Jahr waren 125.000 Personen betroffen.

Die Verteilung der Pleiten auf verschiedene Branchen zeigt, dass es sich um ein gesamtwirtschaftliches Phänomen handelt. Zwar stehen die Insolvenzen von Einzelhandelsketten wie Galeria Kaufhof oder Modemarken wie Esprit stärker im Fokus der Öffentlichkeit, aber auch in den Bereichen Logistik, Metallwaren und Immobilien sind die Zahlen stark angestiegen. Letztere führt in absoluten Zahlen die Statistik an. Das ist angesichts der Krise in der Bauwirtschaft nicht verwunderlich, doch traditionell ist die Immobilienbranche vorne zu finden. Bei den Großinsolvenzen stieg sie im Vergleich zum Vorjahr um erstaunliche 233 Prozent.

Insolvenzen erreichen Vor-Corona-Niveau

Für den Rest des Jahres erwarten die Experten kaum eine Besserung: „Die Insolvenzzahlen werden in diesem Jahr um mindestens 40 Prozent über dem Vorjahresniveau liegen“, sagt Eckhardt. „Im Gesamtjahr dürften die Unternehmensinsolvenzen noch zunehmen und erstmals wieder das Vor-Corona-Niveau übersteigen“, sagt Hantzsch.

Seit der Finanzkrise 2009 waren die Insolvenzzahlen in Deutschland jedes Jahr rückläufig. Den Tiefpunkt erreichte die Entwicklung 2021, als nur knapp 14.000 Unternehmen Insolvenz anmeldeten. Das waren 38 Prozent weniger als im Schnitt der zehn Jahre zuvor. Teilweise lag dies aber auch an der ausgesetzten Antragspflicht während der Corona-Jahre. Sollte die Zahl der Insolvenzen in diesem Jahr um 40 Prozent steigen, läge sie bei rund 25.000. Das wäre der höchste Stand seit 2013 und läge zudem 32 Prozent über dem Schnitt der zehn Jahre zuvor.

Für die Staatskasse hat die aktuelle Statistik keine Auswirkungen. Da Insolvenzen nur ein Symptom der lahmenden Wirtschaft sind, haben die Steuerschätzer dies in ihren Prognosen bereits berücksichtigt. Auch dies führte dazu, dass die Steuerschätzung im Mai zuletzt geringer ausfiel als erwartet. Gegenüber der Schätzung im vergangenen Oktober müssen Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) und seine Amtskollegen aus den Bundesländern mit insgesamt 16 Milliarden Euro weniger in diesem Jahr auskommen.

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