"Ein Land, das umworben und verteufelt ist": ARD zeigt WM-Gastgeber Katar aus neuen Perspektiven

Die Berichterstattung vor der WM in Katar kulminiert. Insbesondere die öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF, die (neben Magenta TV) übertragen, sind um objektive Einordnung bemüht. Nicht nur bei Jochen Breyer (ZDF) steht die Frage im Raum: Wie konnte diese Vergabe passieren? Die Reportagen kommen spät, zu spät vielleicht.

Aufnahmen an der Flüssigkeitsanlage Katars, der zweitgrößten der Welt, waren verboten. Dafür durfte der
Aufnahmen an der Flüssigkeitsanlage Katars, der zweitgrößten der Welt, waren verboten. Dafür durfte der

Die Abneigung wird größer, je genauer hingesehen wird und je näher die WM in Katar rückt. In der ARD stecken nun Thomas Hitzlspergers Reportage "Katar - Warum nur?" (am Montag, 14. November, 20.15 Uhr) und die "Weltspiegel"-Impression "Katar Inside" (Sonntag, 13. November, 18.30 Uhr) die kritischen bis abwiegelnden Positionen ab.

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Bei Hitzlsperger werden in Nepal die Särge der toten Bauarbeiter aus Katar angeliefert. Er besucht eine Witwe, deren Mann beim Bau von WM-Anlagen unter einem Zementhaufen begraben wurde. Für Hitzlsperger "hat diese WM jeden Zauber verloren". Er schlägt sich nicht unbedingt mit den Argumenten herum, die Menschenrechtsverbesserungen ins Feld führen. Er lässt sich die Arbeitsbedingungen schildern und die Kredite, die den Vermittlern bei Niedrigstlöhnen jahrelang zurückzuzahlen sind.

Weil niemand genau weiß, wie viele Tote es auf den Baustellen von Katar gegeben hat, ist es müßig, ihm womöglich zu hohe Angaben vorzuwerfen. Am Ende geht der geoutete Ex-Fußballer in seinen Heimatclub VfB Forstinning zurück. "A bissl korrupt" kommt ihm alles vor, sagt sein alter Trainer. "I dat scho' boykottier'n." Für Hitzlsperger war die Reise nach Katar ernüchternd. Er plädiert dafür, die WM künftig nur noch an Länder zu vergeben, die die Menschenrechte respektieren und einhalten. "Sonst macht sich der Fußball weiter schuldig."

Ein Bild wie eine Fata Morgana: die Skyline von Doha. Doch hinter die Fassaden zu blicken ist schwer - nicht zuletzt wegen der medialenm Restriktionen. Das zeigt auch die Weltspiegel-Doku
Ein Bild wie eine Fata Morgana: die Skyline von Doha. Doch hinter die Fassaden zu blicken ist schwer - nicht zuletzt wegen der medialenm Restriktionen. Das zeigt auch die Weltspiegel-Doku

 

Hitzlsperger benennt die Dinge beim Namen, lehnt sich nicht weiter heraus, als es ihm die persönlichen Recherchen erbringen. Die "Weltspiegel"-Doku "Katar Inside" am Sonntagabend ist da eher das genauer Gegenteil. "Ich fliege in ein kleines Land am Persischen Golf", sagt die Reporterin Ute Brucker zu Beginn der Reportage, in "ein Land, das umworben und verteufelt" sei.

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Zwar werden auch hier gleich mal die Dreharbeiten behindert, doch zunehmend trifft Brucker in Katar sympathische Menschen - vom Gemüseanbauer, der in diesem Geschäft die Zukunft des Landes sieht, "wenn Gas und Cash einmal fehlen", bis zum Perlentaucher, der von der märchenhaften Riesenperle träumt und mit der Reporterin sein Ramadan-Fastenessen beim Sonnenuntergang teilt.

Thomas Hitzlsperger war selbst lange mit dem DFB-Mannschaftsbus unterwegs - als Nationalspieler.  (Bild: SWR/NGLOW / Nick Golüke)
Thomas Hitzlsperger war selbst lange mit dem DFB-Mannschaftsbus unterwegs - als Nationalspieler. (Bild: SWR/NGLOW / Nick Golüke)

Auch Wolfgang Ischinger, der Ex-Organisator des Münchner G 20-Treffens ist am Rande einer Katar-Konferenz zur Stelle. Er darf noch einmal die nützliche Vermittlerrolle Katars zwischen Ost und West, Islamisten und Amerika, erklären. "We are opening up!", sagen sie gerne in Katar, selbst das Frauenwahlrecht sei ja schon auf den Weg gebracht.

Aisha, eine populäre Sängerin, singt wohl sogar schleierlos bei der WM-Eröffnung mit. Wie sagt sie so schön im frohgemuten Film? - "Wenn du etwas wirklich willst, kannst du es schaffen." Das sind Töne, die im Vorfeld des umstrittensten WM-Turniers aller Zeiten zur Abwechslung auch mal ganz gut tun.

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